Wenn Frauen ermitteln Zum Tod der deutschen Krimi-Autorin Doris Gercke

Ja, im Angelsächsischen hatte es das schon gegeben, aber für den deutschsprachigen Raum war sie eine Pionierin: Mit ihrer Kommissarin Bella Block schuf Doris Gercke Ende der 1980er-Jahre ein Parademuster des politisch-feministischen Kriminalromans. Am 25. Juli ist die Autorin im Alter von 88 Jahren verstorben.

Als Gerckes Erstling »Weinschröter, du musst hängen« 1988 im kleinen Verlag am Galgenberg erschien, wurde er gleich zum beachtlichen Erfolg. Sie selbst hat das 2022 in einem Radiointerview in der damaligen gesellschaftlichen Situation verortet. »Das war die Zeit, in der die Frauenbewegung am Ende schien. Und dann kommt ein Kriminalroman, in der eine Figur alle Ziele der Frauenbewegung verkörpert: eigenes Geld verdienen, unabhängig sein vom Mann, die Kinderfrage, die Ehefrage nicht in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen.«  

Der Roman hatte es auch sonst in sich, indem er einen Mord und dessen Aufklärung aus der Grossstadt aufs Land verlegte, und das war alles in einer knappen, kühl ironischen Sprache erzählt.

In den folgenden Jahren veröffentlichte Gercke regelmässig weitere Bella-Block-Krimis, teilweise sogar zwei im Jahr. Siebzehn sind es schliesslich bis 2012 geworden. Um die Hauptfigur herum bauten sich präzise Milieustudien auf, da Gercke ein scharfes Auge und Ohr für die Spaltungen der zeitgenössischen Klassengesellschaft hatte. Massenwirksam wurden ihre Krimis, als sie ab 1994 vom ZDF verfilmt wurden, mit Hannelore Hoger in der Hauptrolle, die den sachlich-ironischen Ton von Gerckes Bella Block traf. 

1937 geboren, verlief Gerckes Berufskarriere wie bei vielen Frauen ihrer Generation keineswegs geradlinig. Das Abitur konnte sie nicht abschliessen, da die Eltern sich das damals noch erforderliche Schulgeld fürs Gymnasium nicht leisten konnten. Nach einer Verwaltungslehre und einiger Zeit in einem Verwaltungsapparat, übernahm sie mit ihrem zweiten Kind die Arbeit als Hausfrau und Mutter. Dann, mit 40 Jahren, legte sie ein Begabtenabitur ab und studierte Jura mit Abschluss ›Befähigung zum Richteramt‹. Als Juristin arbeitete sie frelich nie, sondern fing 1987 mit Schreiben an. Dabei orientierte sie sich nach eigener Aussage bezüglich des Tons an Raymond Chandler, bezüglich der Sozialkritik am schwedischen AutorInnenpaar Sjöwall /Wahlöö und bezüglich des feministischen Ansatzes an der eigenen Lebens- und Politgeschichte. Durch den Erfolg des ersten Krimis konnte sie sich als Schriftstellerin etablieren.  

Neben den Bella-Block-Romanen entwarf Gercke in andern Büchern weitere eindrückliche Frauenfiguren wie die unermüdliche Ex-Anwältin Milena Proháska. Zudem betätigte sie sich sporadisch in anderen Genres, vor allem mit einigen Kinder- und Jugendbüchern. Dabei waren für sie Krimis eine zeitgemässe Kunstform: «Kunst hat etwas mit Abbildung von Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit zu tun. Je wahrhaftiger ein Krimi ist, desto besser finde ich ihn.« 

Und sie war jahrzehntelang politisch aktiv. 1967 gehörte sie der Apo an und trat 1970 kurzzeitig der DKP bei. Konsequent blieb ihr Einsatz für die Friedensbewegung; ebenso engagierte sie sich ihr Leben lang gegen Sexismus und faschistische Tendenzen. »Ich bin nahe bei der unteren Schicht, aus der ich ja komme, und bei den Frauen«, sagte Gercke zu ihrem 80. Geburtstag in einem Interview.

2015 gründete sie mit Kolleginnen zusammen »Herland«, ein Netzwerk von Autorinnen, Verlegerinnen und Buchhändlerinnen aus der Krimiszene, das unter dem Motto »feministischer Realismus in der Kriminalliteratur« die etwas ins Abseits geratenen feministischen Krimis fördern soll. Bis kurz vor ihrem Tod war die 2023 zur Ehrenvorsitzenden ernannte Gercke für diese Sache tätig. Ein letztes Buch, eine Sammlung von Prosa und Lyrik, wird posthum im Argument-Verlag erscheinen. 

 

Stefan Howald

 

Foto Deff Westerkamp

In der Bibliothek schema f im bücherraum f sind elf Kriminalromane von Doris Gercke vorhanden: «Weinschröter, du musst hängen» (1988), «Nachsaison» (1988), «Moskau, meine Liebe» (1989), «Die Insel» (1990), «Der Krieg, der Tod, die Pest» (1990), «Kinderkorn» (1991) – alle im Verlag am Galgenberg erschienen.  «Auf Leben und Tod» (1995), «Dschingis Khans Tochter» (1996) «Der Tod ist in der Stadt» (1998) und «Die Frau vom Meer» (2000) wurden von Hoffman und Campe herausgegeben, «Die schöne Mörderin» (2001) von Ullstein.