Von Regina Nagel
Die weltanschaulichen Fronten verschärfen sich, gerade in der und durch die Religion. Christlicher Fundamentalismus hat in den USA die Wahlen mitentschieden, und in Europa gibt es – auch innerkirchlich – traditionalistische und neo-charismatische Netzwerke. Dabei geht es nicht bloss um politischen (Miss)brauch der Religion. Auch die spirituelle Selbstbestimmung Einzelner wird manipulativ unterhöhlt, und es bestehen besorgniserregende Verbindungen in die rechte Szene.
Im Folgenden werde ich zuerst die politische Indienstnahme der Religion näher betrachten und in einem zweiten Teil den spirituellen Missbrauch behandeln.
Ich bin katholische Religionspädagogin und war beruflich in der Gemeindeseelsorge und im Religionsunterricht tätig. In der zweiten Hälfte meines 40-jährigen Berufslebens war ich vor allem im Bereich Mitarbeitendenvertretung aktiv. Ich bin überzeugt, dass Religiosität und Glaube Menschen in ihrem Leben Halt geben können. Auf der anderen Seite besteht in religiösen Systemen und Zusammenhängen eine besondere Gefahr von Manipulation und (Macht-)Missbrauch, da hier die Möglichkeit besteht, auf einen angeblichen Willen Gottes als eine höhere Autorität zu verweisen. Dabei bilden ExponentInnen oft Netzwerke und versuchen, weitere Mitglieder zu gewinnen und gegebenenfalls auf Kirche, Gesellschaft und Politik Einfluss zu nehmen.
Fundamentalistische Netzwerke – ein erster Blick in die USA
Schon während seiner ersten Amtszeit ab 2016 hat Donald Trump zum so genannten nationalen Gebetstag jeweils religiöse FührerInnen empfangen und mit ihnen, mit seinem üblichen sardonischen Lächeln, gemeinsam am Schreibtisch des Oval Office gebetet. Der 1965 geborene religiöse Propagandamaler John McNaughton 1 hat nach dieser Vorlage 2020 zwei Bilder gemalt: „Legacy of hope“ und „Trump shrugged“. Vom selben Maler stammt das Bild „Fight, fight, fight“, das Trump nach dem Attentat vom 13. Juli 2024 auf ihn mit geballter Faust zeigt. Auf dem Bild „Legacy of hope“ beten u.a. George Washington, Abraham Lincoln, Thomas Jefferson, aber auch Ronald Reagan und John F. Kennedy und, besonders pikant, die Schwarze Frauenrechtlerin Harriet Tubman und der Schwarze Menschenrechtsaktivist Frederick Douglass für Trump.
Die Macht des evangelikalen Christentums nimmt unter Trump offensichtlich zu. Bekannt ist etwa die einer Megachurch in Florida zugehörige Predigerin Paula White-Cain2, die inzwischen Leiterin des von Trump gegründeten „White House Faith Office“ ist. Dass christliche Religiosität sich mit MAGA verbündet, ist nicht nur im evangelikalen Spektrum erkennbar, sondern auch in einem Katholizismus im Sinne von Vizepräsident J.D. Vance. Eine evangelische Pfarrerin, Maria Hinsenkamp, hat für all diese Strömungen, die es auch in Europa gibt, den Begriff „Kingdom Minded Network Christianity“ geprägt.3, also etwa ein christliches Netzwerk, das auf ein Königreich Gottes nach der Apokalypse setzt.
Diese Verquickung von MAGA-Politik und evangelikalen und katholischen Kreise stellt durchaus eine Bedrohung für Freiheit und Demokratie vieler Gesellschaften, wie auch für die Selbstbestimmung einzelner Menschen dar.
Konservativ-traditionalistisch-charismatische Formen des Katholizismus
Doch nicht nur in den USA, sondern auch in europäischen Ländern (u.a. in Frankreich) gibt es zunehmend traditionalistische Spielarten des Katholizismus, von denen einige auch evangelikal-charismatisch auftreten. Man kann dabei von einem innerkatholischen Fundamentalismus sprechen, und ich beziehe mich bei dieser Einschätzung unter anderem auf einen Essay des Theologen Hermann Häring.4 Häring ist der Überzeugung, dass es sich bei Fundamentalismen um einen Denkstil und um eine Haltung handelt, die den geschichtlichen Charakter unserer Existenz ignoriert. Dieser im Katholizismus „strukturgewordene Fundamentalismus“ ist zurückzuführen auf die Zeit kurz vor dem ersten Vatikanischen Konzil und der Unfehlbarkeitsdefinition des Papstes von 1870.
Die Theologin Doris Reisinger hat 2023 in einem Vortrag erläutert, dass es seit einigen Jahrzehnten auch innerhalb der nachkonziliaren Kirche antimodernistische Kreise gibt, die der kirchlichen Autorität und dem Lehramt unter Ablehnung von Pluralismus und Diskurs den Vorrang geben.5 Zu ihrem sehr aufschlussreichen Vortrag habe ich einen Artikel verfasst.6 Laut Reisinger werden im Spektrum des katholischen Fundamentalismus Biblizismus, Lehramtsfundamentalismus und/oder Liturgiefundamentalismus verbreitet, das heisst, die ahistorisch gelesene Bibel, die traditionelle Liturgie und eine konservative Lehre werden als unhinterfragbar gesetzt. Reisinger weist auf Zusammenhänge zwischen Fundamentalismus, Fanatismus und spirituellem Missbrauch hin. Von Sekte könne man sprechen, wenn es fundamentalistisch motivierten organisierten spirituellen Missbrauch in einer Gruppe gebe. Der Vortrag nennt eine Vielzahl katholischer Gemeinschaften und Gruppierungen, ohne sie im Einzelnen zu bewerten. Als „Typologien katholischer Fundamentalismen“ bezeichnet Reisinger folgende Gruppen (die sich auch überschneiden können): Traditionalist*innen, Charismatiker*innen, Einzelkämpfer*innen, Politische und auf Social Media Aktive. Gemeinsamkeiten zeigen sich in „einfachen“ Wahrheiten und Regeln, im Ausblenden nicht passender Fakten, in der Abwehr von Kritik sowie von Andersdenkenden, in der Selbstüberhebung und im Schaffen einer „heilen Welt“ mit starkem Zugehörigkeitsgefühl. Gefährlich werde es vor allem dann, wenn aktiv antidemokratische, queer- und frauenfeindliche Positionen vertreten werden, wenn Druck ausgeübt werde, der fundamentalistischen Agenda zu folgen, und wenn Andersdenkende durch Abwertung, Einschüchterung und Intrigen bedroht würden. Reisinger betont, dass es wichtig sei, selbstbestimmte Religiosität einer Person auch in fundamentalistischen Varianten zu respektieren. Davon zu unterscheiden sei der fremdbestimmte Fundamentalismus durch z.B. Eltern, Pfarrer oder Ordensobere.
Beispiele für kritisch zu betrachtende Gruppierungen, Personen und Netzwerke
Hier nun einige Gruppierungen, Gemeinschaften, Netzwerke und Initiativen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, die den von Reisinger genannten Kriterien entsprechen.
Eine Fülle von Gemeinschaften findet man auf der von der österreichischen Bischofskonferenz eingerichteten Seite „Jakob.at“.7 Es handelt sich dabei um ein Netzwerk von Gemeinschaften und Bewegungen im Bereich Jugendarbeit. Aufgeführt ist dort unter anderem die Katholische Pfadfinderschaft Europas (KPE)8, in der Johanna Beck9 spirituellen und sexuellen Missbrauch erlebt hat, und die Gemeinschaft „Das Werk“10, in der Doris Reisinger vergleichbare Erfahrungen gemacht hat11. Die Legionäre Christi sind dort ebenso vertreten wie das Kloster Heiligenkreuz – beide bekannt für traditionalistischen Katholizismus. Unter Initiativen findet man „Alpha“ (Glaubenskurse), Home Base Salzburg12 oder auch TEEN-Star. All diese Gruppierungen verstehen sich als neuevangelisierend, nehmen für sich in Anspruch, den wahren katholischen Glauben zu leben und zu verbreiten. Sie sind kirchlich anerkannt, werden auch in Deutschland von einigen Bischöfen gefördert und insgesamt kaum kritisiert. Die meisten davon gibt es auch in Deutschland, beispielsweise die Focus-Missionare (aus den USA), die vor allem in Köln und Passau aktiv in der Hochschulpastoral wie auch in der Gemeindekatechese aktiv sind.
Bekannte Namen aus diesem Spektrum sind z.B. Johannes Hartl (Augsburger Gebetshaus), Jana Highholder, Tini Brüning (K-TV), Clara Steinbrecher (Maria 1.0), Bernadette Lang (geweihte Jungfrau / Loretto)13 oder auch Ben Fitzgerald und Henok Worku14 (Awakening Church). Ebenso die Initiative „Neuer Anfang“. Vernetzt bzw. beeinflusst sind diese Personen bzw. Gruppierungen beispielsweise durch Bill Johnson und die Bethel Church (USA). Der Name „Awakening“ ist Programm: Europa soll im Sinne eines politischen Christentums in den USA bekehrt werden. Sehr erfolgreich ist in diesem Zusammenhang die Hallow-App, in der man viele dieser Protagonist*innen wiederfindet. Hinter der Hallow-App stehen Geldgeber wie Peter Thiel und als politischer Türöffner J.D. Vance.
Ausgehend von der Home Base Salzburg und der dort praktizierten evangelikal-charismatischen Religiosität ist ein Netzwerk von Loretto-Pfingstgottesdiensten entstanden. Im Jahr 2025 haben entsprechende Veranstaltungen auch in der Schweiz in St. Gallen und Brig stattgefunden.15 Weitere Beispiele aus der Schweiz sind Dominik Klenk (Fontis AG), Hope Business Club (Yves Ettlin)16 oder „Erste Liebe Zürich“17.
Diese Gruppierungen und Personen können durch ihr missionarisches Agieren die spirituelle Selbstbestimmung einzelner Personen (beginnend oft schon bei Kindern und Jugendlichen) beeinträchtigen. Vor allem durch die gute Vernetzung geht der Einfluss allerdings weit darüber hinaus. Es geht nicht nur um Worship-Happenings zur Neuevangelisierung, es geht um die Umgestaltung der Gesellschaft, z.B. durch Vernetzung christlicher Führungskräfte.18
Aktuelle Belege für eine religiös-politisch verquickte Demokratiegefährdung
Der Politikwissenschaftler und Journalist Johannes Hano hat im Mai 2025 in einem Fernsehgespräch den Plan „Rage“ – „Retire all Government Employees“ – erläutert, der im Silicon Valley 2012 lanciert worden ist. 19 Heute wird er von der Regierung Trump durch „Doge“ (Department of Government Efficiency) umgesetzt. Ideengeber sei Curt Jarvin, der Hausphilosoph von Peter Thiel. Dieser wolle eine Monarchie mit Trump als Diktator errichten. Jarvin habe auf die Frage, was denn mit all den entlassenen Mitarbeitenden werden solle, geantwortet, man könne sie ja zu Biodiesel verarbeiten. Er ergänzte, das sei Spaß gewesen, und tatsächlich könne man sie einfach vor irgendwelche Bildschirme setzen.20
Der Religionswissenschaftler Massimo Faggioli, bis vor kurzem Professor für Theologie und Religionswissenschaften an der katholischen Universität Villanova in Pennsylvania und jetzt Professor für Ekklesiologie in Dublin, analysierte im Juni 2025 in einem Vortrag in Münster, wie sich die traditionalistischen Strömungen in den USA implizit auf den deutschen Rechtstheoretiker Carl Schmitt (1888 – 1985) beziehen. Dessen Konzeption einer Legitimierung der Macht via ein Freund-/Feind-Schema liest sich laut Faggioloi wie „Gebrauchsanleitungen postdemokratischer Systeme“.
Professorin Marianne Heimbach-Stein fasste den Vortrag wie folgt zusammen: „Die machtvolle, religiös zunehmend traditionalistische Strömung, die heute sowohl in der Obersten Richterschaft wie im politischen Spitzenpersonal erheblichen Einfluss ausübt, wurde durchschaubar als Ergebnis jahrzehntelanger Entwicklungen seit dem Pontifikat Johannes Pauls II.: Die Leitfiguren der Trump-Regierung wie der Tech-Elite seien geschult an der ‚politischen Theologie‘ im Sinne von Carl Schmitt. Religiöse Vertreter und Theologen dieser Richtung orientierten sich am Thomismus, erwarteten vom neuen Pontifikat und der Namenswahl Leos XIV. weniger die Orientierung an der mit Leo XIII. initiierten Katholischen Soziallehre als die Renaissance eines demokratie- und moderneskeptischen theologischen Denkens, das um die Wende zum 20. Jahrhundert den katholischen Antimodernismus geprägt habe.“21
Nachdem am 10. September 2025 der rechte Influencer Charlie Kirk erschossen worden war, kam es zu einer unheilvollen Verquickung von rechter MAGA-Politik und einem gefährlich fundamentalistischen Christentum. So entsetzlich die Ermordung war, so wirkte schon die Trauerfeier wie eine Heiligsprechung und entsprach damit dem, was die AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch fordert: „Santo Subito!“22 und auch CDU-Politiker*innen äußerten sich in einer Mischung aus Trauer und Bewunderung so z.B. Carola Bosbach, die ihn als eine der „einflussreichsten jungen konservativen Stimmen weltweit“ bezeichnete.23 Die katholische Influencerin Tini Brüning postete auf Instagram ein KI-Bild, auf dem sie selbst bewundernd vom strahlend leuchtenden Charlie Kirk erhellt wird. Sie schrieb: „Charlie Kirks Blut ist für mich wie eine Glut, die neu entzündet und wachrüttelt“. Durch ein Schriftzitat (Joh 15,20) vergleicht sie ihn mit dem verfolgten Jesus und ist überzeugt, dass es derzeit nicht nur um einen politischen Kulturkampf gehe, sondern um geistlichen Kampf gegen dämonische Mächte.
Im Online-Magazin „Die Eule“ erläutert Philipp Greifenstein, warum die Methoden und Botschaften des zum Märtyrer stilisierten Kirk diese Konnotation nicht verdienen.24 Er zeigt in seinem Beitrag auf, dass Kirk zu den rechten und evangelikalen Unterstützern von Donald Trump gehörte und wie gefährlich sein von rechtsradikalen Geldgebern mitfinanziertes Aktivismusnetzwerk „Turning Point“ (TUPSA) ist.
Eine weitere Variante im rechtsreligiösen Spektrum ist der Neo-Integralismus. Mehrere Artikel belegen eine Verbindung des Zisterziensers Edmund Waldstein (Heiligenkreuz) zu neo-integralistischem Gedankengut.25 Der Ursprung des Integralismus liegt im 19. Jahrhundert, die Entwicklung hin zum aktuellen katholischen Neo-Integralismus ist in einer Broschüre der Konrad-Adenauer-Stiftung dargelegt.26 Nicht nur Waldstein, sondern weitere, vor allem junge katholische Theologen/Kleriker in den USA und Europa haben Interesse daran, den jeweiligen Staat unter die direkte Autorität der römisch-katholischen Kirche zu stellen. Es handelt sich dabei um eine Gegenelite zu Liberalen in Universität, Politik und Medien. Zu diesen Kreisen gehören auch Peter Thiel und J.D. Vance. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang eine sechsteilige Reihe des Deutschlandfunks: die Peter-Thiel-Story.27 Darin wird deutlich, wie massiv daran gearbeitet wird, Amerikas Rolle neu zu erfinden. Für die Zeit nach der Präsidentschaft Trump samt Elon Musk werden Armageddon und die Apokalypse erwartet. Notwendig sei, dass die USA ein katholischer Glaubensstaat werden. Vance solle als Gegenspieler des Antichristen König werden. Interessant ist ein Schlussgedanke in der Story: Im Schachspiel (und Thiel sei ein sehr guter Schachspieler) sei nicht der König die mächtigste Figur, sondern der Spieler.
Dass es auch in Deutschland vergleichbare Bestrebungen gibt, zeigt ein Video mit Michael Hesemann im Gespräch mit einer US-amerikanischen Trump-Anhängerin.28 Die Person Hesemann und seine Ideen wirken noch schräger als die Peter-Thiel-Bestrebungen und werden deshalb wohl kaum ernst genommen. Zu beachten ist jedoch, wo Hesemann überall zumindest Audienzen erhält29 und dass er in gutem Kontakt mit dem deutschen Nuntius Nikola Eterovic steht, der u.a. ein Vorwort zu seinem neuesten Buch verfasst hat. Hesemann ist überzeugt, dass demnächst ein Mann auftreten werde, ein Adliger mit Wurzeln bis hin zu den Merowingern und/oder Habsburgern, und er werde im Kölner Dom zum König Europas gekrönt werden.
Anfang September erschien in der Zeitschrift „Publik Forum“ ein sehr lesenswerter Beitrag der Theologin Hille Haker zum Thema: „Reich, rechts, katholisch – Wie reaktionäre Netzwerke die Demokratie zerstören“. Sie spricht darin u.a. vom unübersehbaren Graben zwischen dem traditionalistischen und sozial-pastoralen Katholizismus. Dieser Graben ist zunehmend nicht nur „unübersehbar“, sondern „unüberbrückbar.“30
Spiritueller Missbrauch
So spektakulär diese politischen Einflussnahmen sind, sollte man nicht übersehen, dass sie zumeist mit spirituellem Missbrauch einhergehen. Wobei dieser Missbrauch wiederum ein breites Spektrum abdeckt.
Im Jahr 2023 habe ich zwei Bücher mit herausgegeben, in denen es um Missbrauchserfahrungen in der katholischen Kirche geht. Im Buch „Machtmissbrauch im pastoralen Dienst – Erfahrungen von Gemeinde- und Pastoralreferent:innen“31 wurden die Ergebnisse einer deutschlandweiten Befragung von beinahe 1000 pastoralen Mitarbeitenden ohne Weiheamt veröffentlicht. Daneben finden sich acht Erfahrungsberichte und sechs Beiträge von Fachpersonen. Mitgewirkt habe ich etwa zur selben Zeit an der Veröffentlichung „Selbstverlust und Gottentfremdung – Spiritueller Missbrauch an Frauen in der katholischen Kirche“32, in der Frauen davon erzählen, was sie an spirituellem Missbrauch in der katholischen Kirche erlebt haben. Auch diese Zusammenstellung wird ergänzt durch Fachbeiträge von Theologinnen und Frauen mit Leitungserfahrung in verschiedenen Frauenorden.
Wie aber bin ich zu diesem Themenbereich gekommen? Ich selbst bin in liberal-katholischen Verhältnissen aufgewachsen. Fragwürdige religiöse Szenarien habe ich als Kind und Jugendliche dennoch in der Jugendarbeit erlebt. Ich hatte damals keinen Begriff von spiritueller Manipulation, aber ich kam mehrmals an einen Punkt, an dem ich mich spirituellen Übergriffen entzogen habe. So erinnere ich mich an eine Szene, in der man mir „meine Dämonen“ austreiben wollte. Das Studium erlaubte mir, mein Interesse an historischen Hintergründen zu befriedigen. Einer meiner liebsten Tätigkeitsbereiche war dann der Religionsunterricht im Sinne einer Weitergabe von Wissen. Religiöse Strömungen, gerade auch durch ihr Gefahrenpotenzial, haben mich immer interessiert, vor allem katholische „Sekten“, wie z.B. das Engelwerk. Dass es Priester gibt, die sexuell übergriffig werden, habe ich verbal selbst erlebt. Ich wusste bereits in den 1990er-Jahren von schwerwiegenden Fällen und auch, dass seitens der Verantwortlichen vor allem das Interesse besteht, Skandale zu vermeiden.
Intensiver setze ich mich mit dem Thema des sexuellen Missbrauchs in der Kirche seit etwa 15 Jahren auseinander. Zwei Frauen haben mich vor ein paar Jahren gebeten, ihnen zu helfen, ihre traumatischen Missbrauchserfahrungen als Kinder in Buchform zu fassen – bei beiden waren verwandte Männer Täter, bei einer darüber hinaus auch Priester. Eine besondere Bedeutung hat bis heute die so genannte MHG-Studie über den sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland, 2018 von Wissenschaftler:innen aus Mannheim, Heidelberg und Giessen veröffentlicht. Sie war dann Anlass für den Synodalen Weg in Deutschland, bei dem ich Delegierte war und im Frauenforum mitgearbeitet habe. Mir war wichtig, auch dem Thema des Missbrauchs an Frauen Raum zu geben, und spätestens durch das Buch „Erzählen als Widerstand“33 war mir klar, wie groß die Zusammenhänge zwischen spirituellem und sexuellem Missbrauch in der Kirche sind, dass es allerdings spirituellen Missbrauch auch unabhängig von sexuellen Übergriffen gibt. Das gilt für weitere Facetten des Machtmissbrauchs in der Kirche. Immer deutlicher habe ich erkannt, dass es nicht nur um Einzelfälle geht, sondern darum, den systembedingten Missbrauch zu erkennen.
Zwölf Merkmale
Vor allem zum ersten Buch „Machtmissbrauch im pastoralen Dienst“ erhielt ich zahlreiche Anfragen für Vorträge und Workshops.34 Im Hinblick auf „Selbstverlust und Gottentfremdung“ habe ich Frauen dabei unterstützt, ihren Beitrag zu schreiben; selbst habe ich zum Thema „Was ich dir sage, sagt dir Jesus selbst – Erfahrungen mit spirituellem Missbrauch im pastoralen Beruf“ geschrieben. Dabei hatte ich im Blick, dass pastorale Mitarbeitende sowohl Betroffene als auch Täter*innen sein können. Ute Leimgruber und Barbara Haslbeck stellen in diesem Buch zwölf Merkmale und Muster vor, als Kriterien zur Überprüfung unterschiedlicher Situationen. Unter anderem werden darin Aspekte benannt wie Missbrauch von Macht, das Ausnutzen einer Krise oder einer Sehnsucht, die Isolierung von Betroffenen, Leistungsdruck und Angst. Deutlich gesagt wird auch, dass die Schädigung durch spirituellen Missbrauch ganz unterschiedliche Lebensbereiche betreffen kann – von psychischen und körperlichen Schäden bis hin zu finanziellem Ruin. Sehr geeignet ist meiner Einschätzung nach ihre Kurzdefinition: „Spiritueller Missbrauch ist Verletzung des spirituellen Selbstbestimmungsrechts.“
Zu diesem Buch gibt es einen Ergänzungsband mit wissenschaftlichen Essays.35 Besonders hilfreich finde ich dabei die Beiträge von Doris Reisinger zum Thema „Selbstbestimmung im Keim erstickt“ und von Magdalena Hürten „Epistemische Aspekte spirituellen Missbrauchs“. Reisinger geht es darum, die betroffenen Menschen als Träger*innen von Rechten wahrzunehmen, gerade auch was Spiritualität anbelangt. Sie kritisiert u.a., dass die katholische Kirche diesen Aspekt in System und Lehre grundlegend missachtet. Dabei sei spirituelle Selbstbestimmung doch unverzichtbar katholisch. Hürten geht es um das Thema der „epistemischen Unterdrückung“. Betroffenen Frauen werde durch kirchliche Autoritäten der Zugang zu Wissen verwehrt, ihr Wissen werde missachtet und ebenso ihr „Zeugin sein“. Durch manipulatives Verhalten werde ihr Vertrauen in ihre eigene Urteilsfähigkeit zerstört.
Wie Reisinger und Beck hat auch Birgit Abele ihr Buch „Wieder ich selbst“ unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht, was sehr mutig ist.36 Sie beschreibt darin, wie sie mit Hilfe ihrer besorgten Mutter den Absprung aus einer spirituell missbräuchlichen Gemeinschaft37 geschafft hat, als die Situation für sie lebensbedrohlich wurde. Wer wissen möchte, weshalb ich das Buch empfehle und gleichzeitig doch auch ein paar kritische Anmerkungen dazu habe, kann meine Rezension dazu lesen.38 Eine Niederlassung dieser Bewegung in der Schweiz befindet sich in Tübach.39
Wie oben erwähnt, beschreibt die evangelische Theologin Maria Hinsenkamp in ihrem Buch „Visionen eines neuen Christentums – Neuere Entwicklungen pfingstlich-charismatischer Netzwerke“40 entsprechende Strömungen im evangelischen wie im katholischen Bereich und verwendet dafür den Begriff „Kingdom minded network christianity“. Das führt sie wie folgt aus: „Die Vorstellung, den ›Willen Gottes‹ erkennen zu können und zur Beteiligung an seiner Umsetzung berufen zu sein, kann also in besonderem Maße nicht nur spirituelle Selbstüberschätzung, sondern auch spirituelle Allmachtsphantasien und geistliche Absolutheitsansprüche fördern. Sie bietet dadurch wenig Raum für Ambiguitäten, Pluralität, Zweifel, Korrektur und kritisch-rationale Reflexionsprozesse.“ Sie spricht in ihrem Buch von einer Transformationsdebatte im Sinne eines innerchristlichen Kulturkampfes zwischen „strukturell engagiert sozial-diakonisch (links) und kulturpolitisch-spiritualistisch (rechts)“. Der Einfluss der Rechten nehme zu, so stellt auch sie fest.
Das konfessions- und religionsunabhängige Netzwerk Fundiwatch hat sich mit vielen ihm bekannten Strömungen auseinandergesetzt und eine Broschüre zu Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit veröffentlicht.41 Ein besonders empfehlenswertes Buch mit dem Titel „Rechte Versuchung – Bekenntnisfall für das Christentum“ behandelt explizit den Rechtskatholizismus und stammt von der Theologin, Philosophin und Psychologin Sonja Strube. Sie benennt verschiedene Erscheinungsformen des Rechtskatholizismus und geht z.B. auf den Historiker David Engels ein, auf Organisationen wie „Die Tagespost“, „Kirche in Not“, „Demo für alle“, „Marsch für das Leben“, und sie zeigt Netzwerke hinein in Adelskreise auf. Sie empfiehlt: „Klare Abgrenzung, Ablehnung von Kooperation, Widerspruch, nicht auf Opfermythos hereinfallen, Ausschluss von Personen und auch kontroverse Auseinandersetzung innerhalb der Gruppe.“ Auch zu ihrem Buch habe ich eine Rezension verfasst.42
Was tun?
Notwendig ist meiner Meinung nach, dass sich nicht nur Theolog*innen mit dem Thema des spirituellen Missbrauchs befassen, sondern auch Psycholog*innen, Soziolog*innen, Religionswissenschaftler*innen oder Historiker*innen. Es braucht einen fachkundigen und spirituell ungebundenen Blick. Bei manchen Theolog*innen sehe ich die Gefahr, dass sie so sehr vom christlichen Glauben überzeugt sind, dass sie die katholische Lehre nicht so gründlich hinterfragen, wie es erforderlich wäre. Ein Theologieabsolvent aus dem traditionalistischen Spektrum (Heiligenkreuz) kam in seiner Diplomarbeit beispielsweise zum Ergebnis, man müsse „spirituellen Missbrauch“ sehr eng definieren, um junge pastorale Mitarbeitende (gemeint sind solche mit dem Ansatz der Neuevangelisierung) nicht zu verunsichern.43
Auf die Frage, was man tun könne angesichts dieses christlichen Fundamentalismus, möchte ich auf das Buch von Mariann Edgar Budde verweisen, und zwar als ein Beispiel für eine überzeugte Christin, die Fundamentalismus und Machtmissbrauch den Buchtitel entgegensetzt: „How we learn to be brave“.44 Auch wenn ich es für dringend erforderlich halte, all diese Phänomene aus religiös ungebundener Perspektive zu betrachten, so halte ich es ebenso für wichtig, dies vernetzt mit Gläubigen zu tun. Religiosität ist ein Element im Wertekanon der Menschheit, das bestehen bleiben wird. Es braucht aber eine Allianz der Vernünftigen, die realistische Gefahren benennen und die sich unabhängig von ihrem Glauben oder Nichtglauben verbünden. Religionsübergreifendes Feiern von Hoffnung habe ich vor Kurzem bei einer interreligiösen Feier zum Beginn der World Transplant Games in Dresden erlebt; siehe das entsprechende Video als Beispiel.45 Viel können wir möglicherweise nicht tun angesichts der Machtverhältnisse in unserer Welt. Notwendig und sinnvoll erscheinen mir dennoch folgende Schritte:
Reflexion (eigene Erfahrungen mit Glaube, Religion, Manipulation)
Information (historisch, soziologisch, psychologisch, theologisch)
Dekonstruktion (hinterfragen, abgrenzen)
Prävention (primär, sekundär, tertiär)
Dokumentation (recherchieren/sammeln)
Intervention (Stellung beziehen, Widerspruch).
* Wesentlich überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags im bücherraum f vom 12. Juni 2025
9 https://www.herder.de/religion-spiritualitaet/shop/p3/74856-mach-neu-was-dich-kaputt-macht-gebundene-ausgabe/
12 Aus deren Jüngerschaftsschule heraus sich ein staatlich anerkannter Bachelorstudiengang entwickelt hat: https://www.4cstudies.org/
17 https://www.relinfo.ch/2024/08/05/erste-liebe-kirche-wenn-man-in-einem-unigebaeude-zur-kirche-geht/
19 min 51.50 – 55.54: https://www.zdf.de/play/talk/markus-lanz-114/markus-lanz-vom-15-mai-2025-100
21 https://www.uni-muenster.de/FB2/aktuelles/Massimo_Faggioli_zeichnet_ernuechterndes_Bild_des_US_Katholizismus.html
22 https://www.rnd.de/politik/der-deutsche-blick-auf-charlie-kirk-von-heiligsprechung-bis-faschistisch-VUG6CSTDG5GUVPGOPGSEC56Y4E.html
24 https://eulemagazin.de/charlie-kirk-maertyrer-heiliger-trump-antisemitsmus-influencer-christlich/
26 https://www.kas.de/documents/22760213/29804015/20240222_Zeitgeschichte-AKTUELL-Neo-Integralismus.pdf/adc2e6b4-d2dc-5ba9-8d8f-eed622c8655d?version=1.1&t=1714484533354
31 https://www.herder.de/theologie-pastoral/shop/p2/77337-machtmissbrauch-im-pastoralen-dienst-gebundene-ausgabe/
34https://www.gemeindereferentinnen.de/site/assets/files/1572/machtmissbrauch_im_pastoralen_dienst.pdf
41 https://fundiwatch.org/wp-content/uploads/2025/07/Christl_Fundamentalismus_Soziale_Arbeit_06-25.pdf
43 Wer Interesse hat, sich seine Sponsionsfeier anzusehen, hier der Link: https://www.youtube.com/watch?v=-zq3RvV8ZDc