Mehr Platz für Dora Koster Texte zu Dora Koster (IV): Beim Rennweg

Die Dokumentationsstelle Dora Koster im bücherraum f präsentiert in loser Folge Erinnerungen an und Texte zu Dora Koster (1939-2017), der Zürcher Schriftstellerin und Malerin. Ein Beitrag von Stefan Howald.

Beim Zürcher Rennweg gibt es einen Platz ohne Namen, welch horror vacui. Wie wäre es also mit einem lokalgeschichtlichen Begriff dafür, der wahlweise eine Art Pranger oder ein Drehkreuz bezeichnet? Aber die vorgeschlagene Trülle ist entweder als Folterinstrument ein Affront oder vermag sonst nicht zu überzeugen, weil all die fremden TouristInnen an der Bahnhofstrasse den Umlaut nicht lesen geschweige denn aussprechen könnten, obwohl, andererseits, sie darin vielleicht gerade eine exotische Besonderheit bestaunen würden.

Item, im Tages-Anzeiger vom 15. Juli ist die ganze Debatte aufgedröselt. Denn der Quartierverein Zürich 1 hat sich nicht nur, zu Recht, gegen die Trülle gewandt, sondern auch einen anderen Namen ins Spiel gebracht: Wie wärs mit einem Dora-Koster-Platz? Der Vorschlag freut uns natürlich, und sie hätte die Widmung und Ehre als Schriftstellerin, Malerin und Sozialkünstlerin zweifellos verdient.

Aber es gibt ein Problem: Dora Koster hat mit der Stadt links von der Limmat nicht viel zu tun gehabt. Sie war im Niederdorf verankert. Der Platz beim Rennweg wäre ihr einigermassen fremd – andererseits wäre die Erinnerung an ihre Ungebärdigkeit ein Stachel im faulen Fleisch der Bahnhofstrasse.

Womöglich könnte man sich aus dieser Situation mit einem anderen Platz für Dora Koster im Niederdorf und dem Namen einer anderen Frau für den Rennwegplatz befreien. Es ist im kleineren Kreis auch schon ein Name für letzteren gefallen: Lotti Honold. Sie hat die am Rennweg gegründete gleichnamige Confiserie während ihrer 20-jährigen Tätigkeit als Geschäftsführerin in die Moderne geführt. Da fällt der Lokalbezug gleich ins Auge und rührt an die Geschmacksknospen; zudem, was wäre Zürcherischer als Schokolade? (Na, eine Bank, aber die gehört nicht noch in einem Strassenplatz verewigt.)

Dora Koster ist auch jenseits einer möglichen Platzbenennung nicht vergessen, das zeigt der überraschende und erfreuliche Erfolg der kürzlichen Ausstellung im Musée Visionnaire samt den Stadtgängen auf ihren Spuren durchs Niederdorf. Einer war geplant, fünf sind es geworden. Und Dutzende ihrer Bücher sind verkauft worden. Dabei ergibt sich immer wieder Überraschendes. So sind neue Gemälde von ihr aufgetaucht. Eines befindet sich jetzt in der Sammlung des Musée.

Es gibt auch ein Leben jenseits von Dora Koster. Das Musée Visionnaire zeigt gegenwärtig die Ausstellung «Listed Lives» – über Listen, alltägliche Werkzeuge mit rationalen, emotionalen, gesellschaftlichen Dimensionen. Ein Muss für alle.

sh