bücherraum f

ein raum - zwei bibliotheken - viele debatten

Jungstrasse 9, 8050 Zürich

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Veranstaltungen

Der bücherraum f ist ein Begegnungszentrum. Umgeben von Büchern bietet sich darin die Möglichkeit, in intensivem Rahmen zu debattieren. Ein breit gefächertes Programm mit Lesungen, Vorträgen und Diskussionen wird sich mit historischen und aktuellen Publikationen und Fragen auseinandersetzen. Der Raum steht aber auch gegen einen Unkostenbeitrag für private Initiativen zur Verfügung. Wer etwas zur Diskussion stellen will, kann das hier in anregender Ambiance tun.


Freitag, 25. Oktober 2019, 19 Uhr

Mehrfache Identität
Catherine Barry Aubert im Gespräch

Catherine Aubert stellt die Anliegen und die Arbeit der IG Binational vor, die sich für binationale Partnerschaften/Familien und solidarisches Handeln zwischen SchweizerInnen und MigrantInnen einsetzt, im Spannungsfeld von Integration und Kulturaustausch.

Donnerstag, 7. November, 2019, 19 Uhr

Politische Krimis
Der Mörder ist niemals die Gärtnerin

Seit 1988 ist Else Laudan verantwortlich für die Ariadne-Krimis im Hamburger Argument-Verlag. Sie hat Aberdutzende von Büchern betreut und lektoriert. Warum wird nach den angelsächsischen seit einiger Zeit auf deutsche Kriminalromane gesetzt? Was macht einen feministischen, politisch engagierten Krimi aus? Was macht einen guten Krimi aus?

Freitag, 29. November, 2019, 19 Uhr

Gekrochen ist sie nie
Dora Koster in ihren eigenen Worten

Zum zweiten Todestag der Schriftstellerin, Malerin und Naturgewalt Dora Koster präsentiert Stefan Howald Texte und SMS, Gemälde und Fotografien aus dem Nachlass. Vom Verschmelzen mit der Natur über die Gewalt der Liebe bis zur Abrechnung mit der Gesellschaft der Soliden.

Montag, 16. Dezember, 2019, 19 Uhr

"ausgelesen"
Peter Schneider stellt Bücher aus der Bibliothek vor

Peter Schneider arbeitet in Zürich als Psychoanalytiker, Satiriker und Kolumnist (SRF3, Tages-Anzeiger, Bund und SonntagsZeitung). Er ist PD für klinische Psychologie an der Uni Zürich und unterrichtet an der International Psychoanalytic University (IPU) in Berlin History and Epistemology of Psychoanalysis.

Vorschau

Januar 2020:

Andi Rieger
Wer beherrscht die Schweiz?

Februar 2020:

Weltreiselust
Ella Maillart, die abenteuerlustigste Schweizerin


frühere Veranstaltungen

Freitag, 4. Oktober 2019, 19 Uhr

"in der Diskussion"
Hoch die internationale ...

Urs Sekinger hat von 1990 bis 2018 als Koordinator des Solifonds gearbeitet. Der ausgebildete Ethnologe und langjährige "Widerspruch"-Redaktor kennt die Widerstandskämpfe weltweit. Wie sieht es heute mit der internationalen Solidarität aus? Wie kann der Kampf aus dem Zentrum des globalen Wirtschaftssystems heraus geführt werden?


Samstag, 28. September, 10 bis 16 Uhr

Lücken füllen
Doublettenverkauf des bücherraums f

Von Theodor W. Adorno bis Peter Weiss, von Simone de Beauvoir bis "Olympe". Vor allem Sachbücher, aber auch etliche Krimis sind zu haben, gebraucht oder neuwertig. Nach dem Bummel auf dem Örliker Markt lässt sich bequem die geistige Nahrung aufstocken. Die Buchhandlung Nievergelt in Oerlikon gewährt uns Gastrecht im Zelt vor dem Geschäft an der Franklinstrasse 23.


Montag, 9. September 2019, 19 Uhr

"ausgelesen"
Josef Lang stellt Bücher aus der Bibliothek vor

Josef Lang ist Historiker, Publizist und Aktivist. Langjähriger linksalternativer Nationalrat, unerbittlicher Kritiker des Militärunwesens und der Rohstoffmultis. Liebhaber der Demokratie in mancherlei Spielarten, Kenner des Schweizer Katholizismus und der spanischen Geschichte.

Als die Haare der Männer länger wurden
Jo Lang im bücherraum f
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Eine bemerkenswerte These, warum sich das Frauenstimmrecht in der Schweiz nach vielen Ansätzen 1971 schliesslich durchsetzen konnte, präsentierte der Historiker und ehemalige Nationalrat Jo Lang am 9. September im gut besetzten bücherraum f. Warum hatten, so die Ausgangsfrage, 1959 zwei Drittel aller Männer die politische Gleichberechtigung der Frauen abgelehnt, und ein Jahrzehnt später, 1971, stimmten ihr zwei Drittel zu? Neun Bücher und Aufsätze zum Thema hatte Jo Lang ausgelesen, und sorgfältig arbeitete er heraus, was aus den einzelnen Studien für einen Erklärungsansatz zu gewinnen sei. Lotte Ruckstuhls Arbeit beispielsweise präsentiert eine Fülle von Zahlen zu kantonalen Abstimmungen übers Stimm- und Wahlrecht. Daraus lassen sich Phasen ablesen. 1959 bis 1966 gab es langsame Fortschritte, vor allem in der Westschweiz, 1966 setzte eine Beschleunigung ein, die ab 1968 schneller wurde und 1971 zur Einführung auf eidgenössischer Ebene führte - wobei nicht so sehr die 68er Bewegung im engeren Sinn dafür verantwortlich zeichnet.

Eine These, die in mehreren Studien vertreten wird, verwirft Jo Lang: Die erhöhte Beschäftigungsquote der Frauen habe diese in der Öffentlichkeit sichtbarer gemacht. Tatsächlich nahm die Erwerbstätigkeit der Frauen in den sechziger Jahren sogar ab und erreichte 1970 mit weniger als 30 Prozent einen historischen Tiefstand. Das war der Hochkonjunktur geschuldet, in der ab den fünfziger Jahren der männliche "Ernährerlohn" erstmals tatsächlich zum Unterhalt einer Familie genügte - er blieb in der Folge auch nach der Einführung der politischen Mitbestimmung ein ideologisch wirksames Konstrukt, das die wirtschaftliche Gleichstellung verlangsamte.

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Die Tatsache der abnehmenden Erwerbstätigkeit zeigt für Jo Lang, dass eine strukturelle Erklärung fürs Frauenstimmrecht nicht ausreicht, sondern dass die "mentale Modernisierung" und die politischen Bewegungskräfte berücksichtigt werden müssen.

Wie etwa Jost Aregger gezeigt hat, war die Macht der katholischen Kirche vor allem in ihren Stammlanden Ende der fünfziger Jahre noch kaum gebrochen. Die Schweizer Kirche hinkte da, wie das ganze Land, der Entwicklung hinterher. 1945 hatte der Papst zur Teilnahme der Frauen an den italienischen Wahlen aufgerufen - allerdings auch aus wahltaktischen Gründen, weil man von den ländlichen Frauen eher Stimmen für die Democrazia Cristiana erhoffte. Dennoch wurde dieses Bekenntnis zum Frauenstimmrecht von der Führung der Schweizer KatholikInnen abgelehnt und dessen Erwähnung in Predigten untersagt.

Bedeutsamer war freilich eine übergreifende Konstruktion geschlechtsspezifischer Bilder, geschaffen durch den Zweiten Weltkrieg und den nachfolgenden Kalten Krieg. Während der wehrhafte Schweizer auch nach der Demobilisierung das Bild eines wahren Schweizer Mannes prägte, wurden die Frauen nach dem kurzzeitigen Einbezug in die Landesökonomie nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in den Haushalt zurückgedrängt. Wehrmann versus Hausfrau bildete die prägende Dichotomie.

Bezüglich der politischen Bewegungskräfte wollte Jo Lang differenzieren. Während die Bedeutung der "traditionellen", auch bürgerlichen Frauenbewegung nicht unterschätzt werden sollte, hat Beatrix Mesmer darauf hingewiesen, dass bekannte Männer, die das Frauenstimmrecht grundsätzlich bejahten, auf die Frauen einen dämpfenden Einfluss ausübten. Zentral wurden allerdings zwei taktische Fragen. Erstens: Sollte man sich darauf konzentrieren, den bestehenden Artikel 74 der Bundesverfassung, der "allen Schweizern" das Stimm- und Wahlrecht garantierte, so zu interpretieren, dass er auch alle Schweizerinnen einschlösse, oder ging es offensiv darum, in einer Neuformulierung "alle Schweizerinnen" explizit zu erwähnen. Gewichtiger noch war die zweite Frage um den Beitritt der Schweiz zur Europäischen Menschenrechtskonvention. Der Bundesrat hatte vorgeschlagen, dieser mit dem Vorbehalt des fehlenden Frauenstimmrechts beizutreten. Diese Position wurde auch von der SPS unterstützt. Dagegen wurde von alter wie neuer Frauenbewegung argumentiert, ein solcher Beitritt mit Vorbehalt komme einer Bankrotterklärung der schweizerischen Demokratie gleich. Der Marsch auf Bern am 1. März 1969 mit 5000 Frauen und einigen Männern, bei dem, angeführt von Emilie Lieberherr, eine Petition überreicht wurde, löste ein gewaltiges mediales Echo aus und verstärkte den politischen Druck für eine schnelle Einführung des Frauenstimmrechts.

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Für Jo Lang entsprach die Haltung der SP einem unkritischen Modernismus, der den grundsätzlichen Anschluss an Europa über die konkreten Inhalte setzte. Er verglich das aus seiner eigenen Aktivität in der GSoA mit der Debatte um die Auslandseinsätze der Schweizer Armee. In beiden Fällen sei die SP, weil sie sich von den sozialen Bewegungen entfernt habe, von einem kritischen Bevölkerungssegment abgestraft worden.

Von dieser politischen Auseinandersetzung schlug er den Bogen zurück zu den mentalen Bildern. Entwicklungen wie die Pille brachten einerseits das Bild der selbstgenügsamen Hausfrau ins Wanken. Entschieden aber wurde die Einführung des Frauenstimmrechts durch die immer noch allein stimmberechtigten Männer. Auch für diese wurde in den sechziger Jahren der Wehrmann als Selbstbildnis zusehends blasser, ja im Alltag obsolet. Umgekehrt liesse sich sogar von einer "Feminisierung" der Männer sprechen. Jo Lang fasste das in die griffige These zusammen: Die Männer wurden reif für das Frauenstimmrecht, als sie begannen, längere Haare zu tragen.

Ein brandneuer Film, "Tambour battant", als Walliser Komödie angeboten, liefert dazu Anschauungsmaterial. Er ist im Frühjahr 1970 angesiedelt, ein Jahr vor der Abstimmung zum Frauenstimmrecht. In einem idyllischen Dörfchen im Unterwallis gerät eine traditionelle Blaskapelle in die Krise und wird durch eine neue Formation konkurrenziert. Der Film spielt, bewusst, mit allen Klischees, was nicht immer gut geht. Doch immer wieder veranschaulicht er die mentalen Umbrüche der sechziger Jahre. Die Haarlänge der Protagonisten ist nicht ganz eindeutig zuzuordnen - der reaktionäre Fiesling trägt seine schmierigen Haare beinahe so lang wie der hippiemässige Rückkehrer aus der Grossstadt. Doch die Haltungen sind es. Die "Feminisierung" bezieht sich nicht nur auf den Einbezug von Frauen und Ausländern in die neue Blaskapelle, sondern auf das subversive Unterlaufen herkömmlicher männlicher Verhaltensweisen, wobei das Frauenstimmrecht als unumkehrbare Tatsache am historischen Horizont winkt. Dass am Schluss die heterosexuelle Liebe mehrfach siegt, ist dann wohl mehr den Genreanforderungen als irgendeiner Schweizer Harmoniesucht geschuldet.

sh

Jo Langs Literaturliste:
- Lotti Ruckstuhl: Frauen sprengen Fesseln. Interfeminas Verlag (oJ).
- Zeitschrift für Geschichte, Nr. 3/1996. Thema: Geschlecht und Staat (Beitrag Brigitte Studer).
- Yvonne Vögeli: Zwischen Hausrat und Rathaus. Chronos Verlag 1997.
- Jost Aregger: Presse, Geschlecht, Politik. Berner Texte 1998.
- Mario König/Georg Kreis/Franziska Meister/Gaetano Romano (Hrsg.): Dynamisierung und Umbau. Die Schweiz in den 60er und 70er Jahren, Band 3 der Reihe Die Schweiz 1798-1998. Chronos Verlag 1998 (Beitrag May B. Broda/Elisabeth Joris/Regina Müller).
- Christof Dejung/Regula Stämpfli (Hrsg.): Armee, Staat und Geschlecht. Chronos Verlag 2003 (Beiträge Regula Stämpfli und Elisabeth Joris).
- Studien und Quellen 30 (Zeitschrift des Schweizerischen Bundesarchivs): Die Erfindung der Demokratie in der Schweiz. Chronos Verlag 2004 (Beitrag Sibylle Hardmeier).
- Beatrix Mesmer: Staatsbürgerinnen ohne Stimmrecht. Chronos Verlag 2007.
- Franziska Rogger: Gebt den Schweizerinnen ihre Geschichte. NZZ Verlag 2015.



Donnerstag, 1. August 2019

Rückblick auf die Schweiz
Carolyn Kerchhof

Gut gewandert
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Welch eine sinnige Veranstaltung zum 1. August. Carolyn Kerchof wird nach sieben Jahren in der Schweiz im Januar in die heimatlichen USA zurückkehren; und als Vorschein des Abschieds hat sie ein Magazin kreiert, "Bad Hiking", und als erste Nummer autobiografische Aufzeichnungen verfasst, die sich als Rückblick auf die Schweiz anbieten und die Carolyn am schweizerischen Nationalfeiertag FreundInnen und Bekannten im bücherraum f präsentierte. Eine Vernissage verband sich mit einer Feier und einem vorgezogenen Abschied im gut gefüllten bücherraum f zu einer aparten Mischung; zudem war es die erste englischsprachige Veranstaltung bei uns.

Jonathan Pärli stellte einleitend ein paar Bezüge zu Kulturaustäuschen und Grenzüberschreitungen her, berichtete von einer 1.-August-Feier von MigrantInnen und HelferInnen jenseits der Tessiner Grenze, und wies kühn darauf hin, dass auch Oerlikon vom Zürcher Stadtzentrum aus zuweilen als grenzwertig betrachtet werde.

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Carolyn Kerchof kam nach einem halben Jahr in Deutschland im September 2012 studienhalber in die Schweiz, und die Berge spielten vorerst keine besondere Rolle. "The Alps never really occurred to me when I thought about moving here. In theory I knew they were there, but in practice, I didn’t see how they could have anything to do with me." So lässt sich ihr Unterfangen, das Wandern, das Bergwandern als Hobby zu entdecken und zu erlernen, geradezu als ein bewusstes Erziehungsprojekt verstehen, und der Bericht darüber als eine Entwicklungsnovelle, in neun Kapiteln oder Stationen, denn Wandern ist ja, mit einem Augenzwinkern gesagt, zugleich eine Lebensschule.

Es gibt Aspekte, die fürs Wandern allgemein gelten: gute Organisation zum Beispiel, oder angemessenes Essen - wobei Carolyn das ganz persönlich besonders wichtig ist: "Just thinking about hiking makes me ravenous. In general, my appetite impresses me, but my cravings peak when I’m in the mountains, and few things fill me with dread like the prospect of running out of food." Was sie mit einigen Beispielen illustriert.

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Dann gibt es Aspekte, die in der Schweiz eine besondere Bedeutung bekommen. "Gear" beispielsweise, also die Ausrüstung. Die ist in der Schweiz geradezu fetischistisch besetzt. Carolyn besucht zu Beginn ihres Wegs Transa an der Europaallee, "evidence of the burgeoining amateur hiking lifestyle", wo sich alles und noch mehr finden lässt, was sich je mit Wandern verbinden liesse, in der Schweizer Hochpreisinsel: "it is outdoors haute couture" - was eine besondere Pointe bekommt, weil Transa mal als Genossenschaft startete, die den kapitalistischen Hochtourismus unterlaufen sollte.

Als besonders typisch schweizerisch greift Carolyn auch den Bergführer auf. Patricia Purtschert hat beschrieben, wie der Anfang des 20. Jahrhunderts in der Literatur zum prototypischen Schweizer Mann erklärt worden sei, "einfach, ehrlich, mutig und loyal" - wobei Carolyn bei einem Besuch in der Kletterhütte Bockmättli eben einen solchen Naturburschen zu treffen scheint, der zwölf Stunden lang treuherzig kein Wort sagt.

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Besonders schweizerisch ist für Carolyn zudem die Infrastruktur: die Wanderwege und deren Beschriftung. Letztere basiert auf dem Werk von Adrian Frutiger (1928 - 2015), dem weltweit anerkannten Schweizer Typographen. Seine Frutiger, eine serifenlose Linear-Antiqua, markiert viele öffentliche Gebäude und Stätten. 2003 kaufte das Bundesamt für Strassen (Astra) zwei Spezialversionen, Astra-Frutiger Standard und Astra Frutiger-Autobahn. Damit wurden einerseits das Wanderwegnetz, andererseits das Autobahnnetz gekennzeichnet, die beiden Pole der Schweizer Perfektion.

"Bad Hiking" ist eine hübsche Mischung von (Selbst)Beobachtungen und Reflexionen, mit etlicher Selbstironie. Durchs Wandern ist in Carolyn auch eine Liebe zur Schweiz entstanden, die eine Liebe zu Menschen in der Schweiz ist.

Carolyn Kerchof: "Bad Hiking. A memoir". Zürich 2019. 24 Seiten. Zu beziehen über bücherraum f, Schutzgebühr 5 Franken.


Freitag, 21. Juni 2019, 19 Uhr

"in der Diskussion"
Ach, diese Religion

Die Linke tut sich schwer mit der Religion, sieht sie zumeist durchs aufgeklärte Bewusstsein überholt. Marx hatte mit dem Bonmot von der Religion als "Opium des Volkes" noch den kreativen Umgang mit sozialen Nöten im Blick. Doch eine linke Religionskritik heisst für Rolf Bossart nicht, Glauben loszuwerden, sondern sich über Herkunft und Funktion des Glaubens Rechenschaft zu geben - auch des eigenen. Bossart ist Theologe, Dozent für Religionswissenschaft und Psychologie sowie Publizist.

Die notwendige Schuld
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Doch, wir brauchen ein Konzept der Schuld. "Verantwortung" greift für Rolf Bossart zu kurz. Ethische Kategorien seien zu allgemein, man müsse dem Individuum eine ebenso emotionale wie vernunftmässige existenzielle Erschütterung zugestehen.

Das war eine der pointierten Stellungnahmen von Bossart bei seinem Besuch im bücherraum f am 21. Juni. Dass die kapitalistische Schuldenwirtschaft uns umklammere, sei ebenfalls kein Grund, die modische Abwertung, ja Verneinung des Schuldbegriffs mitmachen.

Rolf Bossart ist Theologe, Dozent für Religionswissenschaft und Psychologie sowie Publizist. Seines Erachtens braucht es eine Religionskritik auf der Höhe der Zeit. In der Linken ist es dazu nicht zum Besten bestellt. Marx hat zwar keine blosse Priestertrugtheorie vertreten, wonach die Menschen zur Religion verführt würden, sondern im religiösen Ausdruck immerhin eine bestimmte "Protestation gegen das wirkliche Elend" gesehen - doch ist darin letztlich auch ein Vorurteil gegen die Unvernunft der Religion angelegt. Das gängige Urteil, Religion sei durch die aufgeklärte Vernunft überholt, ist aber für Bossart seinerseits überholt. "Religion wird bleiben." Sie müsse als gültige Ausdrucksform menschlicher Welt- und Selbstdeutung anerkannt werden, in ihrer ambivalenten Vielfalt.

Die Menschen sind Zugriffen von aussen ausgesetzt. Entsprechend lassen sich Leiden und Schuld nicht wegkonstruieren. Dafür ein vages metaphysisches Bedürfnis zu setzen, sei eine etwas billige Ausflucht, vielmehr müsse man sich mit den konkreten religiösen Formen auseinandersetzen, die diese Beschäftigung mit dem Extraterritorialen historisch und aktuell gefunden habe.

Für eine komplexe Schulddiskussion führte Bossart auf Nachfrage das Beispiel von Pier Paolo Pasolinis Haltung zur Abtreibung an. Der Kapitalismus, dem alles käuflich gilt, kann ein Lebensrecht nicht garantieren, trifft aber in der Frage von Zeugung und Schwangerschaft auf moralische Vorbehalte. Die gesetzlich geregelte Abtreibung ist eine Lösung, die die Gesellschaft im Widerstreit zwischen libertärem Wirtschaftsprinzip und ethischen Einwänden gefunden hat. Pier Paolo Pasolini verschärfte das Dilemma. Er unterstützte politisch das Recht auf Abtreibung, hielt aber fest, dabei entstehe doch eine existenzielle Schuldhaftigkeit - bei Frau wie Mann.

Der behauptete Gegensatz von Religion und Aufklärung ist für Bossart zu einfach gedacht. Jede Religion habe ihre interne Aufklärung, auch der Islam. Die aufklärerische Freisetzung der Autonomie könne nicht verabsolutiert werden, Autonomie, Abhängigkeit und Gemeinschaftlichkeit stünden in einem unauflöslichen Verhältnis.

Die Veranstaltung hätte ein paar TeilnehmerInnen mehr vertragen; aber das illustrierte einmal mehr, wie sich die Linke schwer tut mit dem Thema. Die Anwesenden allerdings verwickelten sich in eine ebenso lebhafte wie fundierte Diskussion, mit kontrastierenden Hinweisen auf andere Religionsformen als die christliche.

Er selber ist skeptisch einem personifizierten Gottesbild gegenüber, aber in der Kinderpädagogik, antwortete Bossart auf eine entsprechende Frage, arbeite er durchaus mit handfesten Bildern eines personalisierten Gottes, die er den Kindern zur selbständigen Prüfung anbiete. Für ihn lassen sich die meisten christlichen Begriffe und Konzepte fortschrittlich füllen, wie er an einzelnen Beispielen verdeutlichte. Die Bergpredigt fordere, dass die Starken den Schwächeren verzeihen. Der barmherzige Samariter handelt nicht utilitaristisch, gegenüber äusseren Rechtfertigungen, sondern folgt seinem eigenen Impuls der Solidarität. Jesus anerkennt die gesellschaftliche Strafe für Ehebrecherinnen, aber der einzelnen Ehebrecherin kann verziehen werden. Solche historischen Beispiele seien natürlich zu aktualisieren, aber sie zeigten durchaus anknüpfungsfähige Denk- und Handlungsmuster. Die Nächstenliebe, mit der sich die Menschen gegenseitig ergänzten, stehe herrschenden Handlungsformen gegenüber, auch die Gemeinde biete als Gemeinschaft eine Gegenpraxis an.

So verstanden sei Religion ein Befreiungsangebot, als Möglichkeit der ständigen Erneuerung.

Sh

Lesehinweis:

Rolf Bossart: Zur Religionskritik von Marx, mit Marx und über Marx hinaus. In: Cédric Wermuth / Beat Ringger (Hrsg.): MarxnoMarx. 33 Linke zur Frage, wie das Werk von Marx heute wieder fruchtbar gemacht werden kann. Ein Denknetz-Buch in der edition 8. Zürich 2018, S. 211 - 218.


Sonntag, 16. Juni 2019, 14 Uhr

Vierter Zürcher Büchner-Tag
Ein Rundgang

Georg Büchner in Oerlikon: Dazu gibt es Neues zu sagen. Wo der Schriftsteller und Flüchtling bei der Einreise nach Zürich 1836 wirklich die Pferde wechselte. Ob sich sein Friede, den er den Hütten wünschte, im Regina-Kägi-Hof niedergelassen hat. Was Max Bill und Max Frisch weiterhin von Büchner hielten. Ob sich die Rüstungsindustrie in Oerlikon angreifen lässt. Und was es mit den Grafitti am Gewerkschaftshaus auf sich hat.

Büchners in Zürich
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Die Luise-Büchner-Gesellschaft kam rechtzeitig zum Frauenstreik 2019 nach Zürich. Vor knapp zehn Jahren in Darmstadt gegründet, widmet sich die Gesellschaft Leben und Werk von Luise Büchner (1821-1877). Die jüngere Schwester von Georg Büchner war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine bekannte Bildungsreformerin und Frauenrechtlerin; verschiedene ihrer Sachbücher und belletristischen Werke sind in Neuauflagen weiterhin erhältlich. Dass die mehrtägige Reise der Gesellschaftsmitglieder den zweiten Schweizer Frauenstreik am 14. Juni einschloss, war da durchaus passend.

Unter der kundigen Leitung von Martina Kuoni setzte man sich am Freitag zuerst auf die Spuren von Frauen in Zürich, von Emilie Kempin-Spyri über Claire Goll und Ricarda Huch bis zu Caroline Farner. Im Gymnasium auf der Hohen Promenade übten die Jugendlichen gerade Debatten zu Klimanotstand und Frauenstreik. Und die Frauendemo am späteren Nachmittag beeindruckte die BesucherInnen aus Hessen aufs Schönste.

Rosa Luxemburg

Am Abend war die Gesellschaft dann im bücherraum f eingeladen. Melinda Nadj Abonji, stark bewegt vom Frauenstreik, hatte eben gerade einen Text fertig gestellt, über Rosa Luxemburg, den sie druckfrisch vortrug; seither ist er digital in der "Republik" erschienen.

Die Revolutionärin Rosa Luxemburg (1871-1919) hat neun Jahre in Zürich verbracht und hier studiert, weil im deutschsprachigen Raum nur an der Universität Zürich Frauen und Männer gleichberechtigt zugelassen waren. Ab Mai 1889 wohnte sie in Zürich Oberstrass, ab Oktober 1889 belegte sie Philosophie, Mathematik, Botanik und Zoologie. 1892 nahm sie das Studium der Rechtswissenschaft auf, 1893 schrieb sie sich zudem in Staatswissenschaften ein.

Mehrfach wechselte sie in den neun Zürcher Jahren die Unterkunft, immer in der Nähe der Universität verbleibend. Rasch fand sie Kontakt zu deutschen, polnischen und russischen EmigrantInnen. Eine Zeitlang wohnte sie beim emigrierten SPD-Politiker Carl Lübeck, dessen Sohn Gustav sie später heiratete, um den deutschen Pass zu bekommen. In einem weiten Freundes- und Gesprächskreis suchte sie emigrierte StudentInnen und Arbeitern zusammenzubringen. Im Mai 1897 wurde ihre Doktorarbeit über "Polens industrielle Entwicklung" von der Universität angenommen, womit sie als erste Frau in Zürich zur Dr. oec. promovierte; ihr Doktorvater Julius Wolf nannte sie später den "begabtesten Schüler" seiner Zürcher Zeit. Im Mai 1898 reiste sie schliesslich nach Deutschland.

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Melinda Nadj Abonji beschrieb ihre Faszination durch Luxemburg, deren Vielseitigkeit und Offenheit, in einem dichten Text. Erst spät, gegen herrschende Vorurteile, sei sie Luxemburgs Sätzen begegnet und habe in diesen einen "klaren, kräftigen Herzschlag" vernommen, so ganz anders als in andern politischen Texten. Bei Luxemburg sei jederzeit eine Sprachmelodie voll erzählerischer Eleganz und Genauigkeit zu spüren.

Mit Briefzitaten belegte Nadj Abonji Luxemburgs Verbundenheit mit der Natur, die keine bloss aufgesetzte Empathie sei, sondern ein Mitfühlen im genauen Wortsinn. Luxemburgs Existenz gehöre einem "Lebensrhythmus an durch ihre zugewandte Aufmerksamkeit und ihre Vorstellungskraft", die Details mit grösseren Zusammenhängen verbinde. Gerade daraus sei ihr radikaler Antimilitarismus ebenso wie der Antiimperialismus erwachsen, gegen alle Gewalt, die den Menschen, Tieren und Dingen weltweit angetan werde.

Doch jede Beschäftigung mit Luxemburg sehe sich schliesslich mit dem Schmerz ihrer Ermordung konfrontiert, die unter schändlicher Duldung oder gar mit Hilfe der deutschen Sozialdemokratie geschehen sei. So viel sollte mit ihr getötet werden: Aufmerksamkeit, Weiterdenken, Hoffnung, Kritik am jämmerlichen Opportunismus, revolutionäre Ungeduld. Und dennoch sei das alles nicht verstummt. "Ja, die vielsprachige Rosa Luxemburg gibt keine Ruhe, sie ruft mir beherzt zu, auf Polnisch, Russisch, Deutsch, Französisch, Jiddisch: ’Die Revolution ist grossartig, alles andere ist Quark!’"

Der Zürcher Aufenthalt hat immerhin eine kleine Spur hinterlassen, eine Gedenktafel an der Plattenstrasse 47, wo Luxemburg 1894/95 wohnte, angebracht am Haus zur Platte, der Villa Wehrli, in dem das Englische Seminar der Universität residiert.

Melinda Nadj Abonji ist das entschieden zu wenig. "Baut dieser Frau endlich ein Denkmal!", ruft sie der Stadt Zürich zu und hat auch schon zwei mögliche Vorschläge: Eine Skulptur Rücken an Rücken zu Alfred Escher auf den Bahnhofplatz gestellt, um Eschers Blick auf die Bahnhofstrasse als Ort des Geldes und des Konsums die Sicht auf den Bahnhof als Ort des migrantischen Daseins entgegenzustellen. Oder dann könnte man den Helvetiaplatz umbenennen. "’Treffen wir uns am Rosalux?’ Klingt doch gut!"

Der Vorschlag fand im bücherraum f lebhaften Zuspruch - die Luise-Büchner-Gesellschaft hat nach langem Lobbyieren letztes Jahr in Darmstadt ein Denkmal für die Frauenrechtlerin einweihen können. Mittlerweile ist in Zürich in der Sache Luxemburg bereits eine Motion im Gemeinderat eingereicht worden.

Von der Spiegelgasse nach Hottingen
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Am Samstag, den 15. Juni, machte sich die Gesellschaft unter Anleitung von Stefan Howald auf die Spuren von Georg Büchner, vom alten Universitätsgebäude an der Kappelergasse über den Fischmarkt und - natürlich! - die Spiegelgasse bis zum ehemaligen Krautgartenfriedhof beim Kunsthaus. Man endete mit einem Abstecher nach Hottingen, wo Marie Heim-Vögtlin gearbeitet und gelebt hatte, die 1875 als erste Schweizer Ärztin zu praktizieren begann. Im Haus an der Hottingerstrasse 25 war sie von Luise Büchner im gleichen Jahr besucht worden, anlässlich der Gedenkfeier für Georg Büchner, nachdem dessen Gebeine vom aufgehobenen Friedhof Krautgarten auf den Germaniahügel beim Rigiblick versetzt worden waren. Luise Büchner verfasste darüber einen Bericht; beinahe interessanter als die offizielle Gedenkfeier, die überwiegend von Männern dominiert wurde, beschreibt sie ihren weiteren Zürich-Aufenthalt. Sie benutzte nämlich die Gelegenheit, um Schweizer Bildungsreformerinnen zu besuchen, neben Heim-Vögtlin etwa auch die Italienischlehrerin Sophie Heim und die Schriftstellerin Susanna Müller, die sie ihrerseits in das Schweizer Bildungssystem einführten.

Büchner und Oerlikon

Am Sonntag, den 16. Juni, bildete der bücherraum f den Ausgangspunkt für den vierten Zürcher Büchner-Rundgang. Im bücherraum ist gegenwärtig ein Fotoessay von Florian Bachmann zu sehen, in dem Georg Büchner durchs zeitgenössische Zürich wandert.

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Erste Station des Rundgangs bildete die Eisfeldstrasse 6, wo einst Niklaus Meienberg gewohnt und ein Gedicht über eine Liebe verfasste, die an der Büchnerstrasse ihren Anfang genommen hatte. Gleich um die Ecke, an der Friesstrasse, befinden sich mehrere Apartmenthäuser der Swiss Star Apartments. "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" ist ein Motto, das Büchner aus der Französischen Revolution übernommen hat, und die zeitgenössische Wohnpolitik begleitete die Wanderung untergründig. WOZ-Redaktor Daniel Stern erläuterte das dubiose neue Geschäftsmodell, die lokale Wohnbevölkerung durch Auskernung von Wohnhäusern und Umwandlung in Apartments zu vertreiben.

Während der Büchner-Rundgang 2018 eher die Seite gegen Seebach hin erkundet hatte, ging es diesmal via den Max-Frisch-Platz und den MFO-Park Richtung Westen und Neu-Affoltern. Armin Büttner und Adrian Riklin lasen jeweils passende Originaltexte von Büchner. Etwa beim Gustav-Ammann-Park im heutigen Gelände der Rheinmetall Air Defence AG. Der Park samt so genanntem "Wohlfahrtshaus" war 1942 vom Waffenproduzenten Emil Bührle angelangt worden, um mithilfe einer zufrieden gestellten Arbeiterschaft seine Gewinne steigern zu können. Die verschiedenen Essräume liess er mit grosszügigen Wandfresken verschiedener zeitgenössischer Künstler wie Ernst Georg Rüegg, Max Truninger und Karl Hügin schmücken. Sie sind noch heute im Firmenrestaurant zu besichtigen. Ein anderer Teil der ehemaligen Waffenfabrik Oerlikon-Bührle ist durch die Genossenschaftssiedlung der ABZ, der Regina-Kägi-Hof, überbaut worden. Weiter nördlich findet sich das Gewerbehaus Noerd, das die kreativen Industrien ins de-industrialisierte Oerlikon bringt. Via den Mascha-Kaleko-Weg und den Max-Bill-Platz kehrte man zur Binzmühlestrasse zum ehemaligen SMUV-Haus mit den Wandfresken von Adolf Funk aus dem Jahr 1844 zurück, über die sich einige Recherchen aus dem Sozialarchiv mitteilen liessen.

Ein radikales Ehepaar
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Am 27. Juni erwiderte Stefan Howald den deutschen Besuch in Riedstadt-Goddelau, im bewundernswürdigen Büchnerhaus. Im Gepäck trug er einen Vortrag über Caroline und Wilhelm Schulz mit: "Aus der Geschichte der deutschen Demokratie, und der schweizerischen dazu". Wilhelm Schulz (1797-1860) und seine Frau Caroline Schulz Sartorius (1801-1847) flüchteten 1836 als oppositionelle DemokratInnen aus Hessen, lernten in Strassburg den ebenfalls exilierten Georg Büchner kennen und wohnten ab November 1836 Wand an Wand mit ihm an der Spiegelgasse 12. Caroline Schulz pflegte Georg Büchner in den letzten Wochen bis zu dessen Tod am 19. Februar 1837 und hat bewegende Notizen dazu hinterlassen.

Kurz danach zogen die Schulzens vor die Tore der Stadt Zürich, nach Hottingen, an die Gemeindestrasse 27. Die Schulzens verkehrten vor allem in der deutschen Exilszene um Adolf Ludwig Follen und Julius Fröbel, befreundeten sich mit Georg und Emma Herwegh, mit Ferdinand und Ida Freiligrath, auch mit einem jungen Gottfried Keller. 1843 veröffentlichte Schulz im Literarischen Comptoir von Julius Fröbel das Buch "Bewegung der Produktion", in dem er eine materialistische Gesellschaftsentwicklung skizzierte und das Karl Marx sehr schätzte. Zugleich war er als vielseitiger Publizist tätig.

Caroline erlag 1847 einer vermuteten Krebserkrankung. Die schriftlichen Dokumente von ihr sind spärlich, aber allen Zeugnissen nach muss sie eine eindrückliche, ebenso selbständige wie hilfsbereite Frau gewesen sein, die nicht nur Georg Büchner, sondern auch Georg Herwegh und Gottfried Keller eine anregende ältere Freundin war.

Nach den Märzstürmen in Wien und Berlin konnte Schulz 1848 erstmals wieder auf das Gebiet des deutschen Bundes zurückkehren und gehörte 1848/49 als hessischer Abgeordneter zu den gemässigten Linken im Frankfurter Parlament. Nach dessen Scheitern kehrte er nach Hottingen zurück. Hier blieb er weiterhin publizistisch tätig, insbesondere zur Militär- und Aussenpolitik, mit abnehmender Wirkung. 1860 starb er in Hottingen, weitgehend vergessen.

Der illustrierte Vortrag von Stefan Howald lässt sich hier nachlesen.

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Mittwoch, 5. Juni 2019, 19 Uhr

Isolde Schaad
Der hinkende Giacometti

Fünf Wegstrecken und drei Zwischenhalte mit unkonventionellen Lebensentwürfen. Rasant erzählt Isolde Schaad von den modernen Gangarten in der grossen Kleinstadt. Sie liest und spricht über ihr neustes Werk "Giacometti hinkt". Isolde Schaad hat über ein Dutzend Bücher veröffentlicht, in denen sie Gespräche, Haltungen und Verhalten aufspiesst und zur zeitgenössischen Gesellschaftsanalyse verdichtet, ironisch und humorvoll.

Wie man so geht
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Am Anfang waren die Füsse. Und die Kunst. Also die Füsse in der Kunst. Von den wohlgeformten, fein gesalbten bei den alten Meistern bis zu den unförmigen Klumpen von Giacometti.

Darin steckt natürlich mehr: Wie wir in der Welt stehen und wie wir uns darin bewegen. Verglichen mit dem geschmeidigen Gang der Tiere tappen wir ziemlich unbeholfen herum. So schilderte Isolde Schaad einen Antrieb für ihr jüngstes Buch "Giacometti hinkt", das sie kürzlich im bücherraum f vorstellte. Die Erzählungen des Bands nehmen das Motiv des Welt-Ergehens auf, umspielen es in fünf Wegstrecken und drei Zwischenhalten, anhand unterschiedlicher Leben und Milieus.

Nicht ganz zufällig, dass ein Erzählband von Isolde Schaad so komponiert daherkommt. Ihr Werk ist jederzeit reflektiert. Im Gespräch wies sie zwar zu Recht darauf hin, dass ihr Interesse an erzählten Geschichten seit etlicher Zeit zugenommen habe und ihre Texte handlungsorientierter geworden seien. Weiterhin bleiben sie allerdings essayistisch grundiert. Darin besteht ihr ganz eigener Ton. Hier geschieht nichts einfach so. Vielmehr werden die Geschehnisse durchleuchtet auf ihren möglichen Sinn, und ebenso wird die Sprache abgeklopft, was sie weiterhin enthält, in Sprachwitz und Doppeldeutigkeiten.

Mir ihren frühen Essaybänden hat Isolde Schaad regelmässig die neusten Sitten und Moden aufgespiesst, eine Ethnologie des Alltags betrieben. Das zeigte sich schon in den sprechenden Buchtiteln: "Know-how am Klimandscharo. Verkehrsformen und Stammesverhalten von Schweizern", "Zürcher Constipation. Texte aus der extremen Mitte des Wohlstandes" (1986), "Küsschentschüss. Sprachbilder und Geschichten zur öffentlichen Psychohygiene" (1989), "Body & Sofa. Liebesgeschichten aus der Kaufkraftklasse" (1994). Mit dem ersten Roman "Keiner wars" (2001) wurde das Spektrum weiter aufgespannt, da er eine Bilanz der 68er unternahm. "Robinson und Julia" (2010) ging noch weiter, spürte wechselnden Geschlechterrollen durch die Jahrhunderte und die Literatur hindurch auf.

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Jetzt also "Giacometti hinkt", ein neuer Erzählband. Bei ihrer Lesung stellte Isolde Schaad Passagen aus drei Erzählungen vor, auch drei unterschiedliche Erzählformen. Einer Nationalrätin der Grünen werden Militärschuhe ihres deutschen Partners zu Objekten des Anstosses. In der Irritation bündelt sich manches, Lebensgeschichtliches, Politisches, ebenso wie die etwas schal gewordene Beziehung. Ihr linksalternatives Engagement hat sich zu hochfliegenden Plänen verstiegen, die allmählich auf den Boden geholt werden, milde ironisch. Denn die Schuhe loszuwerden ist gar nicht so einfach; beim Versuch, damit einen eritreischen Jungen als Objekt für die persönliche sozialpolitische Wohltätigkeit zu gewinnen, stösst sie an die eigenen Vorurteile.

In der titelgebenden Erzählung geht es um die bildende Kunst, die Schaad immer beschäftigt hat, und zwar am Beispiel von Alberto Giacometti, dieser klassischen Referenz der Moderne. Diese fraglose Verehrung! Andererseits: diese Füsse! Anhand eines Studenten, der einen neuen Blick auf das Werk sucht, entwickelt sich eine Satire auf den Kunstwissenschaftsbetrieb. Und angesichts des Marktwerts von Giacometti kann schon beinahe zwangsläufig ein kriminalistischer Plot damit verknüpft werden. Wobei durchaus ernsthaft die Frage nach der aktuellen Bedeutung von Kunst gestellt ist: Geht es ihr ums Leiden oder um den Erfolg? Kann sich die gefährdete Authentizität behaupten, oder hat Kunst nur noch jene Funktionalität, die ihr die Gesellschaft jeweils zuschreibt? Ja, auch das Hinken von Giacometti steht in diesem Kontext der Suche nach dem authentischen Leiden.

In einer dritten Erzählung wird eine Rechtsanwältin von der Vergangenheit eingeholt, in Gestalt einer ehemaligen politischen Weggefährtin. Die trifft sie im Pflegeheim, wo sie ihre Tante besucht. Da die jüngere gegen ihren Willen eingeliefert scheint, erwägt die Anwältin sogleich Befreiungspläne. Als Mittel dazu und als Ablenkung erwählt sie sich einen Rollator. Den entwickelt sie sich als unentbehrliches Mitbringsel, in einer kleinen Groteske: Was kann man mit einem Rollator alles machen, so dass der vom Gefährt geradezu zum Gefährten wird! Ja, bekräftigte eine Zuhörerin, das sei eine schöne Ermächtigung für ältere Frauen, und dem Einwand im bücherraum, erkauft werde diese Ermächtigung durch eine grundlegende Kränkung über die eigene Gebrechlichkeit, wurde entgegengehalten, dass sich in solchen unterschiedlichen Reaktionen gerade auch geschlechtsspezifische Erfahrungen und Werte äusserten.

Identifizierbar sind diese Geschichten, ihre Orte und ihre Menschen - auch auf Oerlikon wird von Schwamendingen aus ein Blick geworfen. Und sie zielen doch darüber hinaus, in soziale Milieus und gesellschaftliche Lebensformen. Wie man geht, so lebt man.

Isolde Schaad: "Giacometti hinkt". Fünf Wegstrecken, drei Zwischenhalte. Erzählungen. Limmat Verlag. Zürich 2019, 280 Seiten.

sh


Mittwoch, 22. Mai 2019, 19 Uhr

Vernissage
Heisse Fäuste im Kalten Krieg

Im August 1957 kam es zum Krawall am Bahnhof Zürich Enge. RückkehrerInnen von den Weltjugendfestspielen in Moskau wurden von aufgeputschten BürgerInnen verprügelt. Rafael Lutz hat die Ausschreitungen im Rahmen des damaligen Antikommunismus aufgearbeitet und stellt sein im Limmat Verlag erscheinendes Buch dazu vor.
Organisiert von Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung und Limmat Verlag

Gut eidgenössisch
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Bemerkenswert, mit welch unverhohlener Freude die meisten Zeitungen diese Faustjustiz begrüssten. Wer im Sommer 1957 von einer Reise aus Moskau in die Schweiz zurückkehrte, hatte ein paar guteidgenössische Prügel verdient. Dass auch gleich noch die Koffer der Reisenden geplündert und in Brand gesteckt wurden: lässliche überreaktion. Die NZZ hatte es schon vorgemacht, 1956, als sie die Adresse des Marxisten Konrad Farner publizierte und scheinheilig fragte, ob wohl die Schweizer Bevölkerung ihren Unmut über den Moskausöldling ausdrücken werde? Sie war es 1957 wiederum, die die ganze Kampagne gegen die Schweizer TeilnehmerInnen an den Weltjugendfestspielen in Moskau öffentlich orchestrierte. Andere Zeitungen wie das "Basler Volksblatt" oder die "Luzerner Neueste Nachrichten" folgten getreulich. Der "Freie Schweizer" ging noch ein bisschen weiter, nannte die Reisenden "Parasiten" und forderte die Entlassung allfällig beteiligter Lehrpersonen.

Rafael Lutz präsentierte diese erschreckenden O-Töne bei der Vernissage seines Buchs "Heisse Fäuste im Kalten Krieg" im bücherraum f. Er hat ausführlich über jenen Ausbruch gutbürgerlicher Gewalt recherchiert, mit dem die RückkehrerInnen aus Moskau in Zürich empfangen wurden, hat mit den wenigen noch verbliebenen ZeitzeugInnen gesprochen, zeitgenössische öffentliche und private Berichte sowie einschlägige Polizeidossiers ausgewertet und darüber ein gut lesbares Buch geschrieben.

Rund 350 junge Leute aus der Schweiz waren Ende Juli an die Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Moskau gereist. Obwohl von der kommunistischen Partei der Arbeit (PdA) initiiert, waren wohl nicht einmal hundert der Reisenden PdA-Mitglieder. Doch das reichte im Zeichen des Kalten Kriegs schon, um das eidgenössische Abendland in Gefahr zu sehen, zumindest in der Deutschschweiz. In der welschen Schweiz nahm man die Sache ein bisschen gelassener; nicht nur stammte die Mehrheit der TeilnehmerInnen aus Genf und aus der Waadt, sondern dort schürten die Medien so wenig öffentliche Empörung, dass die NZZ gleich auch noch indigniert über den mangelnden antikommunistischen Eifer der Welschen herziehen musste.

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Am 11. August verkündete die laufende Leuchtschrift am Zürcher Bahnhofplatz die genaue Uhrzeit, zu der die "Moskauwallfahrer" mit dem Arlberg-Express im Bahnhof Zürich Enge eintreffen würden. Rund 300 Leute versammelten sich, mit Plakaten und schlagtüchtigen Schirmen. Die Polizei war auch vor Ort; doch sie griff kaum ein, als einige der dreissig Zürcher Reisenden beim Aussteigen unsanft gepackt wurden, bevor sie aus dem Bahnhof Enge flüchten konnten oder sich in den Zug zurückzogen und sich verbarrikadierten, um später in einem ungefährlicheren Bahnhof auszusteigen. Der NZZ-Redaktor und nachmalige Stadt- und Nationalrat Ernst Bieri hatte bei der Abreise Ende Juli einige Sprachregelungen vorgegeben und von PdA-Schutzstaffeln schwadroniert, die die Pressefotografen an der Ausübung ihrer hehren Pflicht gehindert hätten - ironischerweise hätte es solchen privaten Schutzes durchaus gebraucht, da die Polizei ihren gesetzlichen Auftrag nicht erfüllte. In der Halle gerieten Gepäckstücke unter die Räder des Zugs, und jener Gepäckwagen, auf dem die Polizei die zurückgebliebenen Koffer der Geflüchteten eingesammelt hatte, war, bevor er auf dem Tessinerplatz eintraf, vollständig geplündert worden. Danach wollten die Biedermänner von der Falkenstrasse wieder mal keine Brandstifter gewesen sein: Für ein paar übereifrige Jugendliche sei man nicht verantwortlich. Aber die NZZ störte sich keineswegs daran, dass für einmal in der Schweiz Ruhe und Ordnung nicht gewährleistet worden waren.

Als Kollateralschaden kriegte mindestens ein US-amerikanischer Tourist guteidgenössische Schläge ab; doch da erkannte der Tourismusverein schnell, dass man ihn mit allerlei Geschenken begütigen musste, so dass der Vorfall, nach dem ursprünglichen "Missverständnis", geradezu als Musterbeispiel für die Gastfreundschaft der Schweiz herumgeboten werden konnte.

Bei der lebhaften Buchvernissage im bücherraum f, von Limmat Verlag und Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung mit organisiert, waren auch zwei der damaligen Moskaureisenden anwesend. Edwin Bhend war am 11. August 1957, da Gerüchte über einen womöglich unfreundlichen Empfang den Zug erreicht hatten, schon im Bahnhof Rüschlikon ausgestiegen, hatte sich nachher, aus jugendlicher Neugier, zum Bahnhof Enge begeben, wo er aber vom Krawall nicht mehr viel mitbekam. Dafür erhielt er wenig später die Kündigung von der Schreinerei, bei der er gearbeitet hatte. Auch der damals fünfzehnjährige André Pinkus war in Moskau gewesen, reiste jedoch mit der zweiten Gruppe am 15. August zurück. Angesichts der Erfahrungen der ersten Gruppe stiegen die meisten ZürcherInnen gleich nach dem Grenzübertritt in Buchs aus, oder spätestens in Oberrieden, nachdem man, durchaus dem subversiven Image entsprechend, die Notbremse gezogen hatte. Im Bahnhof Enge wurde der Zug diesmal von beinahe tausend DemonstrantInnen erwartet. Also harrten die im Zug verbliebenen Welschen in den drei hintersten Wagen aus, um dann unbehelligt weiterzufahren. Die Polizei hatte trotz einer Hundertschaft die Halle nicht räumen können; erst nach der Weiterfahrt des Zugs zerstreute sich die Menge enttäuscht.

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Eine Woche später erinnerte sich die LNN an ihre Denunziationsfunktion und veröffentlichte die Namen der vier Luzerner TeilnehmerInnen der Moskauer Reise. Alle verloren sie daraufhin ihre Stelle. Das ist eine der beunruhigendsten Tatsachen dieser Affäre: die Zusammenarbeit von staatlichen Behörden, privaten Organisationen und der Wirtschaft. Schon bei der Ausreise waren alle TeilnehmerInnen registriert worden, die Polizeiberichte wurden entschieden diffamierend verfasst, und die Angaben fanden dann den Weg zu rechtsbürgerlichen Organisationen, die sie wiederum an Arbeitgeber weiterreichten.

Natürlich, die Weltjugendfestspiele dienten dem sowjetischen Regime jeweils als Propagandashow, insbesondere nach der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956, und einige Erinnerungen von TeilnehmerInnen sind ein bisschen rosarot gefärbt. Aber in der Schweiz wurde schon der blosse Besuch in Moskau zum Staatsverrat erklärt, während umgekehrt Wirtschaftsbeziehungen durchaus gepflegt wurden. Dabei reichte der antikommunistische Konsens bis weit in sozialdemokratische Kreise hinein. Auch spätere links Engagierte wie Walter und Regula Renschler wirkten in entsprechenden studentischen Initiativen mit, ebenso wie die nachmalige Bundesrätin Elisabeth Kopp. Oder der damals neunzehnjährige Medizinstudent Berthold Rothschild. Aus Solidarität mit Ungarn an die Demonstration geeilt, liessen bei Rothschild die Massenszenen in der Enge aufgrund seiner jüdischen Herkunft unangenehme Assoziationen an Pogrome und die Nazizeit aufsteigen. Noch vor Ort fühlte er sich fehl am Platz; er erlebte den Abend als "negatives Damaskuserlebnis" und engagierte sich ab den siebziger Jahren unter anderem in den Reihen der einst verfemten PdA.

Das Buch von Rafael Lutz öffnet immer wieder Seitenblicke, etwa auf den Verleger und Impressario Nils Andersson, der "Die Geschichte vom Soldaten" von C.F. Ramuz und Igor Strawinsky in Moskau aufführen wollte, was an einem Veto des SRG-Generaldirektors scheiterte; oder auf den Fotografen Léonard Gianadda, der nach einer Reportage aus Moskau praktisch Berufsverbot erhielt. Einige Lücken bleiben, wie interessierte Nachfragen zeigten, etwa ob weitere Unbeteiligte betroffen waren. Ebenso spannend wären weitere Untersuchungen zur Traditionslinie des konservativen Engagements der Studentenschaft.

Der Krawall steht in einer Reihe des schweizerischen Antikommunismus, und im bücherraum f hat es etliche Bücher zu dessen unheimlicher Geschichte, etwa Jürgmeiers "Staatsfeinde oder Schwarzundweiss", Max Schmids "Demokratie von Fall zu Fall", auch die "Unheimlichen Patrioten" von Jürg Frischknecht, Peter Haffner, Ueli Haldimann und Peter Niggli sowie einen Sammelband "Niemals vergessen", unter welcher zweideutigen Parole die Kommunistenhatz 1956 betrieben worden war. Auch die andere Seite ist vertreten, mit einer Sammlung hochtrabender Leitartikel von NZZ-Chefredaktor Willy Bretscher; der 1963 erschienene Essayband "Unbehagen im Kleinstaat" des Germanisten Karl Schmid zeigte dann erste Bruchlinien in der bislang geschlossenen bürgerlichen Phalanx.

Der Krawall im Bahnhof Enge verweist auf das Thema des Rechtspopulismus, wie schon die vorangegangenen Veranstaltungen im bücherraum f mit Philipp Löpfe zum Phänomen Trump und mit Franziska Schutzbach über die Rhetorik der Rechten. Ja, man könnte beinahe den Verdacht hegen, das sei bei der Programmierung der jüngsten Veranstaltungen im bücherraum f so geplant worden.

Tatsächlich bleibt die Diskussion darüber dringlich. Am Beispiel des Krawalls 1957 wies ein Teilnehmer in der Diskussion auf die sozialpsychologische Funktion des Sündenbocks hin, den die MoskaufahrerInnen gespielt hätten. In seinem Buch schneidet Rafael Lutz solche Erklärungsansätze an, ebenso wie Ueli Mäder in einem Vorwort und der Psychoanalytiker Mario Gmür im Nachwort. Dabei sollte man allerdings nicht mit einem Begriff wie Hysterie einem individualpsychologischen Ansatz oder sogar einer Psychiatrisierung Vorschub leisten. Der Rechtspopulismus bleibt so gefährlich als Amalgam von ökonomischen Faktoren, sozialpsychologischen Mechanismen und gezielter Organisierung von oben.

sh


Freitag, 17. Mai 2019, 19 Uhr

"in der Diskussion"
Rhetorik von rechts

Personalisieren, ausgrenzen, abwerten: Wie funktioniert rechter Populismus, und warum ist er so erfolgreich? Franziska Schutzbach analysiert solche Fragen in ihrem im Frühling erschienenen Buch "Die Rhetorik der Rechten". Sie ist Geschlechterforscherin und Soziologin an der Uni Basel, Buchautorin und Bloggerin, feministische Aktivistin und Mutter zweier Kinder.

Mitten drin
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"Aus aktuellem Anlass", heisst es gross auf der Titelseite des Buchs von Franziska Schutzbach, und die "Rhetorik der Rechten", die sie darin analysiert, ist ja wirklich aktuell, wenn auch bei den jüngsten Schweizer Abstimmungen und EU-Wahlen zumindest der ganz grosse Durchmarsch verhindert worden ist.

Aktuell, doch nicht neu. Man kann den Bogen zurückspannen. Etwa zu einem Sammelband über den "Rechten Populismus", wie er sich in Deutschland anlässlich der Kandidatur von Franz Josef Strauss als Bundeskanzler 1980 gezeigt hatte. Das Buch ist im bücherraumf vorhanden, so wie ein noch etwas älteres, nämlich "Zur Kritik der Weiblichkeit" der Wiener Frauenrechtlerin Rosa Mayreder, die sich darin schon 1905 mit allerlei reaktionären Sprachregelungen und Konzepten auseinandersetzte. Das Buch ist ein bemerkenswertes Dokument genauer Textlektüren und der Beschäftigung mit Alltagskultur anhand von so genannter Frauenliteratur oder Familienliteratur, was damals etwas anderes hiess als in unserem heutigen Verständnis.

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An den einleitenden Hinweis auf diese beiden älteren Werke durch Stefan Howald knüpfte Franziska Schutzbach in ihrem Referat im bücherraum f zu Beginn spontan an, indem sie die von Mayreder scharf analysierte Frauenfeindlichkeit als untergründigen, doch immer wieder heftig an die Oberfläche tretenden, Zug rechter, völkischer Bewegungen benannte. Nationalismus werde immer an militaristische Männlichkeit gekoppelt. Beim mörderischen Anders Breivik bestand die Hälfte von dessen Manifest aus einem gewalttätigen Antifeminismus, was in der Aufarbeitung eher unzulänglich reflektiert worden sei. Ja, der Antifeminismus diene mancher rechter Ideologie als "scheinbar unverdächtige Einstiegsdroge".

Schutzbach ist Soziologin, Genderforscherin, Aktivistin und Publizistin, die sich immer wieder in aktuellen Debatten zu Wort meldet. Ihr Buch versteht sie als einen zusammenfassenden, didaktisch verfassten Beitrag mit eingreifender Absicht. Neben dem Antifeminismus charakterisierte sie verschiedene andere rechte Diskursstrategien. Dabei geht es ihr nicht um die extremsten Ausprägungen, sondern darum, wie rechtspopulistisches Gedankengut in den Mainstream eingedrungen ist, wie die Grenzen verwischt werden und es zu Normalisierungen kommt, durch gezielte Tabubrüche und Opferstilisierungen. Ein Motiv ist die Rede von den Ängsten der Abgehängten, Bedrohten, GlobalisierungsverliererInnen usw., die man ernst nehmen müsse. Aber dabei gilt es nach Schutzbach, projektive Ängste, die Missstände anderen - den Fremden, den Randständigen - zuschieben, von sozial bedingten Ängsten zu unterscheiden, die auch mit sozialen Massnahmen bekämpft werden können.

Dominiert wird die gegenwärtige Diskussionskultur vom Topos der Ausgewogenheit. Jede kritische, linke Position muss angeblich mit einer rechten ausgeglichen werden; das klassische Beispiel sind die Diskussionssendungen im Fernsehen, schweizerisch oder deutsch. Doch diese Äquidistanz verbiete sich jegliche Frage nach der unterschiedlichen Qualität der Argumente. Lebhaft und anschaulich, immer wieder auf eigene Erfahrungen zurückgreifend, schilderte Schutzbach, wie sachliche Expertise durch politische Meinungen ersetzt werde. In Diskussionrunden über Rassismus oder Sexismus würden von jeglicher Sachkenntnis unbeleckte MeinungsmacherInnen eingeladen; dagegen müsse man ein Mindestmass an Expertise auch auf der rechten Seite anmahnen und gegebenenfalls die Teilnahme an einer Diskussion überdenken.

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Die Schweiz ist, wie verschiedene Studien mittlerweile belegt haben, geradezu ein Versuchslabor für rechtspopulistische Strategien. Dabei zeigt sich eine Ambivalenz der direkten Demokratie. Diese gibt rechten Bewegungen Ausdrucksmöglichkeiten, etwa mit der Volksinitiative, bindet sie im konsensualen Regierungsstil aber immer wieder ein - wobei man das nicht als fixe Garantie verstehen darf.

Was tun? Gegen etwaigen Pessimismus bringt Franziska Schutzbach den verstorbenen deutschen Publizisten Sebastian Haffner in Anschlag, der vor der Gefahr einer "melancholischen Behaglichkeit" warnte. Wiewohl die Formulierung vom "Aufgeben als Kollaboration" ein bisschen stark wirkt, stiess die Kritik des Pessimismus auf weitgehende Zustimmung im Publikum, wobei man dazu vielleicht doch als Ergänzung das Gramsci-Motto gesellen könnte: Pessimismus des Verstands und Optimismus des Willens.

Tatsächlich wies Schutzbach auf die Dialektik politischer Bewegungen: Der neue Antifeminismus sei zweifellos auch eine Reaktion auf die erstärkte feministische Bewegung. "MeToo": Das sei jüngst so allgegenwärtig gewesen, dass selbst sie sich manchmal schon beinahe genervt habe. So lasse sich das Patriarchat gegenwärtig vielleicht als angeschossenes Tier verstehen, das jetzt gefährlicher als je um sich schlage - offen musste bleiben, ob die Wunden schon tödlich sind.

Aber vielleicht müssen wir auch die Blickrichtung ändern, so sollte etwa in der Bildung neben der Kritik an den TäterInnen eher auf die Ermächtigung der Opfer gesetzt werden. Zugleich braucht es den Kampf um die Mitte. Von der muss eine, womöglich konservative, aber entschieden liberaldemokratische Haltung gefordert werden. Dies würde, von links her, bedeuten, Druck auf die Mitteparteien auszuüben und diese in eine Bündnispolitik einzubinden. Was den vehementen Hinweis hervorrief, der Ort der Kämpfe könne nicht nur die ideologische Auseinandersetzung sein, sondern Demokratiefeinde müsse man auch auf der Strasse konfrontieren.

Im lebhaften Austausch wollte man von Franziska Schutzbach wiederholt handfeste Tipps für den Alltag wissen; und einer stellte sich im Gespräch zweifellos heraus: Bei rassistischen, sexistischen Sprüchen zurückfragen. Argumente, Belege für Meinungen verlangen. Das bedeutet noch nicht, dass sich die Gegenüber überzeugen liessen, aber zumindest lassen sie sich ein wenig zum Nachdenken bringen, und ihre Meinungen lassen sich aufweichen. Allerdings müsse man realistisch bleiben und sich nicht in fruchtlosen Debatten aufreiben. Dabei betonte Schutzbach, dass auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Mittel angebracht und nötig seien. Im Alltag würde sie wohl so etwas wie "Sozialarbeit" versuchen; in der Öffentlichkeit dagegen müsse man klar fordern, antidemokratischen Kräften keine Plattform zu bieten. Wobei es nicht nur um die etwaige Zusammensetzung von Diskussionsrunden gehe, sondern auch um das framing, die Themensetzung und die Anlage von Debatten.

sh


Freitag, 26. April 2019

"In der Diskussion"
Volkstribun, Clown oder scharf kalkulierender Machtmensch?

Philipp Löpfe analysiert die bisherigen Auswirkungen des Regimes Trump. Und er stellt zur Debatte, ob man den Rechtspopulisten mit Linkspopulismus schlagen kann. Löpfe ist profilierter Publizist, Kenner der USA und Autor erfolgreicher Sachbücher zu Gesellschaft und ökonomie.

Trump als mögliche Apokalypse

"Lasst alle Hoffung fahren!" Zuweilen blickte man am 26. April im bücherraum f zu Dantes Spruch am Höllentor empor, als Philipp Löpfe die USA unter Donald Trump schilderte. Löpfe ist einer der profiliertesten Wirtschaftsjournalisten der Schweiz, ein pointierter Kolumnist für das Onlineportal Watson. Bei vielfachen Studienaufenthalten in den USA hat er sich Einblicke ins Funktionieren und die Gefühlslage des Landes verschafft; in seinem Vortrag argumentierte er ebenso material- wie bezugsreich.

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Löpfe gab zuerst einen historischen Abriss über die USA zwischen früher Musterdemokratie und "gewalttätiger" oder "gefährlicher Nation" (so der konservative Historiker Robert Kagan). Schon die so genannten Gründerväter entwickelten eine moderne Verfassung und waren gleichzeitig ganz selbstverständlich Sklavenbesitzer, auch in heftige Fraktions- und Interessenskämpfe verwickelt. Nach dem Genozid an der indigenen Bevölkerung durchzog der Rassismus die ganze US-Geschichte, während zugleich vorbildhafte Mechanismen der institutionellen Politik von checks and balances entwickelt wurden. Rechtsextreme Politiker und Bewegungen florierten in den dreissiger, in den sechziger, in den achtziger Jahren. Eine Denkschule beurteilt das zyklisch, als historische Ausschläge, wobei das Pendel jeweils schon wieder in eine liberalere Richtung zurückschwinge. Löpfe ist sich da bezüglich Trump nicht so sicher, weil er gegenwärtig eine besonders explosive Gemengelage vorhanden sieht. Er nannte die Bedingungen für dessen Aufstieg: Niedergang des US-Mittelstands; Entstehung einer dekadenten Oligarchie; Kulturkrieg, Medien und Kultur der Lüge. Als Konsequenz fiel dann gar das F-Wort, da Trump gegen alle Institutionen antrete und man ihm durchaus einen Staatsstreich auf Raten zutrauen könne.

Besonders handgreiflich waren zum Auftakt die Zahlen zum sozioökonomischen Zustand des Landes: 70 Prozent der Lohnabhängigen müssen vierzehntäglich von paycheck zu paycheck kalkulieren; 40 Prozent geraten bei unerwarteten Ausgaben ab 400 Dollar in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten. Dazu kommt die scharfe existenzielle Trennung bezüglich des Gesundheitswesens, wo die eine Hälfte der Bevölkerung von Betriebskrankenkassen bei grösseren Unternehmen profitiert, die während des 2. Weltkriegs im Wettlauf um die rarer gewordenen Arbeitskräfte eingeführt wurden, während die andere Hälfte erst mit Obamacare überhaupt eine rudimentäre Krankenversicherung erhalten hat.

Nicht einmal mehr die Meritokratie funktioniert. Eine dekadente Oligarchie inszeniert sich schamlos, was sich geradezu mit römischen Zuständen vergleichen lasse, wie sie kürzlich Mary Beard wissenschaftlich oder Robert Harris in seinen historischen Romanen geschildert haben. Dazu zählte Löpfe auch Silicon Valley mit seiner merkwürdigen Mischung von Gier und Kontrollwahn einerseits, Philanthropie und Weltverbesserungsträumen andererseits.

Die soziale Kluft wird überlagert, verstärkt und zugleich verschoben durch einen Kulturkampf, der die "kreative Klasse" gegen die Abgehängten, die Zurückgebliebenen der so genannten flyover states aufmarschieren lässt. Diese "deplorables" (Hillary Clinton) sind gegenwärtig besonders von der Opiat-Krise getroffen; diese von skrupellosen Unternehmen geschaffene Epidemie äussert sich im Rahmen einer von den Rechten geschürten, und von Liberalen teilweise mit verschuldeten Kultur der Empörung und des Ressentiments als Hass auf die Liberalen.

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Montage von Donald Trump in ein Standbild aus einem Film über George Orwells Dystopie "1984".

Die rechten Medien und Trump selber haben jedes Konzept der Wahrhaftigkeit, ja der Wahrheit aufgegeben, nach dem Motto: Nichts ist wahr, und alles ist möglich. Löpfe schilderte Trumps Politik mit prägnanten Formulierungen: Als Schöpfer einer Bewegung der Empörung sei er geradezu gefangen in der Übersteigerung, müsse er seiner Anhängerschaft im medialen Zirkus immer wieder rohes Fleisch vorwerfen. Als Abbild und zugleich Verstärkung können auch die Dystopien in Hollywood und anderen Traumfabriken gelten. Beispielhaft zeigt sich das etwa im Übergang von der früheren TV-Serie "West Wing" über einen liberalen US-Präsidenten, in der letztlich noch Vertrauen auf die Politik und auf das Präsidialamt herrschen, zum zynischen "House of cards" mit ewigen Machinationen und inhaltsleeren Machtkämpfen, bis hin zu "Games of Thrones", in dem der blanke Überlebenskampf zelebriert wird.

Zum Schluss äusserte Löpfe doch noch ein wenig Hoffnung auf die Stärke der Institutionen und neue soziale Bewegungen. Die anschliessenden lebhaften Nachfragen schwankten in diesem Spannungsfeld. Ob die checks and balances noch funktionieren, ob die Verfassung standhalten könne. Welche Bedeutung dem patriotischen Slogan von America first zukomme, und wie die Chancen der jüngeren grassroots-Bewegung einzuschätzen seien. Als mögliche Hoffnungsträgerin, die auch WechselwählerInnen ansprechen könne, nannte Löpfe die 58-jährige Senatorin Amy Klobuchar aus Minnesota.

Die Frage eines Impeachments wurde nur kurz als taktische Frage gestreift, wobei sich Löpfe kürzlich entschieden dafür ausgesprochen hat (siehe). Offen blieb auch die Frage, ob denn Aufklärungsarbeit noch möglich und nötig sei, zwar nicht gerade beim harten Kern der Trump-AnhängerInnen, aber doch im weiteren Radius seiner WählerInnen, die womöglich durch die nicht erfüllten wirtschaftlichen Versprechungen etwa bezüglich des Bergbaus desillusioniert würden. Wie der rechte Populismus wirkt und wie er womöglich bekämpft werden kann: Diese Themen werden im bücherraum f am 17. Mai weitergeführt mit der Soziologin und Genderforscherin Franziska Schutzbach. Erlaubt sei an dieser Stelle ein Hinweis auf die TV-Serie "The Good Fight" (CBS) über die Mitglieder einer Anwaltspraxis in Chicago, die sich beruflich und persönlich damit herumschlagen, ob man Trump und dem rassistischen und sexistischen backlash mit den gleichen Mitteln der Manipulation, ja der Lüge begegnen soll und kann.

sh


Montag, 8. April 2019
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"ausgelesen"
Ueli Mäder stellt Bücher aus der Bibliothek vor

1968 ist vorbei. Was bleibt? fragte Ueli Mäder in seinem letzten Buch. Und jetzt? Wie weiter? Auf der Suche nach Antworten interessieren politisch literarische und biographische Dokumente, die widerständige Ansätze reflektieren. Ueli Mäder ist Soziologe und emeritierter Professor der Universität Basel. Er arbeitet über soziale Ungleichheiten und Konflikte.

Der Soziologe schaut hin

"Und der Soziologe schaut natürlich wieder nicht hin." So kommentierte eine Quartiersbewohnerin, als Ueli Mäder auf dem lokalen Bahnhof wortlos an Jugendlichen, die gerade milden Unfug trieben, vorbei auf den Zug eilte. Dafür redete er dann mit der Frau, nachdem die in denselben Zug eingestiegen war. Ja, der Soziologe findet es wichtig, zu reden. Persönlich, natürlich, aber auch beruflich und politisch. Gespräche liefern Alltagsmaterial für soziologische Studien, und wenn man das Feld nicht den politischen Opponenten überlässt, lernt man verstehen, was vorgeht.

Mäder ist einer der profiliertesten Soziologen der Schweiz; um seine Studien zu Reichtum und Macht und Armut kommt man nicht herum. Im bücherraum f finden sich rund zehn seiner Werke. Bei Mäders Besuch am 8. April türmten sich Bücher auf dem Lesetischchen, eigene und fremde, angefangen von der Dissertation zu "Gewaltfreie Revolution in Entwicklungsländern" (1984) über Tourismus als "Fluchthelfer" oder als sanfte Alternative und Frei-Zeit bis zu den Bänden über die CH.Macht, samt Originaltönen von Reichen und Armen.

"68 - was bleibt?", heisst Mäders jüngster Band, und von der eigenen bibliophilen Sozialisation her hatte er Bücher ausgewählt, die wichtige Themen anschnitten; dazu gesellte er jüngere Beispiele, denen sich aus einem kritischen Ansatz etwas abgewinnen lässt. Die Bücher stellte er unter fünf Stichworte: biografisch, literarisch, politologisch, soziologisch und perspektivisch. Seine Wahl und deren Verortung hat er in einem Papier nachgezeichnet, das sich hier (pdf, 483kb) nachlesen lässt. Er sprach dann weitgehend frei, theoretisch weit ausholend, mit vielen Anekdoten aus der reichhaltigen soziologischen Forschungspraxis. Dabei kam es schon bald zu Nachfragen, zu Interventionen und Gesprächen, denn: Reden ist wichtig.

Zum Auftakt veranschaulichte Mäder den biografischen Ansatz am Buch "Gegenleben" (2003) von Ina Boesch über Margarethe Hardegger (1882-1963), der ersten Arbeiterinnensekretärin im Schweizerischen Gewerkschaftsbund, später ungebärdige Syndikalistin und Lebensreformerin in einer Landkommune. Da zeigte sich eine bedeutsame Spur von Frauen in der Gewerkschaftsbewegung. Wozu aus dem Publikum beigesteuert wurde, dass Frauen als Sekretärinnen über viele Einsichten in das Funktionieren der Gewerkschaftsapparate verfügten. Umgekehrt hat ihre zuweilen als untergeordnet verstandene Tätigkeit weniger Zeugnisse als diejenige von Männern hinterlassen. Ina Boesch konnte noch Gespräche mit KollegInnen führen, die Hardegger noch gekannt hatten. Generell erläuterte Mäder, wie sich die Auswahl der GesprächspartnerInnen gezielt vorbereiten lässt, mit Vorabkategorisierung und zunehmender, laufender Erweiterung (oder Eingrenzung) der Fragestellungen. Ein wenig weiter ist die Gesellschaft seit Hardeggers Zeiten gekommen, wie er mit Blick auf neue Kader in den Gewerkschaften und den Frauenstreik anfügte.

Neben, oder sogar vor dem Wissenschaftlichen steht das Literarische. Etwa Peter Bichsel mit seinem Bändchen "Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennen lernen" (1964), dessen knappe Sätze sich rhetorischen Floskeln und Ablenkungen verweigerten und auf alltagssoziologischen Betrachtungen beharrten. Die Kneipe als Ort der Vergesellschaftung ebenso wie der poetischen Imagination hat Bichsel zwar nicht erfunden, aber doch vervollkommnet.

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Bei Jean-Paul Sartre ging es grundsätzlicher zu, ob und wie sich Menschen die Hände schmutzig machen beim politischen Handeln zwischen Ideologie, Verrat und Menschlichkeit.

Zeitlich näher liegend wurde eine Passage von Alex Capus zitiert, in dem dieser die PendlerInnen auf dem Oltener Bahnhof je nach Reiseziel einem vermuteten Beruf zuordnet und entsprechend charakterisiert. Worauf ein kleiner Einwurf erfolgte, das sei nun gerade nicht sehr aufschlussreich, sondern eher, hm, klischiert; worauf sich eine kleine Debatte entspannte, ob in solchen Typisierungen nicht doch eine Realität getroffen werde, zudem sei das doch vergnüglich satirisch gemeint; aber satirisch, wurde hinwiederum eingewandt, müsse ebenfalls erhellend sein - so blieb man sich freundlich uneinig.

Darin steckte auch die Frage, wie weit denn die Reduktion von Komplexität gehen dürfe und im Hintergrund - oder durchaus im Vordergrund - dräute das aktuelle Problem des Populismus mit seinen Vereinfachungen. Von anderer Seite wurde da Peter Weiss ins Feld geführt, der in seiner "Ästhetik des Widerstands" (1971-1981) politische Debatten dialektisch inszeniert.

Jedenfalls lässt sich bei Capus die zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft und des Alltags ablesen. Mäder berichtete dazu aus dem Unialltag über Gelder, die er als Uniprofessor bekommen hat, um mit Exponenten einer bekannten Firma im Energiesektor Gespräche zu führen. Und wie man ihn, als er die Praxis dubios fand und das Geld weiterreichte, der Naivität zieh.

Was zur Politik hinführte. 68 ist natürlich nicht denkbar ohne Karl Marx. Aber wie tief ging die Beschäftigung damit und wie weit die Auseinandersetzung? Ob es da nicht doch etliche Vereinfachungen gegeben habe, stellte Mäder zur Debatte, und das Politische sich über Manches hinweggesetzt habe? Vielleicht, wurde von verschiedenen Teilnehmern eingeworfen, wurden solche Vereinseitigungen schon Mitte, Ende der siebziger Jahre aufgelöst, einerseits indem die politischen Bewegungen konkreter und handfester wurden; andererseits auf theoretischer Ebene durch das, was sich als kulturalistische Wende des Marxismus bezeichnen liesse, die mit dem Namen Antonio Gramsci verbunden ist.

An dieser Stelle wurden jene bislang halblauten Kommentare einer Besucherin lauter, der mal in der Kunstgewerbeschule von den 68ern die eigene Kunst madig gemacht worden war und die seither - oder zumindest gegenwärtig - alle - oder zumindest viele - Linke für Schwätzer hält, so dass der Vortragende, ihrer Meinung nach, die Kritik an diesen durchaus hätte verschärfen dürfen.

Als soziologische Marksteine erwähnte Mäder "Die Neue Unübersichtlichkeit" (1985) von Jürgen Habermas und die "Risikogesellschaft" (1986) von Ulrich Beck, der die Grosstechnologien als Gefahren analysierte, aber am Projekt der Aufklärung und einer neuen Moderne festhalten wollte, wogegen sich Marianne Gronemeyer in ihrer früheren Studie "Motivation und politisches Handeln" (1976) einiges skeptischer zeigte. Tatsächlich liesse sich wohl behaupten, dass die neoliberal forcierte Individualisierung im Fall der Social Media zum Narzissmus tendiert - in Bezug auf diese Technologien erklärte sich Mäder für einmal geradezu zum Konservativen und, konsequent, als Verfechter des direkten Gesprächs.

Was perspektivisch bleiben könnte, skizzierte er mit kurzen Hinweisen auf die Bestrebungen von Bini Adamczak und Heinz Bude, die das Konzept der Solidarität und einer solidarischen Gesellschaft zu reaktivieren trachten. In einem Bogen zu früheren Ausführungen erwähnte er zudem die historische Aufarbeitung zeitgenössischer Politarbeit, etwa in einem Band, in dem ehemalige Mitglieder der RML/SAP zurückblicken. Sichtbar werde darin, wie einst zu wenig Selbstkritik vorhanden gewesen war und wie Demokratiefragen unterbewertet wurden. Da zeige sich immerhin, erfreulich, ein neues Element der Selbstreflexion, der Selbstkritik der Linken. Sichtbar werde allerdings auch, merkte eine Zuhörerin an, dass die Geschlechterfrage immer noch nicht bewältigt sei.

Dass viele Junge es erneut und anders ausfechten wollen, zeigt die Bewegung zum Klimanotstand. Das gibt doch Mut. So konnten die Anwesenden nach zwei Stunden mit positiven Stichworten abschliessen: offene Dialektik, eine neue Fehlerkultur, Wagnis zur Offenheit.

sh


Freitag, 22. März 2019
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Lesung von Dagmar Schifferli: "Wegen Wersai"

Eine gutbürgerliche Familie Mitte der sechziger Jahre in der Schweiz. Mattmark-Unglück im Wallis, Expo 64, Frankfurter Auschwitz-Prozess. Familienausflüge mit dem Auto oder Sommerferien im Tessin ebenso wie Fremdenfeindlichkeit, repressive Erziehungsmethoden und streng geschützte Familiengeheimnisse. Doch weshalb soll Versailles an allem schuld sein?
Moderation: Madeleine Marti

Als das Wünschen noch nicht ganz geholfen hat

Mattmark ist ein Symbol. Am 30. August 1965 brach der Allalingletscher im Wallis ab und begrub die Barackensiedlung bei der Baustelle zum Mattmark-Staudamm mitsamt 88 Menschen unter dreissig Meter Eis und Geröll. Dagmar Schifferli beschreibt die Katastrophe in ihrem Roman "Wegen Wersai" in den Reaktionen verschiedener ProtagonistInnen.

Denn darin verdichten sich mehrere Aspekte. Das Unglück stand quer zum Fortschrittsoptimismus während der Hochkonjunktur nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Schweizer Ingenieurskunst erwies sich als nicht unfehlbar, ja, es gab Hinweise auf Korruption. Dazu kam die aufkommende Fremdenfeindlichkeit. Von den 86 Männern und 2 Frauen, die umkamen, waren drei Viertel "Gastarbeiter", Ausländer - das dämpfte das Entsetzen und lenkte die Empörung um, als von italienischer Seite dringlich eine Aufklärung gefordert wurde. Im Figurenensemble des Romans sind solche Verwerfungen unaufdringlich verkörpert. Erzählt wird er aus der Perspektive der zwölfjährigen Katharina. Ihr Vater ist konservativ, selbstgefällig, autoritär, und sie wächst, neben einer Mutter mit Multipler Sklerose, bei einer deutschen Pflegemutter auf. Die ebenso strenge Tantelotte trauert mehr oder weniger insgeheim den schönen Zeiten der deutschen Volksgemeinschaft nach und versteht sich nur als Opfer. Ausländer sind immer die anderen. Aber was bedeutet es, wie Katharina entdeckt, dass ihr Vater und Tantelotte immer ähnliche Geschichten erzählen, wenn die Mutter im Spital ist, und wem gehören wohl die Unterhosen mit Schlitz vorne, die sich in der Wäsche von Tantelotte finden? Katharinas Widerstandsgeist wächst weiter, nachdem sie sich mit einem "Tschinggenbub" befreundet hat, dessen Onkel in Mattmark arbeiten. Ermutigt wird das von ihrer Lehrerin, die zurückhaltend als positive Gegenfigur konzipiert ist.

Dagmar Schifferli hat historische Romane geschrieben, "Anna Pestalozzi-Schulthess. Ihr Leben mit Heinrich Pestalozzi", und noch weiter zurück über Wiborada, die St. Galler Einsiedlerin aus dem 10. Jahrhundert, die als erste Frau von der katholischen Kirche heilig gesprochen wurde. Auch die 1960er-Jahre hat sie minutiös recherchiert. Das ganze Zeitkolorit atmet und riecht. Die Erziehungsmethoden und Lebenssprüche, die Sonntagsausflüge, die hochnäsige Verachtung der Migros - die Kulturgeschichte des Essens schreibt sich ja bis heute weiter: Gerade eben hat eine bekannte Kolumnistin in einer bekannten Zürcher Tageszeitung ihr Innerstes offenbart und erzählt, dass sie erstmals im Restaurant eines anderen Grossverteilers gegessen habe.

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Foto: Freizeitfreunde

Zur Lesung im bücherraum f hatte Dagmar Schifferli eine Bonbondose voller Tiki mitgebracht - eine zwiespältige Delikatesse. Mir wollte diese plötzlich Explosion und Sensation im Mund schon als Kind verdächtig erscheinen, als künstliches Paradies.

Die sechziger Jahre lassen sich als Wendezeit lesen, als die Xenophobie virulent wird, da mehr "Fremde" die Hochkonjunktur befeuern. Zugleich bahnen sich gesellschaftliche Umbrüche an, gegen die der Status quo und die Machtverhältnisse vorerst noch verteidigt werden. Mattmark bleibt ein Skandal. Anzeichen für den Gletscherabbruch waren unübersehbar gewesen, es hatte Warnungen gegeben, der Arbeitsdruck an der Staumauer war enorm, kommerzielle Erwägungen hatten sich gegenüber Sicherheitsbedenken durchgesetzt - und dennoch wurde später keiner der Verantwortlichen gerichtlich verurteilt. Auch die Verbandelung von Bundesrat Roger Bonvin mit der Baubranche wurde kaum aufgearbeitet. Zwanglos lassen sich Parallelen zum Herbst 2011 mit dem Brand im Gotthardtunnel und dem Grounding der Swissair ziehen.

Im Gespräch mit Madeleine Marti und dem Publikum sprach Schifferli über ihre Arbeitsmethode, über die Verquickung von recherchierten Fakten und Imagination. Das Froschmuseum, das sie beschreibt, gibt es und das Internat am selben Ort auch, aber der fiktive Ortsname ermöglicht, dass nicht alles authentisch sein muss und zugespitzt und verdeutlicht werden kann.

Die Abschiebung von Katharina ins Internat und bei Gelegenheit in den dortigen Karzer, in dem schon die bewunderte Tante Lucille eingesperrt worden war, beendet das Buch etwas abrupt und auf einer eher düsteren Note. Das Wünschen konnte offenbar noch nicht helfen.

In der zwanglosen Unterhaltung nach der Lesung stellte sich eine persönliche historische Querverbindung heraus: Der Vater einer der Anwesenden hat als Steinmetz jene Gedenktafel gemeisselt, mit der die Opfer von Mattmark endlich ihre Namen erhielten, neben denjenigen der Katastrophe auch weitere Tote bei früheren Arbeitsunfällen.

sh


Montag, 11. März 2019
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"ausgelesen"
Jeannette Fischer stellt Bücher aus der Bibliothek vor

Jeannette Fischer ist Psychoanalytikerin. Sie kuratierte Ausstellungen und machte Dokumentarfilme für das Fernsehen SRF. Letztes Jahr sind zwei Bücher von ihr erschienen: "Psychoanalytikerin trifft Marina Abramovic" und "Angst - vor ihr müssen wir uns fürchten".

Metaphysik der Kunst

Zuweilen wurde es schon beinahe aufgewühlt an diesem Montag im bücherraum f. Jeannette Fischer hatte als erstes Buch für ihre Präsentation in der Reihe "ausgelesen" einen Band von Paula Modersohn-Becker (1876 - 1907) gewählt. In deren Briefen und Tagebüchern als Teenager und dann als Malerin aus der Künstlerkolonie in Worpswede fand Fischer ein obsessives Verlangen nach Vollkommenheit, das ständig ins Leiden umkippe, ein unkritisches Streben nach Grösse, autoritäres Gehabe, ja, es fiel sogar das f-Wort: faschistoid. Das wollten ZuhörerInnen aus dem Publikum nicht auf der Künstlerin sitzen lassen. Solche Suche nach dem Vollkommenen sei doch zeitbedingt, stehe in der romantischen Tradition, und überhaupt: selbstverständliche Anstrengung des künstlerischen Geistes. Dagegen wollte Fischer präzisieren: Indem die Kunst metaphysisch überhöht werde, entwerte sie zugleich die Wirklichkeit. Der Hass auf alles, was die Grösse verhindere, behindere zugleich den Aufbau realistischer Beziehungsformen.

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Neben ihrer psychoanalytischen Praxis ist Jeannette Fischer vielfältig in künstlerischen Aktionen involviert; letztes Jahr hat sie sowohl einen Band basierend auf Gesprächen mit der Performance-Künstlerin Marina Abramovic wie ein Buch zum Thema "Angst" publiziert. Interessiert ist sie an den Vorstellungen über Kunst, an deren Umsetzungen und Widersprüchen, wie sie sich in Formen und Dynamiken von Beziehungen äussern, generell an "Beziehungsbruchgeschichten".

Die US-Lyrikerin Silvia Plath (1932 - 1963) verübte mit 31 Jahren Suizid, so wie Paula Modersohn-Becker mit 31 Jahren im Kindbett verstorben war. In der Silvia-Plath-Gemeinde gibt es eine Tendenz, ihrem damaligen Mann, dem Lyriker Ted Hughes, eine mehr oder minder grosse Verantwortung für diesen Tod anzulasten. Jeannette Fischer konzentrierte sich dagegen auf die Beziehungsgeschichte zur Mutter Aurelia Schober Plath. Letztere publizierte 1975 Silvias "Letters Home: 1950 - 1963", mit einer langen, persönlichen Einleitung. Darin wird die Tochter zum Genie erhöht, zugleich mit gezielt-unbewussten oder unbewusst-gezielten Bemerkungen immer wieder abgewertet. Silvia Plath selbst war sich, wie Modersohn-Becker, über ihre Berufung schon früh im Klaren, und das wurde wiederum, diesmal von der Mutter, vorangetrieben. Dabei entstand eine "Parentifizierung", eine Umkehrung der Rolle von Elternteil und Kind, da Silvia durch ihre einsetzenden Erfolge ihrer Mutter stellvertretend die Gratifikationen zukommen lassen musste, die normalerweise ein Kind von seinen Eltern erhält. Zumeist schickten sich Mutter und Tochter wöchentlich einen Brief; nur nach der Geburt ihres ersten Kindes musste Silvia ihrer Mutter schneidend schreiben, diese sei wohl so beschäftigt gewesen, die Nachricht der breiteren Welt zu verkünden, dass sie keine Zeit gefunden habe, sich bei Silvia direkt zu melden. Zum Zeitpunkt ihres Selbstmords schien alles bereit für ein erfüllteres Leben, doch war zugleich offensichtlich, dass die Mutter nicht bereit war, ihre Tochter aus der Umklammerung zu lassen.

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Wenn so sich die Generationen im Verfolgen künstlerischen Ruhms ineinander verhakten, verstrickten sich die Surrealisten "traditioneller" im Rollenverhältnis zwischen den Geschlechtern. Die Kunstwissenschaftlerin Xavière Gauthier analysierte 1971 dieses Verhältnis in einem fulminanten Buch "Surrealismus und Sexualität. Inszenierung der Weiblichkeit". Misogyne Aperçus lassen sich bei den Surrealisten zuhauf aufspüren, etwa "Ich bearbeite Frauen wie Brotteig. " Nicht die selbstständige Frau war das Ziel ihrer vordergründigen Verehrung des Weiblichen, sondern die Kindfrau. Auch die beschworene androgyne Verschmelzung der Geschlechter diente vor allem der Anreicherung des männlichen Ichs. So wurden die Frauen selbst abgewertet und durchgestrichen.

Als Beispiel führte Fischer Leonora Carrington (1917 - 2011) an, die als Malerin, Bildhauerin und Schriftstellerin in surrealistischen Kreisen aktiv war, etwa durch den Erzählband "Die ovale Dame" (1939) mit seinem magischen Realismus und durch den Bericht "Unten" (1940) über ihren psychotischen Zusammenbruch und den mehrmonatigen Aufenthalt in einem Sanatorium nach der Flucht aus dem von den Nazis besetzten Frankreich. Geschrieben wurden die beiden Bücher teilweise während der Beziehung zu dem viele Jahre älteren Max Ernst, und sie sind durchzogen von Allmachts- und zugleich Ohnmachtsfantasien. - Wie die nebenstehenden Ausleihzettel zeigen, wurden die Bücher Ende der 1980er-Jahre bei Schema f recht häufig bezogen.

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Eine Gemeinsamkeit dieser Fallstudien sah Fischer in der sozialen Herkunft der KünstlerInnen, die ihre künstlerischen Träume nicht zuletzt durch das Geld der Väter oder Ehemänner finanzieren konnten. Dazu wurde freilich aus dem Publikum angemahnt, man müsse diese Konstruktionen wiederum aus dem sozialen Milieu heraus verstehen: Die künstlerische Berufung sei für Frauen ein ebenso glänzender wie gefährdeter Weg gewesen, da andere Karrieren versperrt waren.

Worauf die Diskussion nochmals zum Beginn zurückkehrte. Was den Vorwurf des Autoritären betrifft, so kann er weniger die konkreten Inhalte treffen, die durchaus gegen herrschende Autoritäten ins Feld geführt wurden, sondern womöglich die Form - inwiefern in dieser Metaphysik der Kunst, von der Heil und Erlösung erwartet wurden, nicht eine Unterwerfungsstruktur vertreten wurde. Zweifellos grenzt sich Ausrichtung auf das Eigene, Aparte, Besondere von den anderen, vom Gewöhnlichen und von der Masse ab. Ob damit die moralische Abwertung der andern und der Gemeinschaft folgt, blieb umstritten; wobei man sich als anzustrebendes Gegenbild auf den intersubjektiven Diskurs verständigen konnte.

Dem Vernehmen nach setzten sich die Diskussionen noch in der Beiz fort. Was wollen Bücher und der bücherraum f mehr?

sh


Donnerstag, 7. März 2019
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"In der Diskussion":
Wohnbaugenossenschaften

Wie Wohnen in Zürich? Wohnungsnot, Ersatzneubau und Umnutzung geben heftig zu reden. Was können und sollen da die Wohnbaugenossenschaften leisten? Darüber diskutieren Alfons Sonderegger, zwanzig Jahre lang Präsident der Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ) im Friesenberg, und Christian Häberli, Mitglied der neuen Genossenschaft Grubenacker in Seebach.

Wohn-Nöte

Wohnen müssen wir alle, und deshalb können wir auch alle aus eigener Erfahrung und Betroffenheit mitreden, wenn es um die Zürcher Wohnsituation geht. So entwickelte sich im bücherraum f am 7. März eine lebhafte Debatte zum Thema Wohnbaugenossenschaften.

Die Veranstaltung eröffnete die neue Reihe "in der diskussion" zu aktuellen Themen. Und die Wohnfrage ist aktuell, ja brennend. Können Wohnbaugenossenschaften die nötige Verdichtung, Umnutzung und ökologische Erneuerung garantieren? Wo sie doch selbst in die Kritik geraten sind, weil sie angeblich nur für ihre eigene Klientel schauen?

Darüber sprachen und diskutierten Alfons Sonderegger, langjähriger Präsident der Familienheim-Genossenschaft im Friesenberg, und Christian Häberli, Gründungsmitglied der neuen Wohnbaugenossenschaft Grubenacker in Seebach.

Alfons Sonderegger lieferte einleitend ein paar grundsätzliche Informationen zu Wohnbaugenossenschaften. Nur vier Prozent allen Wohnraums wird in der Schweiz genossenschaftlich verwaltet, wobei die Städte Zürich und Biel mit 18 Prozent herausstechen. 2011 entschied das Zürcher Stimmvolk, bis 2050 solle der Anteil genossenschaftlicher und gemeinnütziger Wohnungen und Häuser von rund 25 Prozent auf einen Drittel steigen. Genossenschaften haben sich dabei an die strikt geregelte Kostenmiete zu halten, dürfen also nur anfallende Kapital- und Unterhaltskosten verrechnen. Gewinn dürfen sie keinen erzielen, und wenn sie auf einen Nebenverdienst durch Landverkäufe spekulieren, dann braucht es dafür zumeist eine Zweidrittelmehrheit aller Genossenschaftsmitglieder.

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Die Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ) wurde 1924 gegründet, am Rande Zürichs als so genannte Gartenstadt nach dem Vorbild der englischen Reformbewegung um 1900, die Arbeiterfamilien aus den Slums der Industriestädte ein erschwingliches Wohnen ermöglichen wollte. Die FGZ wuchs anfänglich langsam, ist mittlerweile mit 2300 Wohnungen aber eine der grössten in der Schweiz. Sie ist eine Mitgliedergenossenschaft, das heisst alle Mitglieder sind zugleich Mieter. Und sie ist eine Siedlungsgenossenschaft, weil ihre Bauten konzentriert am Friesenberg sind. Von den 11000 Quartiersmitgliedern wohnt etwas mehr als die Hälfte in der Genossenschaft.

Im Rahmen der städtischen Verdichtung plant die FGZ in einem mit der Stadt erarbeiteten Masterplan einen Ausbau auf 2800 bis 2900 Wohneinheiten. Betroffen wäre auch die Gründungssiedlung mit insgesamt 144 Einfamilienhäusern und Wohnungen aus den Jahren 1925 bis 1928. Deren Renovation käme so teuer, dass die neuen Mieten das bisherige Mietgefüge der Genossenschaft sprengen würden. Deshalb ist mittelfristig ein Ersatzneubau geplant, der fast doppelt so viele günstigere Wohnungen erlaubt.

Vorbild für die Verdichtung ist die FGZ-Siedlung Grünmatt, die 2012 bis 2014 bezogen wurde. Anstelle von 64 Reihenhäusern gibt es dort jetzt 155 Wohneinheiten mit 500 statt 200 BewohnerInnen.

Die Pläne für den Ersatz der Gründungssiedlung haben die FGZ in ein eher unliebsames mediales Rampenlicht gerückt. Es gibt eine interne Opposition, und der Heimatschutz erhob Rekurs gegen den Stadtratsbeschluss, die Siedlung nicht unter Schutz zu stellen. Der Rekurs wurde vom Baurekursgericht abgelehnt, doch ist er kürzlich, im Januar, vom Verwaltungsgericht gestützt worden. Dagegen will die FGZ nun ihrerseits zusammen mit der Stadt ans Bundesgericht gelangen, um abklären zu lassen, ob das heimatschützerische Interesse dasjenige an baulicher Erneuerung, Verdichtung und preisgünstigen Wohnungen überwiege.

Scheinbar von der entgegen gesetzten Ausgangslage her kommt Christian Häberli. Er wohnt nämlich in einem Einfamilienhaus in Seebach, und gleich vis-à-vis plant die Stadt die grosse überbauung Thurgauerstrasse West.

Wo jetzt Schrebergärten und ein Parkplatz stehen, soll die grösste städtische Baureserve für drei Hochhäuser und mehrere Querbauten genützt werden, die rund 2000 Menschen Platz böten. Die jetzigen Einfamilienhäuser würden dadurch schroff überragt. Die Neuüberbauung soll eine Ausnützungsziffer von gegen 300 Prozent aufweisen; und gleich vor deren Haustür würde es locker bebaut bei rund 30 Prozent bleiben.

Dagegen hat sich zunächst die Interessengemeinschaft Grubenacker gebildet, um die Stadt zum überdenken der grandiosen Pläne zu veranlassen. Sollen damit bloss die eigenen Pfründe verteidigt werden? Nein, denn es geht den HausbesitzerInnen nicht (nur) um die Bewahrung ihrer eigenen Lebensqualität, sondern um eine stärker durchmischte, zukunftsträchtige Planung der Nachbarschaft.

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Gefordert werden mehr Ideen, nicht einfach grosse Wohnklötze, gefordert wird eine ganzheitliche Planung für das ganze Gebiet. Offeriert wird auch der Einbezug der eigenen privaten Grundstücke. Zu diesem Zweck ist kürzlich die Wohnbaugenossenschaft Grubenacker gegründet worden, mit der die EigenheimbesitzerInnen ihre Grundstücke zusammenschliessen wollen, um prospektiv das so geschaffene Gebiet gemeinsam zu entwickeln.

Gefordert werden mehr Ideen, nicht einfach grosse Wohnklötze, gefordert wird eine ganzheitliche Planung für das ganze Gebiet. Offeriert wird auch der Einbezug der eigenen privaten Grundstücke. Zu diesem Zweck ist kürzlich die Wohnbaugenossenschaft Grubenacker gegründet worden, mit der die EigenheimbesitzerInnen ihre Grundstücke zusammenschliessen wollen, um prospektiv das so geschaffene Gebiet gemeinsam zu entwickeln.

Deshalb wird auch die Zusammenarbeit mit dem Projekt NeNa1 "Neustart Nachbarschaft die Erste" gesucht, das auch schon alternative Ideen zur überbauung Thurgauerstrasse West formuliert hat, und deshalb hat der Urbanist Hans Widmer alias P.M. für den Grubenacker fürs Jahr 2040 einen seiner hübschen Pläne gezeichnet, mit viel Grün und bunten Nachbarschaften, in dem die Thurgauerstrasse überbrückt und der Grubenacker ans Leutschenbach angebunden wird.

Denn im Grundsatz wollen Häberli und Sonderegger das selbe: eine vernünftige Verdichtung. Auf etliche Nachfragen erläuterte Sonderegger die sozialen Massnahmen (Richtquoten, Verdienstausgleich, Zügelfristen) und ökologischen Anstrengungen der FGZ. Und er beschrieb die Mühen der Ebenen, rigide behördliche Vorgaben pragmatisch umzusetzen.

Häberli seinerseits beschrieb die Mühen der Ebenen, überhaupt in den Planungsprozess einbezogen zu werden. Das habe sich in den letzten Monaten gebessert, aber es verlange viel Einsatz, die zuweilen von Behördenseite unter- und gering geschätzt wird.

Wie weiter? Unbestritten ist, dass neuere Genossenschaften auf höheres Eigenkapital und damit höhere Genossenschaftsbeiträge angewiesen sind, weil Hypotheken nicht mehr so freigiebig fliessen. Auch wenn man nicht der Anti-Genossenschafts-Kampagne der NZZ aufsitzen sollte, bleibt doch die Frage legitim, ob die neuen Wohnbauinitiativen nicht vorrangig eine mittelständische Klientel ansprechen und die soziale Durchmischung der bisherigen Genossenschaften nicht erreichen.

Gemässigt kontrovers beurteilt wurden einzelne Massnahmen: Wenn die Stadt Bauland zu heutigen Marktpreisen aufkauft, heizt sie dann die Bodenspekulation an, oder entzieht sie das Land zumindest der künftigen Spekulation? Als grundsätzliches Manko allerdings ergab sich: Es existiert keine übergeordnete Planung. Der Gestaltungsplan als erste Stufe der öffentlichen Diskussion gibt schon zu detaillierte Vorgaben, erschwert übergreifende Konzepte und alternative Ideen. Die Nutzungsplanung über das gesamte Areal der FGZ im Friesenberg geht da laut Sonderegger zumindest in die richtige Richtung. Im Fall der Thurgauerstrasse hingegen bedroht der vorliegende Gestaltungsplan das Entstehen einer vielfältigen urbanen Wohnlandschaft und letztlich auch die Realisierung zusätzlicher kostengünstiger Wohneinheiten. An diesem Beispiel wird laut Häberli deutlich, dass die bisherigen Planungsinstrumente nicht tauglich sind für die innere Verdichtung im städtischen Raum.

Wenn beide Formen der vorgestellten Genossenschaften sich um eine übergeordnete Planung bemühen, so stösst eine solche aber vielfach auch an die Grenzen des geltenden Bodenrechts.

sh


Freitag, 22. Februar 2019
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Monika Wicki: Robert Grimm in Oerlikon
Revolutionäre Aufbrüche

Gleich um die Ecke vom bücherraum f hat Robert Grimm seine Lehre abgeschlossen. Der Gewerkschafter und Landesstreikführer ist vielfältig mit der Oerlikoner Industriegeschichte verknüpft. Monika Wicki, Präsidentin der Robert-Grimm-Gesellschaft, erzählt aus einem kämpferischen Leben.

Die Lehrwerkstätte lag gleich um die Ecke vom bücherraum f: Dort, wo jetzt der Binzgarten wirtschaftet, stand einst die Buchdruckerei Meier. In ihr absolvierte Robert Grimm vom Mai 1897 bis in den Mai 1899 seine Lehre. Grimm war 1881 in Wald in einer Arbeiterfamilie geboren, ein aufgeweckter, redseliger Knabe. Er sollte auch in der Fabrik arbeiten gehen, doch als er knapp sechzehn Jahre alt war, finanzierte ihm die Schwester Albertine ein Inserat in einer Zürcher Tageszeitung, in dem für einen willigen, einsatzbereiten Jungen eine Lehrstelle gegen eine moderate Entlöhnung gesucht wurde. Buchdrucker Meier stellte ihn auf den Mai 1897 ein; seine Druckerei befand sich an der Affolternstrasse 8 in Oerlikon. Dem städtischen Meldeschein lässt sich entnehmen, dass der junge Robert im Verlauf der zweijährigen Lehre an verschiedenen Stellen in der Nähe des Wohnsitzes seines Arbeitgebers in Fluntern zur Untermiete wohnte. Der führte auch ein Restaurant, wo Grimm gelegentlich aushalf.

Monika Wicki, Präsidentin der Robert-Grimm-Gesellschaft, veranschaulichte diese Anfänge des späteren Sozialisten und Generalstreikführers mit vielen Bildern in einem lebhaften Vortrag im bücherraum f. In der Druckerei Meier wurden unter anderem die Lokalzeitungen "Echo vom Zürichberg" und "Limmat" gedruckt, und Wicki machte mit Ausschnitten daraus das geschichtliche Umfeld deutlich, das Grimm antraf, etwa einen Auftritt von SP-Gründer Herman Greulich im Gemeinderat, aktuelle Bauvorhaben in der schnell wachsenden Gemeinde oder Debatten zum Ausbau der gemeinnützigen Krankenpflege.

Anhand von zeitgenössischen Fotografien wurde auch die Strecke abgeschritten, die Grimm von Fluntern in die Druckerei womöglich benützt hatte. Oerlikon hatte sich 1872 von der Munizipalgemeinde Schwamendingen, der es seit 1799 angehört hatte, selbstständig gemacht und war im industriellen Aufschwung begriffen, gefördert durch den 1855 begonnenen Bau der Nordostbahn. Die 1876 gegründete Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) begann ihre rasante Erfolgsgeschichte, als sie 1884 auf die neue Elektrotechnik setzte. Die Fotografien zeigten, bei beinahe idyllischer Ausgangslage, diesen rasanten Umbruch ansatzweise. Etliche der lokal ansässigen Anwesenden konnten bei der genaueren Verortung mithelfen. Hier wäre Grimm rechterhand an der Kirche vorbeigekommen, und dieser bescheidene Bahnübergang musste wohl die heutige Regensbergbrücke sein. Die Affolternstrasse, an der die Buchdruckerei Meier gestanden hatte, ist ja mit dem Umbau des Bahnhofs vor ein paar Jahren ein wenig nach Nordwesten gerückt.

Insbesondere Bahn und Strassenbahn veränderten um 1900 das lokale Verkehrsnetz und die Bebauung. Kurz nach dem Lehrantritt von Robert Grimm wurden die ersten Tramschienen gelegt. Die Strassenbahn war ein Privatunternehmen, die MFO hatte auf Antrag die Genehmigung für eine eigene Linie bekommen, und die AG "Strassenbahn Zürich-Oerlikon-Seebach" ZOS nahm im Oktober 1897 den Betrieb auf. Weil die Schweizerische Nordostbahn aus Konkurrenzgründen das Kreuzen ihrer Geleise durch Passagiertrams untersagte, führte die ZOS die Tramzüge anfänglich vom Zürcher Central bis zum Bahnhof Oerlikon, wo die Passagiere nach Seebach ausstiegen, den Bahnübergang zu Fuss überquerten und auf der anderen Seite in ein bereitstehendes Tram stiegen, das sie nach Seebach brachte. Restaurant und Hotel Sternen, im Februar 1897 im alten Teil des Quartiers eröffnet, hatte Grimm wohl auch gekannt. Gegenüber der Buchdruckerei, an der Affolternstrasse 9, stand das Restaurant Heimat, in das sich später die 1903 gegründete Oerlikoner Sektion des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverbands SMUV mit Sekretariat und Versammlungslokal einmietete.

In der Druckerei begann Grimm, wie er selbst angemerkt hat, zu schreiben. Handfeste Belege liegen nicht vor, da die Beiträge in den Lokalzeitungen nicht namentlich gezeichnet wurden, aber Wicki präsentierte in konjektureller Geschichtsschreibung einige zeitgenössische Texte, die er womöglich hätte verfassen können, etwa über den Herbstmarkt in seiner Heimatgemeinde Wald, den er vielleicht im Oktober 1897 besucht hatte, oder über die Kantonsratswahlen 1899. Es sind funktionale Texte, und darin lässt sich noch nichts vom späteren rhetorischen Feuer von Grimm erkennen.

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Im Mai 1899 schloss Robert Grimm seine Lehre ab und trat die erste Stelle in Horgen bei der Buchdruckerei Schläpfer an.

Ein Jahr später startete er zu den berufsüblichen Wanderjahren. Wicki zeigte die beträchtlichen Distanzen die damals zurückgelegt wurden, zum Schluss, im August 1902 waren es von Triest her wohl 700 Kilometer in zwanzig Tagen: Eine Fotografie zeigt einen entsprechend abgekämpften Wandergesellen Grimm. Mehrfach engagierte er sich danach in Arbeitskämpfen und wurde 1905 auf eine schwarze Liste gesetzt. Jetzt wird er Gewerkschaftsfunktionär, und damit beginnt eine Karriere, die ihn zu einem der bekanntesten europäischen Arbeiterführer macht. Bekannt wird er zuerst in Bern, in Zusammenarbeit mit den radikaleren Zürchern, auf deren Liste er 1911 in den Nationalrat gewählt wird. Seine internationale Bedeutung erringt er als Kriegsgegner, der 1915 und 1916 die Konferenzen der europäischen KriegsgegnerInnen in Zimmerwald und Kiental organisiert. Auf dem Teilnahmeblatt findet sich sein Name unter anderem neben denen von Lenin, Trotzki, Karl Radek, Georg Ledebour und Henriette Roland Holst. Es sind Friedenskonferenzen, wie Monika Wicki betont, obwohl diejenige von Kiental ein radikaleres gesellschaftspolitisches Manifest verabschiedet. Denn Grimm, Zeit seines Lebens Marxist, distanziert sich schon bald von der kommunistischen Bewegung.

Wicki streifte beiläufig auch die zeitgenössisch eher patriarchale Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern, die Grimms erste Ehe mit Rosa Reichesberg scheitern liess. Wir verliessen Grimm noch vor seiner Rolle bei dem letztes Jahr umfänglich gewürdigten Generalstreik mit einer raschen Auflistung seiner zahlreichen späteren Funktionen und ämter. Es war eine vergnügliche Geschichtsstunde, mit aktuellen politischen wie auch lokalen städtebaulichen Bezügen.

sh

Weitere Informationen:Robert-Grimm-Gesellschaft

Fotografien: Städtebauliches Archiv, Verein Ortsgeschichte Seebach, Monika Wicki


Montag, 18. Februar 2019
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"ausgelesen"
Melinda Nadj Abonji stellt Bücher aus der Bibliothek vor
Unbedingtheit des Sprechens

Melinda Nadj Abonji schreibt Romane und Essays, performt Texte, spielt Geige und singt. Sie ist Trägerin des Deutschen und des Schweizer Buchpreises sowie weiterer Auszeichnungen. Aufgewachsen ist sie im jugoslawischen Bečej in der Vojvodina, heute lebt sie in Zürich.

Die Eroberung des Lesens: Eindringlich schilderte Melinda Nadj Abonji zur Einführung ins "ausgelesen" das Aufwachsen in einer Familie, in der nur ein einziges Buch, die Bibel, vorhanden war, und wie sich ihr durch die Bücher aus der lokalen Bibliothek neue Lese- und Lebensräume aufgetan hatten. Die Veranstaltung am 18. Februar im bücherraum f nahm sie zum Anlass, nicht etwa über Bücher zu berichten, die sie gut kannte, sondern sich AutorInnen und Bücher neu einzuverleiben, die sie schon lange hatte lesen wollen, aufgrund eines Eindrucks oder eines Zitats, das sie länger oder kürzer mit sich herumgetragen hatte. Da war zuerst Marlen Haushofer, samt einem Exkurs zu Marieluise Fleisser, dazu gesellten sich Ernst Bloch, Rosa Luxemburg und Albert Camus. Bemerkenswerterweise also etliche Texte von TheoretikerInnen, die aber ins Literarische hinüberschillern. Im Mittelpunkt von Nadj Abonjis Faszination durch diese AutorInnen steht denn auch die Sprache, die sich dem Herkömmlichen entzieht.

Wo wäre Zuhausesein? Die lange vergessene österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer (1920-1970) handelt in ihrem Roman "Die Mansarde" (1969) über die soziale Ort- und Heimatlosigkeit. "Aber ich weiss, dass ich lieber hier nicht zu Hause bin als anderswo. Das ist vielleicht schon ein grosses Glück." So fasst die Ich-Erzählerin angesichts der Zwänge von Familien- und Geschlechterrollen die Frage nach dem kleinen oder grossen oder erträglichen Glück zusammen. Zur Kunst werde dies durch die Unbedingtheit des Sprechens, durch eine intensiv bearbeitete und geformte Sprache, die tönt und klingt.

Wenn Ernst Bloch das Noch-Nicht des erfüllten Daseins suchte, war er ebenfalls auf eine eigentümliche, leuchtende Sprache verwiesen. Als genauer Beobachter der Alltagskultur analysierte er in "Wut und Lachlust" aus "Erbschaft dieser Zeit" (1935) die Tanzmarathons in den wilden dreissiger Jahren, die etwa im Film "They Shoot Horses, Don’t They?" von Sydney Pollack (1969) in einem anderen Medium dargestellt wurden und die in "Big Brother" und weiteren Entblössungssendungen weiter getrieben worden sind. Dabei ergab sich ein Anknüpfungspunkt an die Ernst-Bloch-Veranstaltung vom 11. Februar im bücherraum f, bei der Beat Dietschy ebenfalls "Erbschaft dieser Zeit" als eines der aktuellsten Bücher von Bloch bezeichnet hatte.

Von Rosa Luxemburg präsentierte Nadj Abonji eine Briefausgabe, die selbst eine Geschichte erzählt: "Briefe an Freunde" wurde 1950 "nach dem von Luise Kautsky fertiggestellten Manuskript herausgegeben von Benedikt Kautsky" erstmals in der Europäischen Verlagsanstalt publiziert. In den bücherraum gelangte das Buch, wie ein handschriftlicher Vermerk zeigt, weil es als Doublette ausgeschieden und antiquarisch für zehn Franken erworben worden war. In Luxemburgs Briefen etwa an Hans Diefenbach zeigt sich besonders eindrücklich, wie weit sie ihre Interessen und Kenntnisse spannte, wenn sie von der zärtlichen Beobachtung von Hummeln zur gestrengen Auseinandersetzung mit Literatur wanderte, und es zeigt sich ihr humaner Enthusiasmus, der noch im Gefängnis nicht die Hoffnung verlor, dass der Mensch gut und die Gesellschaft veränderbar sei. Dabei muss man sich aktuell gegen eine Geschichtsvergessenheit wehren, wenn Luxemburg wieder ins Nichts verdrängt werden soll.

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In Albert Camus’ "Der Mensch in der Revolte" (1951) interessierte Nadj Abonji insbesondere die Definition jener Kunst, die den Herrschaftsanspruch der Wirklichkeit nicht dulden will und doch auf diese angewiesen bleibt. Mit der damit angeschlagenen Revolte verwies sie auf aktuelle Demonstrationen, von den Gilets jaunes über Novi Sad bis zum Klimastreik. Eine untergründige Gemeinsamkeit der ausgewählten Werke ergab sich durch die Betonung der Utopie und der Hoffnung auf die durch die Revolte ermöglichte Veränderung.

Die anschliessenden lebhaften Fragen aus dem angenehm gefüllten bücherraum zielten auf weitere Auskünfte der Autorin: Wie sie vom Lesen zum Schreiben gekommen sei, oder wo sie Parallelen oder Abgrenzungen gegenüber anderen zeitgenössischen AutorInnen und literarischen Gattungen wie dem Kriminalroman ziehe.

Zu Beginn hatte Melinda Nadj Abonji eine Anekdote angeführt, wonach sie im Kindergarten, des Deutschen noch kaum mächtig, beim "Schneewittchen"-Schultheater zu einem Tannenbaum ausgestattet worden sei - gut gemeint gegenüber dem Kind, aber dieses in der Sprachlosigkeit belassend. Eine Zuhörerin sah sich dadurch auf ein ähnliches Erlebnis mit ihrem eigenen Sohn verwiesen und bekannte, mit etwas Scham, dass sie damals die Integrationsabsicht höher als die Ausgrenzung bewertet habe. So ergab sich ein Dialog über die Zeiten hinweg.

In seiner hilfreichen Einleitung hatte Jonathan Pärli einem Originaltext von Melinda Nadj Abonji aus ihrem jüngsten Buch "Schildkrötensoldat" das Prädikat verliehen: anspruchsvoll, aber lohnend. Das galt treffend auch für ihre Ausführungen. Geradezu epigrammatisch zugespitzte Sätze liessen sich notieren, etwa "Wenn ich zeitungsmüde bin, lese ich Ernst Bloch." Dass sie allerdings gesagt haben soll, "Am schönsten ist es, ein Buch an einem Tag zu essen", mag einem Wunsch des Berichterstatters entspringen. In einer Zuschrift meint jedenfalls Klaus V.: "Ich finde eure Formel, dass ein Autor, eine Autorin über Bücher von anderen spricht und daraus liest, interessanter als die klassischen Lesungen. Ich erfuhr mehr über Nadj Abonji und ihr Schreiben, als wenn sie einfach aus ihrem Werk vorgelesen hätte."

sh


Montag, 11. Februar 2019
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Beat Dietschy: Die Geburt der Utopie aus dem Geist der Alpen

Der Philosoph Ernst Bloch hat gegensätzliche Erfahrungen mit der Schweiz gemacht. Im ersten Weltkrieg schlugen ihn Freunde als Kriegsgegner zum Ehrenbürger von Interlaken vor - 1934 in Zürich im Exil, wo sein Buch "Erbschaft dieser Zeit" erschien, wurde er von der Fremdenpolizei ausgewiesen. Beat Dietschy war Mitarbeiter Blochs in Tübingen und ist Mitherausgeber des "Bloch-Wörterbuchs".

Zweimal musste der Philosoph Ernst Bloch ins Schweizer Exil, 1917/18 und 1933/34. Schon zuvor hatte es Anknüpfungspunkte zur Schweiz gegeben, und subkutan lassen sich Ausläufer in seiner Philosophie feststellen. Beat Dietschy, in den siebziger Jahren letzter persönlicher Mitarbeiter Blochs in Tübingen, referierte darüber ebenso unterhaltsam wie kenntnisreich am 11. Februar im bücherraum f.

Dietschy hatte den ihm eher spielerisch vorgesetzten Titel "Die Geburt der Utopie aus dem Geist der Alpen" zum Anlass für eine weit reichende Recherche zur Beziehung von Ernst Bloch zur Schweiz sowohl in lebensgeschichtlichen Anekdoten wie in der philosophischen Auseinandersetzung mit dem "Prinzip Schweiz" genommen. Ausgebildeter Theologe und Philosoph, ist Dietschy lange Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit und als Journalist tätig gewesen, in produktiver Verbindung von Theorie und Praxis. Acht Bücher von ihm verfasst oder mit Beiträgen von ihm finden sich im bücherraum f, seine Dissertation "Gebrochene Gegenwart" zu Bloch, Artikel im "Vorschein", den Jahrbüchern der Ernst-Bloch-Assoziation, ebenso wie das von ihm mit herausgegebene magistrale "Bloch-Wörterbuch". Auch das andere Interessens- und Arbeitsgebiet der kritischen Theologie ist vertreten: "Ist unser Gott auch euer Gott?" mit vielen Gesprächen über Kolonialismus und Befreiung und der zusammen mit Annette Dietschy herausgegebene Band "Kein Raum für Gnade? Weltwirtschaft und christlicher Glaube", der Impulse aus vier Kontinenten versammelt. Das Werk von Ernst Bloch selbst darf unter dem Stichwort Kritischer Marxismus durchaus als ein Schwerpunkt der Politisch-philosophischen Bibliothek f gelten - von ihm finden sich nicht weniger als 110 Laufzentimeter sowie 35 Zentimeter Sekundärliteratur. Stöbern lohnt sich.

Der früh selbstbewusst in sich ruhende und zugleich umfassend neugierig auf die Welt zugehende Bloch war, wie Dietschy belegte, jeweils schnell in ein vielfältiges Beziehungsgeflecht eingebunden. Ab 1917, in Bern, Thun und Interlaken ansässig, schrieb er für "Die Freie Zeitung" unter Pseudonym über hundert Artikel. Die zweimal in der Woche in Bern erscheinende Zeitung mit dem Untertitel "Unabhängiges Organ für demokratische Politik" wurde publizistisch wesentlich vom Ex-Dadaisten Hugo Ball geprägt und setzte sich gegen den preussischen Militarismus und den Weltkrieg ein - unterstützt wurde sie übrigens vom pazifistischen Schokoladefabrikanten Theodor Tobler, so dass sich in vielen Ausgaben Inserate für die 1908 patentierte Toblerone finden. Bloch selbst erhielt zuweilen Geld durch den zum Kriegsgegner gewordenen ehemaligen Krupp-Direktor Wilhelm Muehlon, was ihm erlaubte, sein erstes grosses Werk "Geist der Utopie" zu beenden. 1918 befreundete sich Bloch mit dem ihm in manchem wesenverwandten Walter Benjamin, der damals in Bern dissertierte. Freunde schlugen Bloch als Ehrenbürger von Interlaken vor, um so eine Einbürgerung zu erleichtern. Doch als in Deutschland die Novemberrevolution begann, sah er dazu keine Notwendigkeit mehr, da er hoffte, ein neues Zeitalter breche an, wenn sich andere Länder die Schweiz als Bundesgenossenschaft als ein Vorbild nähmen und so etwas wie eine Weltschweiz entstünde.

Dass ihm die Schweiz auch 1933 ein Asyl bot, hat er ihr nie vergessen, obwohl der zweite Aufenthalt bitter endete. Vorübergehend wohnte er mit seiner Frau Karola in der Nähe an der Zollikerstrasse in Tiefenbrunnen bei Hans Mühlestein, einer heftig glühenden Gestalt des Schweizer Kulturlebens, dessen "Grosser Schweizerischer Bauernkrieg" von 1942 in Einigem von Blochs "Thomas Müntzer als Theologe der Revolution" profitiert haben mag. Blochs "Erbschaft dieser Zeit" erschien 1935 in Zürich bei Hans Oprecht, als Bloch wegen seiner publizistischen Tätigkeit schon des Landes verwiesen worden und via Italien nach Wien gereist war. Im gleichen Jahr publizierte Mühlestein einen Roman "Aurora" (1935); knapp zehn Jahre später wurde unter dem Namen Aurora als Synonym für die politische Morgenröte in New York ein Exil-Verlag gegründet, in dem Bloch 1946 sein Buch "Freiheit und Ordnung" veröffentlichte.

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Sichtbar wurde, gerade aus Dietschys persönlicher Kenntnis, Blochs imposante, zuweilen widersprüchliche Persönlichkeit. Den nie anwesenden, dennoch rettenden Augenblick mit seiner messianischen Verheissung suchte er durchaus auch in seinen Beziehungen zu Frauen. Dietschy warf denn auch Seitenblicke auf Blochs Ehefrauen, die Bildhauerin Else von Stritzky und Karola Bloch, née Piotrowska. Oder auch auf die etwa im Umkreis der "Neuen Wege" tätige Publizistin Margarete Susman. Da zeigte sich, leicht ironisch gesehen, eine gewisse behäbige patriarchale Selbstverständlichkeit. Zugleich war Bloch unendlich interessiert an Spuren des Ausbruchs, der Bewegung, des Aufbruchs. Diese Neugier stellte ihn 1968 entschieden an die Seite der antiautoritären Bewegung.

Dietschy vermochte die Anwesenden eine Stunde lang in Bann zu halten, gefolgt von Fragen und Interventionen, über Blochs Beziehung zu ausserdeutscher Philosophie, über das Verhältnis zur Sowjetunion, über Aktualität und Nachwirkung. Hübsch anekdotisch erläuterte er Blochs lässlichen Umgang mit Zitatquellen - ein apokrypher "Pseudoaristoteles" hat es sogar in den Ergänzungsband der Gesamtausgabe geschafft. Die Aktualität sieht Dietschy etwa in der "Erbschaft dieser Zeit" als einer nicht ökonomistischen Faschismusstudie, mit Vorgriffen zur Analyse des Populismus in Alltag und Medien. Die Optik auf die konkrete Schweiz mag ein wenig nostalgisch gefärbt gewesen sein, aber Bloch hatte, wie Dietschy betonte, ein Gespür für das Genossenschaftliche, die Commons, das Gemeinwohl - da fand sich einiges utopisches, vorscheinendes Material in der Schweiz.

"Ernst Bloch hätte Freude gehabt an diesem Bücherraum, zumal sie neben seinen Werken auch Agatha Christie in Hülle und Fülle enthält. Nur Karl May fehlt noch ...", hat Beat Dietschy in unser Gästebuch geschrieben. Was uns natürlich freut.

sh


Montag, 28. Januar 2019
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Monika Stocker: Zürich von unten. Geschichte und Geschichten

Zürich, die reiche schöne Stadt hat eine Unterseite: Armut, schräge Biografien, Drogen und Sucht Monika Stocker war während vieler Jahre "Mittendrin" - im gleichnamigen Buch erzählt sie Geschichte und Geschichten aus fünf Jahrzehnten Sozialarbeit.

Zwischen Aufbruch und Abbruch

Sie hat viel zu erzählen - 50 Jahre war Monika Stocker in der Sozialarbeit tätig, theoretisch, praktisch und politisch. Im bücherraum f präsentierte sie am 28. Januar vor gut gefüllten Reihen ein paar Ausschnitte aus diesem halben Jahrhundert, zum Teil frei extemporiert, zum Teil aus "Mittendrin" vorgetragen, ihrem jüngsten Buch, in einer Mischung von Anekdoten und Reflexionen, lebhaft, anschaulich, gut in den Zeitgeist eingebettet.

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Dem Aufbruch von 68 rechnet sie sich zu, als das Wünschen noch stark war und zuweilen geholfen hat. In mehreren Bewegungen war sie aktiv, in der Frauen- und Friedensbewegung, später in der ökobewegung, für sie auch in die Parteipolitik einstieg: 1987 wurde Monika Stocker Nationalrätin der Grünen, als die sie 1991 die erste Frauensession initiierte. 1994 dann der Sprung ins Exekutivamt, als Sozialvorsteherin der Stadt Zürich, sofort mit dem Drogenproblem konfrontiert. Angesichts der zunehmenden Verelendung der offenen Drogenszene waren in Zürich fortschrittliche Ansätze erprobt worden, doch blieb die Politik immer im Spannungsfeld zwischen Liberalisierung bzw. Legalisierung und Repression. Drastisch schilderte Monika Stocker, wie man am Zürcher Letten mit Baggern Müll und Dreck wegräumte, um den Abhängigen ein paar Wochen lang einen weniger schmutzigen überlebenskampf zu ermöglichen. Und der Staat sah sich in den Kampf der Drogendealer verwickelt. Nach dem Tod mehrerer Kleinhändler hatten die libanesischen Händler einen Boykott ausgerufen, mit verheerenden Folgen, und so wurde beschlossen, die Leiche eines Landsmanns vorzeitig freizugeben, damit der Boykott aufgehoben wurde. Der Versuch, pragmatisch und liberal mit der schrecklichen Realität umzugehen, wurde umgekehrt im benachbarten östlichen Ausland mit wütenden Attacken wegen des angeblich drohenden Untergangs des Abendlands beantwortet.

In anderen Bereichen war, trotz lang anhaltenden neoliberalen Drucks, um die Jahrhundertwende herum ebenfalls noch ein Rest Aufbruchstimmung vorhanden, etwa im Ausbau menschengerechter Alterspflege. Monika Stockers Sozialpolitik wurde dabei zuweilen von linker Seite bestritten, wie es eine Intervention an diesem Abend ansprach, etwa der Aufbau eines zweiten Arbeitsmarkts, dessen Löhne die normalen Mindestlöhne auszuhöhlen und die Unternehmen aus der Pflicht zur Integration behinderter Menschen zu entlassen schienen.

Auch auf ihren schwierigen Abgang 2008 kam Monika Stocker offen zu sprechen, als sensationalistisch über einzelne Betreuungsfälle berichtet wurde und sie sich nicht verteidigen wollte und konnte, weil sie es aus juristischen und ethischen Gründen ablehnte, Details einzelner Fälle offenzulegen - so wie sie auch den Namen jenes "Weltwoche"-Journalisten nicht nannte, der ihr unverhohlen angekündigt hatte, sie öffentlich fertig zu machen.

Sozialarbeit befindet sich seit längerem in der Defensive, wie es einige lebhafte Nachfragen und Interventionen aus der Praxis deutlich machten, und auch etliche Medienschelte ist, etwa bezüglich der Diskussion um die Kesb, nicht unberechtigt. Umso wichtiger sind solche Erinnerungen an zeitgenössische Alternativen.

sh

Monika Stockers "Mittendrin" und ihre anderen Bücher sind erhältlich unter Monika Stocker oder in der befreundeten Buchhandlung Nievergelt in Zürich-Oerlikon.


Sonntag, 16. Dezember 2018

Dritter Zürcher Büchner-Tag
"Georg Büchner in Oerlikon". Ein Rundgang

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Wo Büchner bei der Einreise nach Zürich 1836 die Pferde wechselte. Was Max Frisch zum Fremden und dem Fremden in der Stadt zu sagen hatte. Wie Max Bills geplantes Büchner-Monument aussah, und warum der Louis-Häfliger- Park in der Büchner’ schen Tradition steht.

Fürs ursprünglich geplante Datum, den 9. Dezember, war ein Sturm vom Paradiese her aufgezogen, so dass der dritte Zürcher Büchner-Rundgang auf Sonntag den 16. Dezember verschoben wurde, wo sich dann trotz frisch gefallenem Schnee zwei Dutzend Büchner-Fans auf den Weg machten. "Georg Büchner in Oerlikon", Fragezeichen? Ja, dazu gab es Etliches zu sagen, wie Stefan Howald zu belegen suchte, unterstützt durch die Rezitatoren Adrian Riklin und Armin Büttner und ergänzt durch lokales Wissen. Den kühlen Temperaturen trotzte man mittels einer Mischung von Originaltexten, historischen Fakten und Konjekturen, etwa bei der ehemaligen Binzmühle, wo Büchner sich womöglich vielleicht gestärkt hat, als er von Baden über die Lägern nach Zürich wanderte. Die Industrialisierung in Oerlikon wurde beim MFO-Park mit dem "Hessischen Landboten" unterlegt; zu erfahren war, was Max Frisch und Max Bill zu Büchner zu sagen hatten, und es gab Hinweise auf die Schwester des Dichters, Luise Büchner, eine bedeutende Frauenrechtlerin und Bildungsreformerin, sowie auf die Auftritte von Therese Giehse im "Woyzeck". Zu all diesen Beziehungen ist eine kleine Broschüre via den bücherraum f zu beziehen.

Bericht über den Rundgang von Stefan Howald


Freitag, 30. November 2018

Geburtstagslesung
Esther Spinner liest zu ihrem 70. Texte aus 40 Jahren

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Esther Spinner publiziert seit 1981 Romane, Kinderbücher und Anagramme. Sie ist Mitbegründerin von Femscript und der Anagramm-Agentur. Sie Arbeitet als Kursleiterin für kreatives Schreiben. Im Gespräch mit ihrer Kollegin Wanda Schmid erzählt sie von ihrem Schaffen.

Erstaunlich, wie viele Menschen in den bücherraum f hineingehen. Dreissig Minuten vor Beginn der Geburtstagslesung von Esther Spinner am 30. November waren unsere 25 Stühle ausgebucht, und eine Viertelstunde später waren auch die meisten Reserveklappstühle mit Beschlag belegt. Schliesslich hockte man auf dem Schreibtisch, einige kauerten der Autorin zu Füssen, auch die strategische Reserve der Rollhocker war längst eingesetzt, so dass der Schriftstellerin aus Schaffhausen nur noch der umgekehrte, immerhin gut gepolsterte Putzeimer angeboten werden konnte, ohne Sicht auf die Lesenden. Zusammen mit den beiden zuletzt eingetroffenen Besucherinnen, die an den Türpfosten der offen gebliebenen Tür lehnten, waren wir 64 Leute. Vierundsechzig.

Verena Stettler, die erste Verlegerin, erinnerte launig an die Anfänge der "Spinnerin" und daran, dass Esther Spinner wieder zu ihr, nämlich zur edition 8, zurückgekehrt sei. Danach folgte ein Zwiegespräch zwischen Wanda Schmid und Esther Spinner, weit reichend, alle Bücher beleuchtend, mit Anekdoten und ironischen Zwischenbemerkungen und Originaltexten durch Esther, entlang ihrer vielfältigen Produktion und ihrer Erfahrungen in verschiedenen Kulturen. Danach gab es Käse und Salsiz und Birnenbrot und Wein und Säfte und Blumen sowie ein kurzes bengalisches Feuer (die Feuerlöschdecke griffbereit); alle Frauen (und die wenigen dazwischen versprenkelten Männer) amüsierten sich ausgiebig, nach zehn Uhr verabschiedete sich die fröhliche Gesellschaft, mit dem Versprechen, gerne wieder zurückzukehren. Esther Spinner hat allen Teilnehmenden noch einen Dankesbrief geschickt.

Liebe Freundinnen, liebe Freunde
wunderbar, dass ihr alle dabei gewesen seid an meiner Geburtstagslesung. Noch bin ich überwältigt von der Menge der Zuhörenden, von den Karten und Blumen und Buchgeschenken. Mein Stubentisch überquillt: Gedichtbücher, leere Bücher zum Dreinschreiben, Karten, Blumen, Wein und Taralli, Badener Steine und Kirschstängeli, Essenseinladungen. Mein Herz ist voll.
Ganz besonders bedanken möchte ich mich bei Monika und Stefan, die den Bücherraum f für die Lesung zur Verfügung stellten, die Werbung organisierten und am Abend selbst Trittleitern und Hocker herbei zauberten, Tische unter Druckern hervorholten und am Schluss sämtliche Gläser wuschen und trockneten. Grossen Dank auch an Christine Mühlberger, deren Käse, Wurst und Früchtebrot einfach unglaublich gut schmecken, und an meinen Neffen Matthias, der den Wein ausschenkte und das Buffet betreute.
Ebenso grossen Dank an die wunderbar witzige Einführung von Verena Stettler und die wertschätzende Vorstellung meiner Bücher durch Wanda Schmid. Ihre Fragen konnte ich nicht immer beantworten, weil ich mich schlicht an vieles nicht mehr erinnere - doch da es sich ja um einen 70. Geburtstag handelte, wird man mir das nachsehen.
Euch allen danke ich ganz herzlich. Euer Dasein hat meinen Geburtstag zu etwas ganz Besonderem gemacht. Eure guten Wünsche werden mich begleiten. Auch ich wünsche euch alles Gute fürs alte und fürs neue Jahr.
Seid herzlich gegrüsst
Esther


Montag, 19. November 2018

"ausgelesen"
Ruedi Küng (Publizist, InfoAfrica) stellt Bücher aus der Bibliothek vor

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Der Publizist Ruedi Küng beschäftigt sich seit mehr als 35 Jahren intensiv mit Afrika. Einst Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz IKRK, war er zwölf Jahre lang Afrikakorrespondent von Radio SRF. Er hat in Uganda, Südafrika, Kenia und im Sudan gelebt und arbeitet heute mit InfoAfrica.ch selbständig als Afrikaspezialist.

Beim dritten "ausgelesen" am 19. November bot Ruedi Küng einen eloquenten, fulminanten Ritt durch die afrikanische Geschichte und die europäische Wahrnehmung Afrikas, anhand von Frauenromanen, etwa von Mariama Bâ und Ken Bugul, wobei er letztere Autorin aus persönlicher Kenntnis plastisch machen konnte und auch problematische Aspekte afrikanischer Gesellschaften wie die Polygamie thematisierte. Mit einem Buch von Louis Althusser (der so etwas wie ein Leitmotiv des bücherraums f wird) griff er tief in die eigene intellektuelle Geschichte zurück, inklusive dem Tondokument einer einstigen Radiosendung; danach skizzierte er das vielfältige Leben der Journalistin und Schriftstellerin Ruth Weiss, befürwortete anhand eines neuen Lehrkundebuchs über Afrika eine Haltung der Neugier und Unvoreingenommenheit, kam mit Elnathan John auf die aktuelle Situation in Nordnigeria zu sprechen und schwärmte schliesslich über ein nicht mehr erhältliches französischsprachiges Buch zu "Reines africaines", dessen deutsche übersetzung er als eigentlichen Skandal zu schildern verstand. Seine Ausführungen schloss er mit einem improvisierten Hinweis auf ein Buch, in dem sich Bier und Wandern aufs Schönste verknüpfen; und da er uns das Werk über die afrikanischen Königinnen überlassen hat, haben wir ihm unsererseits das Bierwanderbuch geschenkt.

Ruedi Küng hat uns zudem die Liste mit den genauen bibliografischen Angaben der zitierten sowie von weiteren nur kurz erwähnten Büchern zur Verfügung gestellt:

Mariama Bâ (1921-1981): "Une si longue lettre" (1979), deutsch "Ein so langer Brief. Roman eines Frauenschicksals" (1983)

dieselbe: "Un chant écarlate" (1981), deutsch "Der scharlachrote Gesang" (1982)

Ken Bugul (*1947): "Le Baobab fou" (1984), deutsch "Die Nacht des Baobab" (1985)

dieselbe: "Cendres et braises" (1994)

dieselbe: "Riwan ou le chemin du sable" (1999), deutsch "Riwan oder der Sandweg" (2016)

Louis Althusser (1918-1990): "Philosophie et Philosophie spontanée des savants" (1967), deutsch "über die Unterschiede und das Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft" (1974)

Kirsten Rüther (*1966): "Afrika: genauer betrachtet" (2017)

Ruth Weiss (*1924): "Wege im harten Grass" (1994, erw. 2016)
Autobiografie der brillanten und erfolgreichen Wirtschaftsjournalistin und Autorin zahlreicher Bücher. Im Zuge der Judenverfolgung durch die Nazis in Deutschland emigrierte sie als Zwölfjährige mit ihrer Mutter und Schwester nach Südafrika zum Vater, der bereits zuvor emigriert war, und geriet in die von Rassenwahn gezeichnete Welt der Apartheid.

Christine von Garnier (*1942): "Ich habe einen der letzten Kolonialherren Afrikas geheiratet" (1987), französisches Original "Namibie. Les derniers colons d'Afrique" (1987).
Autobiografie der Jahre 1967 bis 1987 der jungen Sozialwissenschaftlerin aus Neuchâtel, die der Liebe zu einem adligen Deutschen, dessen Eltern nach Südwestafrika ausgewandert waren, folgte und in eine Gesellschaft von Rassenüberheblichkeit, Apartheid und Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung geriet.

Sylvia Serbin: "Reines d'Afrique et héroïnes de la diaspora noire" (2004).
Eine faszinierende Studie über "schwarze Frauen, die durch ihre Taten die Kämpfe der Menschheit unterstützt haben" (Widmung).

Dazu die betrübliche Geschichte der deutschen Ausgabe durch den Peter Hammer Verlag (2006). Diese missachtet und verfälscht durch einzelne, nicht als solche erkenntliche Zusatztexte und Illustrationen in nicht akzeptabler Weise die Aussagen der Autorin. Das deutschsprachige Buch musste auf Intervention der Autorin vom Markt genommen werden und ist auch in den online-Katalogen der schweizerischen Bibliotheken nicht vorhanden. Ein Exemplar war antiquarisch auffindbar und wird mit der unerlässlichen Information im bücherraum f greifbar sein.

Schlusspunkt:

Monika Saxer vom bücherraum f: "Bierwandern Schweiz. Der erfrischendste Weg, die Schweiz zu entdecken" (2014)

Erwähnt, nicht besprochen und nicht im bücherraum f vorhanden:

José Eduardo Agualusa (*1960): "A Rainha Ginga" (2015). über die Königin Nzinga, die im 16./17. Jahrhundert den portugiesischen Eroberern erfolgreich die Stirn bot. Nicht auf Deutsch übersetzt.

Wilfried N'Sondé (*1968): "Un océan, deux mers, trois continents" (2018). über die mühselige Reise von Nsaku Ne Vunda als diplomatischer Gesandter Dom Antonio Manuel der Bakongo nach Rom in den Vatikan. Papst Paul V hatte um die Entsendung eines Botschafters ersucht. Die Reise fand anfangs des 17. Jahrhunderts auf einem Sklavenschiff via Brasilien statt. Nicht auf Deutsch übersetzt.

Patrice Nganang (*1970): "Mont plaisant" (2011). über König Njoya des Bamum-Königreiches in West-Kamerun, der anfangs des 20. Jahrhunderts mit seinem Volk in die Kriegswirren der Kolonialmächte Deutschland, England und Frankreich geriet. Deutsch: "Der Schatten des Sultans" (2012).

derselbe: "Saison des prunes" (2013). über die sogenannten tirailleurs sénégalais, die im Zweiten Weltkrieg von den verfeindeten Mächten rekrutierten afrikanischen Soldaten. Charles de Gaules wollte nach Kriegsende keinen von ihnen an der grossen Parade auf den Champs Élysées dabei haben. Deutsch: "Zeit der Pflaumen" (2014)


Montag, 5. November 2018

"ausgelesen"
Jakob Tanner (Historiker) stellt Bücher aus der Bibliothek vor

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Seit Jahrzehnten ein profilierter Autor und bis 2015 Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich, befasst sich Jakob Tanner zurzeit unter anderem mit den beiden grossen Konfliktjahren 1918 und 1968, und dies nicht nur in der Schweiz. Seine "Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert" von 2015 ist mittlerweile ein Standardwerk.

Die Veranstaltung mit Jakob Tanner füllte den bücherraum f am 5. November wiederum ansehnlich, wobei sich eine Kontinuität im Buchuniversum herstellte, weil diesmal der Verleger anwesend war, der einst jenes Buch von Elisabeth Gerter wieder aufgelegt hatte, das Elisabeth Joris im ersten "ausgelesen" erwähnt hatte.

Jakob Tanner begann mit ein paar überlegungen zum Medium Buch als beweglich-unbewegliches Objekt und zu Bibliotheken; seine Auswahl (Frans Masereel / Marxens "Grundrisse der Kritik der politischen ökonomie" / Susan Sontag: "Krebs als Metapher" / Charlotte Brontë: "Jane Eyre" / Claudia Roth: "Urban Dreams" - als Geschenk an die Bibliothek) beschäftigte sich auch mit Bildern, Gemälden ebenso wie Metaphern; wie bei ihm gewohnt konnte er spielend Reflexionen über den sozialen Alltag mit deren theoretischer Aufarbeitung verbinden, und man könnte sogar als untergründiges Motiv herausarbeiten, wie sich eine kritische Haltung gewinnen lässt. Fragen entzündeten sich interessanterweise vor allem am Stichwort des esoterischen Marxismus, die Diktatur des Proletariats schwebte kurz durch den Raum, man kam aufs Verhältnis von Wirtschaft und Politik zu sprechen, und mit dem Hinweis auf Studien zu bullshit-jobs wurde sogar die unmittelbarste Aktualität in Form des verelendeten US-Mittelstands bzw. der weissen Arbeiterklasse gestreift, die sich bei den gleichentags stattfindenden mid-term-elections zumeist teilweise wieder von Trump abwandte.


Montag, 22. Oktober 2018

"ausgelesen"
Elisabeth Joris (Historikerin) stellt Bücher aus der Biblothek vor

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Elisabeth Joris, Historikerin und langjährige Aktivistin der Neuen Frauenbewegung, hat die im bücherraum f integrierte Bibliothek des Frauenzentrums seit den 1970er Jahren als Leserin von feministisch geprägter Theorie und Literatur genutzt. Neben den bahnbrechenden "Frauengeschichte(n)" von 1986 finden sich in ihren Büchern immer wieder "Tiefenbohrungen" im doppelten Wortsinn.

Im vollen bücherraum f liessen sich bei der ersten Veranstaltung in der neuen Reihe "ausgelesen" mindestens drei Oerlikon-Ansässige identifizieren, umgekehrt war eine Besucherin sogar aus Luzern angereist. Elisabeth Joris stellte eine knappe Stunde lang sachkundig und mit Verve sechs Bücher aus der Bibliothek vor, literarische ebenso wie Sachbücher, von Ute Gerhards Studie zu Frauenarbeit und Rechte der Frauen im 19. Jahrhundert bis zu Maryse Condés Roman "Segou", von Elisabeth Gerter und Ursula Isler bis Bridget Anderson. Ausgehend von der ursprünglichen eigenen Lektüre verstand sie es in handgreiflicher, taktiler Präsentation, die weitergehende Bedeutung der Bücher leuchtend zu vermitteln, ebenso historisch verortet wie mit aktuellen Bezügen. Daran schloss sich ein lebhaftes Gespräch, das sich vor allem um die St. Galler Textilindustrie drehte, von persönlichen Erfahrungen bis hin zur Editionsgeschichte von Gerters Roman "Die Sticker". Die Präsentationen von Elisabeth Joris wurden vom Zürcher Lokalradio Lora aufgezeichnet und sind dort als podcast zugänglich..


Montag, 1. Oktober 2018

Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte
eine Lesung von Ahima Beerlage

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Ahima Beerlage erzählt aus ihrem bunten, facettenreichen und oft turbulenten Leben als lesbische Feministin, Moderatorin, Queer-Party-Veranstalterin und Autorin. Beerlage, 1960 im Ruhrpott geboren, studierte in Marburg und zog 1987 nach Berlin. 1998 erschien der Roman "Sterne im Bauch".

Bei der ersten Veranstaltung im bücherraum f am 1. Oktober 2018 erfüllten rund dreissig Zuhörerinnen den Raum mit Leben und Kultur. Madeleine Marti, die die Lesung im Namen des Vereins Sappho vermittelt hatte, hielt eine schöne, präzise Einleitung; in der gut einstündigen Lesung aus ihrem Buch "Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte" gab Beerlage einen kurzweiligen Querschnitt durch ihre Sozialisierung und Politisierung, vom Ruhrpott in die glitzernde Queer-Szene in Berlin, plastisch die sich langsam liberalisierenden Zeitumstände schildernd, mit scharfem Auge und trockenem Humor, aber auch mit einiger Kritik an den sich verfestigenden Fraktionen innerhalb der LGBT-Bewegung in Berlin.


Eröffnung

Samstag, 8. September 2018


IMPRESSUM: Inhalt Verein bücherraum f, Webdesign: Monika Saxer