Das Niederdorf und Dora Koster: Zu beidem gab es viel zu hören beim Stadtgang am 22. Januar, gemeinsam organisiert vom bücherraum f und dem Musée Visionnaire. Wie das Niederdorf, die villa inferior, einst durch das Niederdorftor beim heutigen Central die städtische Aussengrenze bildete; wie es zum Vergnügungsquartier mutierte, wobei mit der Zähringerstrasse eine Schneise durch einige verwinkelte Gassen und Häuser geschlagen wurde und es Pläne bis in die 1950er-Jahre hinein gab, das Niederdorf ganz abzureissen.

Wir erfuhren, wie und wo Dora Koster 1964 ins Milieu einstieg und wie ihr Einstieg 1980 in den Literaturbetrieb für ihren Verleger nicht nur angenehm verlief. Wir folgten den wechselnden Wohnorten und deren sozialgeschichtlichen Hintergründen. Etwa zur Schoffelgasse, wo Emmy Hennings 1916 zusammen mit Hugo Ball in der «verruchtesten Gasse» in ganz Zürich hauste, dort im Akkord Knöpfe annähte, bis sie eine Anstellung als Chanteuse im benachbarten Hirschen fand und dann, nur wenig davon entfernt, Dada entstand; und sechzig Jahre später gleich vis-à-vis an der Schoffelgasse Dora Koster ein Studio betrieb, ebenso wie Lady Shiva, die einige Jahre lang den Spagat zwischen zwielichtigem Milieu und glorioser Kunstszene schaffte. Und dann Dora Koster wiederum gegenüber im berühmten Café Gloria Schach gegen Grossmeister ebenso wie gegen Laien spielte, die sie schnell abzockte.
Wir besichtigten das Rothaus an der Marktgasse, mit einer immer noch vorhandenen Verbindung unter der Strasse hindurch zum einst gegenüberliegenden Goldenen Schwert, wobei sich die beiden Vergnügungsstätten in ihren Programmen zwischen Variété und Striplokal ergänzten. Ein anderer sozialhistorischer Hintergrund tat sich an der Froschaugasse auf, benachbart einer ehemaligen Synagoge, Ort eines christlichen Konvents, wo Dora Koster eine Kleinkunstbühne eröffnet hatte, und schliesslich gelangten wir zum Neumarkt, wo sie den Puck im Sommernachtstraum gespielt hatte.
Zwischen den Erläuterungen von Stefan Howald las Giorgina Hämmerli Originaltexte von Dora Koster, Autobiografisches ebenso wie Gedichte.
Der Stadtgang wird am Donnerstag, 26. Februar wiederholt. Er dauert gut 2 Stunden und kostet 20 Franken. Treffpunkt um 17 Uhr an der Zähringerstrasse 43 (beim Hotel Rütli/Buchhandlung Klio).