bücherraum f

ein raum - zwei bibliotheken - viele debatten

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Rauchzeichen aus Otelfingen, aus den USA und aus Aussersihl

Aus unseren Beständen

Familiengeschichte öffnet zuweilen die Welt. Oder zuerst einmal Zürich. Die Familie Wyss gehört zu den bekannteren und verzweigteren Geschlechtern im Kanton. Der jetzige Doyen, Pit Wyss, verwaltet ein grosses Familienarchiv. Als Architekt, der oft für den Heimat- und Denkmalschutz gearbeitet hat, liegt ihm Geschichte am Herzen. Seit 1972 veröffentlicht er als Privatdrucke reich illustrierte Broschüren mit vielfältigen Materialien, zuerst unregelmässig, seit 1987 alljährlich als Weihnachtsgabe. Mittlerweile sind es 36 Stück. Sie beginnen mit Hans Rudolf Wyss (1731-1798) und reichen bis in die Gegenwart, etwa wenn er Künstlerfreunde vorstellt, die ihm teilweise bei seiner Restaurationsarbeit geholfen haben.

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Besonders reizvoll sind verschiedene Vignetten aus dem 19. Jahrhundert. Zwei Figuren ragen hervor. Da ist Jakob Otto Wyss (1846-1927), der nach etlicher Tätigkeit als Mechaniker im In- und Ausland 1873 in die USA emigrierte und zahlreiche Briefe hinterlassen hat. In seinen Broschüren hat Pit Wyss gelegentlich einiges aus diesem Leben veröffentlicht, und daraus ist ein dickes Buch mit "Rauchzeichen aus dem Wilden Westen" geworden, erschienen in der volkskundlichen Reihe im Limmat Verlag.

Von Jakob Ottos Vater Johannes Wyss (1813-1898) liegt ein umfangreiches autobiografisches Manuskript im Nachlass, aus dem ebenfalls verschiedentlich Teile zugänglich gemacht worden sind, etwa über dessen Einsatz als Militärarzt im Sonderbundskrieg, über die Studentenzeit in Heidelberg oder über die Hochzeitsreise nach München. Sozialgeschichtlich besonders interessant sind allerdings die Berichte über seine Tätigkeit als Landarzt in Nummer 30 der Privatdrucke.

Johannes Wyss beginnt das Medizinstudium 1830, kurz bevor die Universität Zürich gegründet wird: zuerst am medicinisch-chirurgischen Institut in Zürich, mit vier Kollegen, dann in Heidelberg und Wien. 1834 übernimmt er nach dem unerwarteten Tod seines Vaters dessen Praxis im Heimatdorf Dietikon. Das ist ein ständiger Kampf um PatientInnen und Entschädigungen, weshalb er etwa eine Teilzeitstelle als Einnehmer der örtlichen Ersparniskasse annehmen muss. Dazu kommt eine schwierige Erbteilung des väterlichen Hofs mit dem Bruder und die Versorgung der verwitweten Mutter. Bei Kollegen, bei Pfarrern und andern Notabeln zieht er Erkundigungen ein, wo eine erfolgversprechende Praxis anzusiedeln wäre. 1841 zieht die Familie nach Affoltern, ab 1846 ist man in Otelfingen ansässig. Geld bleibt ein ständiges Thema. Kann die Nachttaxe verrechnet werden, wenn Johannes spätabends Hausbesuche macht? Kann er Arme abweisen, die eigentlich vom Armenarzt betreut werden müssten, doch die er in Notfällen unentgeltlich behandelt? Übernehmen die arbeitgebenden "Seidenherren" die Kosten bei Unfällen von SeidenweberInnen, die selber kaum über Geld verfügen? Da ist es schon beinahe eine Erleichterung, wenn die Verletzung eines Knechts Selbstverschulden entspringt, weil damit die Verantwortlichkeit klar ist.

Unter gesundheitspolitischen Gesichtspunkten bewegt Johannes Wyss besonders das Thema der Impfung. Mit überzeugung benützt er die erst kürzlich eingeführten Impftechniken und dokumentiert deren segensreichen Einfluss, auch die allmähliche Durchsetzung, bei gelegentlichen Rückschritten, durch staatlichen Zwang. Ebenso diskutiert er Fortschritte in der Gynäkologie, die er einst in Wien studiert hatte. Verkehrstechnisch anschaulich werden die erstaunlich zahlreichen Auslandsreisen in diesem bildungsbürgerlichen Milieu beschrieben: Während der Studienzeit geht es einmal auf dem Holzfloss von München nach Wien, in neun Tagen.

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Zudem kommen beiläufig die Geschlechterverhältnisse in den Blick. In der patriachalen Gesellschaft werden ansatzweise Fortschritte sichtbar. Eine Scheidung auf Zeit kann, obwohl grundsätzlich von den Bedürfnissen der Ehemännern her gedacht, auch Frauen eine Chance bieten. Johannes Wyss beschreibt zudem das Aufkommen von Mädchenschulen aus nächster Nähe, da seine Mutter an zweien beteiligt ist.

In der Wyss'schen Dokumentationsreihe besonders interessant ist auch ein Heft über den Pfarrer Hans Bader (1875-1935). Der lud 1906 verschiedene kritische Pfarrer wie Hermann Kutter und Leonhard Ragaz zu einer "pädagogisch-sozialen Konferenz" nach Degersheim ein, bei der die religiös-soziale Bewegung in der Schweiz aus der Taufe gehoben wurde. Ab 1911 in der Kirchgemeinde Aussersihl, begründete er in Zürich die sozial engagierte Theologische Arbeitsgemeinschaft, gelegentlich auch als Bader-Chränzli apostrophiert. Bader, der jederzeit eine engagierte, diesseitsgerichtete Religion vertrat, versuchte in den Auseinandersetzungen zwischen Karl Barth, Leonhard Ragaz und Emil Brunner in den zwanziger und dreissiger Jahren eine vermittelnde Rolle zu spielen; seine Person wird im 2009 erschienenen Standardwerk zur religiös-sozialen Bewegung in der Schweiz, "Für die Freiheit des Wortes" (das sich natürlich auch im bücherraum f befindet) etwas unterbelichtet.

Besonders nachdrücklich setzte sich Bader für die Gemeindearbeit ein. Bereits 1915 gründete er die Jugend-Genossenschaft Industriequartier und den Mädchen-Bund Industriequartier; 1920 wurde er Präsident der Volkshausgenossenschaft Industrie, und dank seiner unermüdlichen Anstrengungen konnte 1931 das heutige Limmathaus eröffnet werden, ganz im Stil des neuen Bauens errichtet. Wenige Jahre später starb Hans Bader, erst 60 Jahre alt. Die Broschüre von Pit Wyss dokumentiert einige öffentliche und private Aspekte seines Grossvaters mütterlicherseits, wobei sich im Nachlass noch weitaus mehr Material zu dieser eindrücklichen Persönlichkeit findet.

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Jakob Otto Wyss: "Postmaster in Klau. Rauchzeichen aus dem Wilden Westen 1846-1927". Herausgegeben von Pit Wyss in Zusammenarbeit mit Paul Hugger. Limmat Verlag, Zürich 2001.

Die 15 im bücherraum f vorhandenen Hefte lassen sich über den Katalog erschliessen.

"Das aufheulende Chaos unserer Zeit"

Aus unseren Beständen

Eine ganze Zeitschrift voller Buchbesprechungen. Jeden Monat. Und das aus "sozialistischer Warte". Das bot die in Berlin erscheinende "Bücherwarte" ein paar Jahre lang während der Zwischenkriegszeit. Als die Arbeiterbewegung noch über ein Netz in der Zivilgesellschaft verfügte, mit Zeitschriften, Verlagen, Lesezirkeln. Und Bibliotheken. Herausgegeben vom "Reichsausschuss für sozialistische Bildungsarbeit" der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands sollte die Zeitschrift den Verantwortlichen für die Buchbestände von Partei- und Gewerkschaftssektionen Anschaffungstipps vermitteln, aber auch interessierte individuelle LeserInnen informieren.

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Die "Bücherwarte" wurde 1926 gestartet und musste im März 1933 ihr Erscheinen einstellen. Das Spektrum der Buchbesprechungen reichte weit, von wirtschaftsstatistischen Abhandlungen bis zu Kinderbüchern. Neben der Politik nahm auch die Literatur einen beträchtlichen Platz ein.

Dabei wurde die Sichtung eines möglichst breiten Angebots versucht, berücksichtigt wurden zeitgenössische Bücher aus dem In- und Ausland, von denen manche AutorInnen nicht mehr geläufig sind. Aber beispielsweise im Jahresband 1929 wurden doch auch alle wichtigen Publikationen von 1928/29 behandelt: der Erstling von Anna Seghers "Der Aufstand der Fischer von Santa Barbara", Franz Kafkas "Amerika", Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz", Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues", "Der Steppenwolf" von Hermann Hesse.

Natürlich, zuweilen wird ein bisschen schematisch das Verhältnis von Form und Inhalt darauf abgeklopft, ob da was für den klassenbewussten Arbeiter zu holen sei; aber die Urteile sind doch bemerkenswert aufgeschlossen. Kafka sei als Klagelied über die moderne Entfremdung eine vollkommene und grosse Dichtung. "Berlin Alexanderplatz" biete eine "bewundernswürdige Virtuosität, Witz, Geist, Gesinnung und ein Lebensmosaik von staunenswerter Fülle" - wobei sich der Rezensent zum Schluss die Bemerkung doch nicht verkneifen kann, am Ende der Lektüre sei man dann doch ganz froh, dass das Buch endlich zu Ende sei. Anna Seghers Kampf der Fischer habe zwar nichts mit Sozialismus und Klassenkampf zu tun, aber die soziale Wirklichkeit sei grandios erfasst und gestaltet.

Die politische Aufgeschlossenheit zeigt sich, wenn der nicht gerade als Revolutionär bekannte Erich Kästner und der Arbeiterdichter Paul Zech nebeneinander gewürdigt werden - einerseits heisst es, in keinem der neueren Dichter heule das Chaos unsrer Zeit so auf wie bei Kästner, andererseits wird die Lyrik von Paul Zech gerade aus formalen Gründen gelobt. Zech (1881 - 1946) wurde übrigens zu seiner Zeit von Heinrich Mann wie Else Lasker-Schüler geschätzt, war lange vergessen, wurde als apokrypher übersetzer von Villon und Rimbaud ein posthumer Bestsellerautor, gelegentlich wiederentdeckt und wieder vergessen.

Auch Christian Morgenstern wird neben seiner Melancholie und seinem Witz politische Bedeutung zugestanden, oder er wird zumindest als ironischer Kommentator des politischen Zeitgeschehens gelobt. Zu Remarques schonungsloser Darstellung des 1. Weltkriegs wird allerdings bei aller Zustimmung kritisch angemerkt, dass jedes Kriegsbuch zu einem gewissen Grad den Krieg normalisiere. Streng ins Gericht wird dann mit einem Kriegsroman von Arnolt Bronnen gegangen, der einst als junger Wilder zusammen mit Bert Brecht die Theaterszene aufgemischt hatte. In seinem jüngsten Roman aber benutze er, so meint der Rezensent, "seine sehr fortschrittlichen epischen Ausdrucksmittel zu dem Versuch, eine höchst rückschrittliche Daseinsform zu rechtfertigen", nämlich rechtsradikale Freikorpsmitglieder von 1920/1921. Dabei zeige sich eine penetrante "Ehrfurcht vor jeder Form Militärfexerei", kurzum "den ganzen Roman beherrscht ein Snobismus der Unreife und Roheit".

Natürlich kommt man aus "sozialistischer Warte" nicht um neue Publikationen zu Marx und Engels herum. Ein Sammelband mit Kritiken der beiden Alten an den sozialdemokratischen Programmentwürfen von 1875 und 1891 muss gegen die These der KPD gerettet werden, damit werde die Sozialdemokratie grundsätzlich kritisiert, denn: "Ihre Erwägungen über die politische Praxis der Spezialdemokratie gelten für einen politisch-ökonomischen Zustand, der sich von dem gegenwärtigen sehr wesentlich unterscheidet." Die "Bücherwarte" scheut andererseits nicht davor zurück, den zweiten Band des "Marx-Engels-Archivs" aus dem Marx-Institut aus Moskau insgesamt positiv zu besprechen - das Institut stand im übrigen zeitweilig oppositionell zum Stalin-Kurs.

Auf einem anderen Pol des kulturgeschichtlichen Spektrums steht ein Band wie "Afrika singt", und dabei wird einer der übersetzer genannt, H. K. - der ist seinerseits mehrfach mit der Schweiz verbunden, lebte hier als Publizist, als Romanautor, wurde dann ein Vertrauter von Robert Musil in dessen Schweizer Exil von 1938 bis 1942, und noch heute leben seine Witwe und seine Tochter hier. Apropos Schweiz: Besprochen werden auch Verena Conzetts autobiografische Aufzeichnungen "Erstrebtes und Erlebtes", und zwar durch Luise Kautsky, wobei dem Buch eine "einfache Sprache und ein anspruchsloser natürlicher Stil" bescheinigt werden, die allerdings die dramatischen Ereignisse dieses Lebens durchaus wirkungsvoll veranschaulichten.

Die Besprechung von Sachbüchern reicht im übrigen bis hin zu Schriften übers Rettungsschwimmen oder "Das Turnen am Barren". Auf der andern Seite, oder vielleicht in der Verlängerung der Körperkultur, wird auch die Sexualwissenschaft berücksichtigt, werden Studien von Magnus Hirschfeld, Hendrik van de Velde und Max Hodann rezensiert.

Ein paar VerfasserInnen von Rezensionen haben in der Kulturgeschichte einen gewissen Klang, etwa Kurt Pinthus, der Propagandist des Expressionismus, oder die damals bekannte Autorin Gina Kaus, dann auch die eminente Sozialistin Luise Kautsky. Aus andern Namen entfalten sich zeitgenössisch wichtige, heute kaum mehr bekannte Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung. Etwa Paul Kampffmeyer (1864-1945), ein vielseitiger Publizist aus liberalem Bürgerhaus, der nach anarchistisch-libertären Anfängen die Gartenstadtbewegung propagierte, schon 1923 über den deutschen Faschismus schrieb und später das SPD-Parteiarchiv aufbaute.

Oder Arthur Goldstein (1887-1943), ein Schicksal aus dem kurzen 20. Jahrhundert. 1914 wurde der Journalist SPD-Mitglied, Ende 1918 Mitgründer der KPD, bald auf dem antiparlamentarischen oppositionellen Flügel bei der linksradikalen Kommunistischen Arbeiter-Partei KAPD anzutreffen, die in den folgenden Jahren von mehrfachen Spaltungen durchzogen wurde. Goldstein selbst trat bereits 1923 wieder der SPD bei, "entristisch", wie es in einem Wikipedia-Beitrag heisst, da er weiterhin einen rätedemokratischem Kurs mit trotzkistischen Neigungen unterstützte und 1932 den Aufbau der klandestin wirkenden Widerstandsgruppe der Roten Kämpfer befürwortete. Dennoch konnte er in all diesen Jahren in sozialdemokratischen Zeitschriften wie der "Bücherwarte" schreiben. 1933 flüchtete er vor den Nazis nach Frankreich, wurde dort 1943 verhaftet, vom Sammellager Drancy nach Auschwitz transportiert und kurz nach der Ankunft ermordet.

Goldstein schreibt in der "Bücherwarte" mehrheitlich zur Literatur, aber auch zur ökonomie und zur Politik. Während seine Literaturkritik zumeist sachgerecht ist, schlägt bei den politischen Büchern zuweilen die parteipolitische Bindung stärker durch. Einen Reisebericht aus der Sowjetunion des österreichischen Feuilletonisten Arthur Holitscher watscht er mit der schönen Formulierung ab, hier sänken sich Leninismus und Katholizismus gerührt in die Arme. Scharf kritisiert er auch einen Rechenschaftsbericht von Max Hoelz, dem abenteuernden Führer der Märzkämpfe 1921 im Vogtland. Hoelz sei es, meint Goldstein, nur um die Befriedigung eines persönlichen Rechtsgefühls gegangen, während er von geschichtlichen Zusammenhängen und Entwicklungen sowie von historischen Grundkräften absolut nichts verstanden habe - was insofern eine pikante Note besitzt, weil Hoelz eine Zeitlang wie Goldstein bei der KAPD mitgewirkt hatte.

Zuweilen stösst man in der "Bücherwarte" auch auf Hinweise zu Büchern, die einem als positives Gerücht bekannt sind und die man vielleicht einmal hätte lesen wollen, etwa Egon Friedells "Kulturgeschichte der Neuzeit". Die entsprechende Besprechung wendet allerdings kritisch ein, Friedell sei ein Vertreter eines impressionistischen Feuilletonismus, der Geschichte auf Klatsch reduziere, und präsentiert als Beleg ein längeres Zitat über die Darstellung der Französischen Revolution, die Friedell als "Schundroman" versteht, mit der "Kellerratte" Marat, einem Danton, der "abwechselnd blutgierig und gutmütig, stumpf und intelligent wie ein ungezähmter Bullenbeisser" sei und einem Robespierre als "dämonisch gewordener Oberlehrer" - und da weiss man, das positive Gerücht war falsch, und man kann sich die Lektüre dieses Buches schenken. So eröffnet die "Bücherwarte" in Zustimmung wie Kritik ein kulturhistorisches Universum.

Der Jahrgang 1929 der "Bücherwarte", aus dem Bestand von Gretlers Panoptikum übernommen, steht im bücherraum f im mittleren Raum in der Abteilung R (Referenzwerke).

Links das Original, rechts der Abdruck

Aus unseren Beständen
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Im bücherraum f angesiedelt ist linkerhand auch die Forschungsstelle Dora Koster. Bei der Erschliessung des Nachlasses findet sich ein Typoskript, vier Blätter mit ganz wenigen handschriftlichen Korrekturen, "Liebe als positive Verschiebung unserer Reize", nicht datiert, aber offensichtlich aus den 1980er Jahren, und am Kopf des ersten Blatts ist handschriftlich vermerkt "fraz", was in diesem Zusammenhang wohl die in Zürich herausgegebene "Fraue-Zitig" meinen könnte. Dazu passt, dass in der provisorisch erstellten Bibliografie mit Texten über Dora Koster einer von Angela Thomas unter dem Titel "Ihr sprecht meine Sprache nicht" in der "fraz" vom März 1983 verzeichnet ist.

Da trifft es sich doch gut, dass auf der anderen Seite des bücherraums in der Bibliothek schema f die "Fraue-Zitig", schön gebunden, vorliegt. Also ein Blick in den obenauf liegenden Band und die erste dort vorhandene Nummer, justament aus dem März 1983. Tatsächlich, da steht auch schon der Beitrag zu Dora Koster, Seite 36f., allerdings anonym und mit anderem Titel: "Ich suche die Seele, nicht den Dollar, das ist Dora Koster". Was zwar unbekannt und interessant, aber weder der Beitrag über die Liebe noch der von Angela Thomas ist. Also müssig-konzentriert die weiteren Ausgaben durchgeblättert, und da findet sich im März 1985, in einer Nummer mit dem Schwerpunkt Liebe, tatsächlich jener Beitrag über die positive Verschiebung unserer Reize, mitsamt den kleineren Korrekturen, allerdings nicht, wie im Manuskript, mit Oiseau bleu unterzeichnet, sondern mit Isa Syltjé, einem anderen Pseudonym von Dora Koster nach der geliebten Nordseeküste. Bleibt nur noch der Beitrag von Angela Thomas zu eruieren. Deshalb nochmals zurückgeblättert, und dann findet er sich tatsächlich ebenfalls, zwar nicht, wie provisorisch vermerkt, im März 1983, sondern im März 1984. Womit durch die Synergien im bücherraum sowohl ein neuer Artikel entdeckt wie ein Fehler korrigiert worden ist.

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War das ein Geraune, ein Geflüster, ein Hautrieseln!

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"Eines Tages, soweit das Auge reicht, alles - rot. Einen solchen Tag hat Wien nicht wieder erlebt. War das ein Geraune, ein Geflüster, ein Hautrieseln! Auf den Strassen, auf der Tramway, im Stadtpark, alle Menschen lesend aus einem roten Heft ... Es war narrenhaft. Das Broschürchen, ursprünglich bestimmt, in einigen hundert Exemplaren in die Provinz zu flattern, musste in wenigen Tagen in Zehntausenden von Exemplaren nachgedruckt werden." So beschreibt Robert Scheu, wie im April 1899 das erste Exemplar der "Fackel" von Karl Kraus erschien. Und er schildert, wie die Zeitschrift in den folgenden Jahren als "rotes Ungetüm", dreimal im Monat "allemal ein Gegenstand fieberhafter Neugierde" wurde, Karrieren zerstören und machen konnte.

Scheus Broschüre ist die erste Würdigung von Karl Kraus (1874-1936), geschrieben zum zehnten Jahrestag des ersten "Fackel"-Hefts, im selben Verlag veröffentlicht wie die "Fackel". Scheu analysiert, wie Kraus vom Beobachter zum Kritiker und dann zum Richter geworden sei, mit "fröhlicher gesunder Grausamkeit" die verderbliche Macht der Presse entlarvt habe. Die Presse habe sich Verwaltungsbefugnisse angeeignet, ohne entsprechende Verantwortung zu übernehmen; und so sei geradezu eine umgekehrte Pressezensur entstanden, nämlich die von der Presse ausgeübte Zensur, die sich zum "Herrn der Ereignisse" mache, auslasse und fälsche. Die Leseschulung des bislang hilflosen Publikums gegenüber dieser Anmassung hält er Kraus als geschichtliche Tat zugute.

Robert Scheu (1873-1964) studierte Jurisprudenz, war dann als Angestellter im österreichischen Handels-Museum tätig und entfaltete daneben eine breite schriftstellerische Tätigkeit. Er verfasste Theaterstücke, Erzählungen sowie Aphorismen und Gedichte. Ab 1906 stand er in Kontakt mit Kraus, schrieb gelegentlich für die "Fackel", bediente ab 1911 selber eine satirische Politikkolumne "Chronik der Weltereignisse" im "Simplicissimus" und im "Prager Tagblatt". So scharfsichtig er die Leistung von Kraus würdigt, so zieht er doch auch eine Grenze zu diesem. Dieser führe den Kampf mit Wachsamkeit und Unermüdlichkeit und Unduldsamkeit; doch könne es wohl nicht darum gehen, die Presse etwa abzuschaffen, sondern man müsse sie in ihrer gesellschaftlichen Funktion regulieren. In der Presse drücke sich generell die Macht der Organisation und der Maschinerie des modernen sozialen Organismus aus; dagegen sei Kraus ebenfalls "von einer ganz grandiosen Ranküne erfüllt", was nötig sei, aber doch einen Stich ins Reaktionäre bekommen, weil man auch die Organisation und Technik nicht bloss verhöhnen könne, sondern zu Neuem veredeln müsse.

Tatsächlich hatte Scheu bereits 1901 ein demokratiepolitisches Programm unter dem Titel "Kulturpolitik" vorgelegt, welchen Begriff er recht eigentlich in die öffentliche Debatte einbrachte. Die von ihm initiierte Kulturpolitische Gesellschaft hatte vielfältige Kontakte mit Persönlichkeiten der Wiener Moderne, etwa Adolf Loos und Hermann und Eugenie Schwarzwald; 1913 liess sich Scheu von Adolf Loos ein Wohnhaus entwerfen. Nach dem 1. Weltkrieg verschmolz die Kulturpolitische Gesellschaft in Wien mit dem Aktivismus-Kreis und flirtete kurz mit rätedemokratischen Modellen. Scheu selbst wurde zum Vermittler zwischen österreich und der Tschechoslowakei und beschäftigte sich mit volkswirtschaftlichen Fragen.

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Die Kraus-Broschüre ist im bücherraum f vorhanden, ebenso wie einige Originalausgaben der "Fackel", von 1931 bis 1927. Die Broschüre ist aus einem weiteren Grund bemerkenswert: Sie enthält ein gepresstes Edelweiss. Ein Edelweiss? Kaum etwas scheint der urbanen Kulturkritik von Karl Kraus weniger angemessen. Nicht erschliessen lässt sich, ob das Edelweiss vom Käufer oder der Käuferin der Broschüre selbst hinzugefügt, oder ob es in eine etwa als Geschenk erhaltene Broschüre gelegt wurde. Das würde die Beilage jeweils in ein anderes Licht rücken. Kaum vorstellbar, dass es sich auf den Inhalt bezieht, auf dieses scharfe Richtschwert gegen die moderne Gesellschaft, diesen auszeichnend wie etwa ein Lorbeerblatt. Dazu wäre das Edelweiss ein schräges Symbol! Eher noch mag es den Inhalt sanft abwehren, ja verwerfen: dem ehernen Polemiker die treuherzige Macht der Natur entgegenstrecken.

Vielleicht auch, wenn das Edelweiss in einem Geschenk steckte, hätte die Broschüre womöglich als Versteck gedient, als Panzer, der verbergen und abschrecken sollte. Oder als Kassiber, der etwas schmuggelte. Scheu schreibt von einer jungen Generation, "eine ganz eigene Rasse, welche die ’Fackel’ statt als Medizin als Nahrung zu sich nahm". Vielleicht hat die scharfe Kulturkritik also etwas weiteres transportiert: neben der geistigen die emotionale Nahrung.

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Robert Scheu: "Karl Kraus". Verlag Jahoda & Siegel. Wien 1909. 40 Seiten. Die Broschüre befindet sich in der Politisch-philosophischen Bibliothek im bücherraum f in der Abteilung V (Raritäten) im Gestell 24.

überschüssige Geschichten

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Der bücherraum f hat jetzt ein eigenes Exlibris, eine Buchmarke, die wir in geschenkte Bücher einkleben. So wird unser Bestand durch eine historische Dimension ergänzt.

Exlibris tauchen erstmals im Mittelalter auf, sind vereinzelt in Inkunabeln vorhanden, um etwa den Besitz von Handschriften in bestimmten Klöstern zu bezeichnen. Sie kommen dann im 15. Jahrhundert, mit dem Buchdruck, breiter in Gebrauch. Anfang des 16. Jahrhunderts machen bekannte Maler wie Albrecht Dürer, Lukas Cranach der ältere und Hans Holbein der Jüngere Exlibris für mäzenatische Sammler. In Renaissance und Barock entstehen solche mit je spezifischen Motiven. Eine besondere Blüte erlebt die Kleinkunst um 1880 und dann mit dem Jugendstil. 1890 entsteht die englische Ex-Libris-Society, 1891 der Exlibris-Verein zu Berlin. Bis zum 2. Weltkrieg leistet sich ein Bildungsbürgertum eigene Exlibris und bietet etlichen KünstlerInnen eine bescheidene Verdienstmöglichkeit. In den letzten Jahrzehnten sind Exlibris mehr Sammelobjekt denn konkrete Praxis geworden. In der Schweiz wird erst 1968 der Schweizerische Exlibris Club (SELC) gegründet; drei Mal im Jahr erhalten Mitglieder den "SELC-Express" plus eine Jahresgabe.

Soll man Bücher mit einer Besitzangabe belasten? Widerspricht der Eigentumsvermerk nicht dem Ideal freier Gedanken und frei schwebender Literatur? Nun, das Exlibris des bücherraums f wird nicht bloss als Besitzvermerk verwendet, sondern es wird in geschenkte Bücher eingeklebt und dient einer zusätzlichen Information: wer uns das Buch wann geschenkt hat. Indem wir die Provenienz neuerer Bücher vermerken, wird der Buchbestand des bücherraums f mit überschüssigen Geschichten versehen.

Unser Exlibris stammt von der Grafikerin Helen Ebert, die auch die Flyer für den bücherraum f konzipiert. Es ist eine Landschaft gestaltet aus und mit dem Buchstaben f - für fortschritt und feminismus.

Im bücherraum f befinden sich bereits einige Bücher mit älteren Exlibris, siehe dazu etwa "Zur Kritik der Weiblichkeit" und "Die Ingenieurin und die Frau des Botanikers" weiter unten auf dieser Website.

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Wie der Stahl gehärtet wurde

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Das Buch erzählt eine seiner Editionsgeschichten in einem eingeklebten Beiblatt gleich selbst. Danach lag es, als No. 1270, vier Jahre lang auf Geheiss der Schweizer Bundesanwaltschaft in einem Gewölbe des Bundeshauses. Im Zweiten Weltkrieg glaubte die offizielle Schweiz ja, ihre Neutralität mit Verboten gegen links und rechts unter Beweis stellen zu müssen, während sie gleichzeitig Gold- und Waffenlieferungen für Nazi-Deutschland ermöglichte; doch dann, als sich die Niederlage des faschistischen Deutschland abzeichnete, wurde das Buch aus der Sowjetunion im Mai 1945 offenbar freigegeben.

Eine zweite Editionsgeschichte besteht darin, dass der Autor Nikolai Ostrowski (1904 - 1936) in den verschiedenen sowjetischen Ausgaben 1932 und 1934, während der Verschärfung der Stalinisierung, seine Versionen der jeweiligen Parteilinie anpasste. Die erste deutsche - anonyme - übersetzung erschien 1939 in Kiew im Staatsverlag der nationalen Minderheiten der UdSSR, nachdem die nationale Mehrheit in der Ukraine bereits massiv unterdrückt worden war.

Der Titel hat natürlich epigrammatischen Charakter. "Wie der Stahl gehärtet wurde" zeigt anhand von engagierten Fabrikarbeitern sowohl die reale Stahlproduktion, wie noch viel stärker: wie ein Land, nämlich die Sowjetunion, und wie die Menschen darin gehärtet wurden. Da ist in erster Linie Pawel "Pawka" Kortschagin. Der trägt deutlich autobiografische Züge. Nach einer kursorischen Rekapitulation seiner Jugend in der Ukraine setzt das Buch ein mit dem Sturz des Zarenreichs und dann dem Bürgerkrieg, als sich der Siebzehnjährige der Roten Armee anschliesst, und es reicht bis zu den innerparteilichen Auseinandersetzungen 1923/24 um Lenins Tod herum. Pawel kämpft, wie einst Ostrowski selbst, in Budjonnys Roter Reiterarmee gegen weisse und polnische Streitkräfte, verliert dabei die Sehkraft in einem Auge, wird Funktionär bei den Komsomolzen, dem kommunistischen Jugendverband, um den Aufbau der Sowjetmacht und die Kollektivierung der Landwirtschaft voranzutreiben; gegen Ende des Buchs erblindet er ganz und wird beinahe gelähmt. So diktiert er, wie einst Ostrowski, seine Erfahrungen, und mit dem dann veröffentlichten Buch reiht er sich nach eigenem Bekunden wieder in die bolschewistische "Kampfreihe" ein.

"Wie der Stahl gehärtet wurde" ist ein paradigmatisches Werk des sozialistischen Realismus, war auch in der DDR weit verbreitet, sogar unter Schweizer KommunistInnen halbwegs Pflichtlektüre. Der Kampf ist heroisch, der Held rappelt sich bei allen Schicksalsschlägen immer wieder auf, das Gute - der wahre Kommunismus - siegt. Die Sprache ist hoch schiessend, zuweilen klischiert. Das erzeugt durchaus einen Sog: die glühend engagierte Jugend, die die alte, überlieferte Welt radikal umwälzt. Man könnte geradezu von einem sowjetischen Steppenwolf sprechen. Als Bericht über den brutalen Bürgerkrieg hat es zudem dokumentarischen Charakter, so wenn die standrechtliche Erschiessung von linken Milizionären, die Frauen vergewaltigt haben, beschrieben wird, und zwar für einmal kontrovers. Es gibt auch ein paar interessante Figuren und Lebensläufe, etwa unterschiedlich engagierte Bolschewisten und Komsomolzen. Und dann die Frauen! Deren Emanzipation vollzieht sich, vorbildhaft, vor allem politisch, womit sie teilweise die Männer hinter sich zurücklassen; aber sie zeigt sich doch auch in geändertem Verhalten, wenn sie sich den gängigen Geschlechterklischees beim erotischen Werben entziehen.

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Letztlich ist das Buch allerdings strikt linientreu, und ab 1923 werden die linke Arbeiteropposition und der "Trotzkismus" zunehmend heftiger als Abweichung vom "wahren" Bolschewismus verdammt - die späteren mörderischen Konsequenzen dieser Verfemung haben es dann nicht mehr ins Buch geschafft.

2004 ist das Buch in Deutschland überraschenderweise neu aufgelegt worden, im Leipziger Kinderbuchverlag. Ein jüngerer Autor, in der DD geboren, aber so jung, dass er um die Buchlektüre als Kind herumgekommen ist, hat daraufhin im "Neuen Deutschland" zwiespältig darüber geschrieben: Selten habe ihn ein Buch "gleichzeitig so fasziniert und abgestossen", fasziniert durch die Bedingungslosigkeit des Engagements, abgestossen durch die Ignoranz anderen Wahrheiten gegenüber. Das Buch ist beim Verlag weiterhin vorrätig, und es wäre eine weitere kulturgeschichtliche Vignette, welchen Jugendlichen es heute gekauft wird und wie diese es lesen.

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"Wie der Stahl gehärtet wurde" in der Ausgabe von 1939 befindet sich in der Politisch-philosophischen Bibliothek f des bücherraums f im Gestell 13 in der Abteilung DK.2 (Sowjetunion).


Massenpsychologie und Orgonon

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Es muss sich wohl doch um einen späteren Raubdruck handeln. Obwohl: Das Kleinformat, 14 mal 11 cm, und das Titelbild entsprechen der Originalausgabe von 1933, auch die Typografie und der schlechte Druck. Aber die Originalausgabe hat einen roten Umschlag und nennt auf der Innenseite den "Verlag für Sexualpolitik" in Kopenhagen - Prag - Zürich als Herausgeber. Dieser Hinweis fehlt in der Ausgabe in der Politisch-philosophischen Bibliothek f. Offenbar ist diese ein fotomechanischer Nachdruck, wobei das Titelbild - ohne Verlagshinweis - ebenfalls übernommen wurde, allerdings als erste Innenseite nach links gerückt worden ist, während ein der Originalausgabe nachempfundenes, neu gestaltetes Titelblatt in Broschur um den Band gelegt worden ist. Textlich handelt es sich um die zweite Auflage aus dem Jahr 1934.

Mit der "Massenpsychologie des Faschismus" hatte Wilhelm Reich (1897 - 1957) der orthodoxen kommunistischen Interpretation des deutschen Faschismus, die sozioökonomische Gesichtspunkte betonte, eine psychoanalytische Dimension hinzugefügt beziehungsweise entgegengestellt. Der Untertitel "Zur Sexualökonomie der politischen Reaktion und zur proletarischen Sexualpolitik" verkündete zugleich ein Programm, mit dem man gegen den Faschismus ankämpfen sollte oder hätte ankämpfen sollen. Im Gefolge von 1968 wurde der lange verfemte Wilhelm Reich wieder entdeckt, und in diesem Zusammenhang erfolgte offenbar auch der vorliegende Raubdruck. Im Internet-Antiquariatshandel werden drei solcher Raubdrucke angeboten, einer von 1970, dann ein "Junius-Druck" von 1972 und schliesslich eine Ausgabe der Anarcho-Press um circa 1980. Aber das Titelbild unserer Ausgabe stimmt mit keinem dieser drei überein; bei letzterer ist beispielsweise, nicht ganz anarchistisch, auf dem Umschlag ein Preis von "4 DM" vermerkt. Später wurde das Buch gar massenmarktfähig; ich besitze eine Ex-Libris-Ausgabe von Anfang der achtziger Jahre, aus einer Zeit, als Ex Libris nicht nur eine seriöse Buchgemeinschaft war, sondern sogar ein seriöser Verlag. Allerdings fehlt in dieser Ausgabe hinwiederum der Untertitel: "proletarische Sexualpolitik" hätte die bildungsbürgerlichen Sensibilitäten vielleicht doch ein bisschen zu stark verletzt.

Wohl ebenfalls aus dem gleichen 68er-Milieu stammt ein Raubdruck von Reichs "Charakteranalyse", der sich in unserer Bibliothek befindet: gleiches Kleinformat, gleiches Papier. Hier allerdings ist auf dem Innenblatt vermerkt "Im Selbstverlage des Verfassers". Diese beiden 1933 erschienenen Bücher von Reich sind zentrale Werke des Freudo- Marxismus, mit einer ebenso verwickelten wie weit reichenden Rezeption.

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Reich war als brillanter Student bereits 1920 in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen worden und von Freud als einer von dessen - nicht ganz seltenen - Ziehsöhnen geschätzt worden. In wenigen Jahren schrieb er beinahe zwei Dutzend originelle Aufsätze zur psychoanalytischen Theorie. Dabei verschärfte Reich Freuds Libido- zu einer Orgasmustheorie. In der "Funktion des Orgasmus" (1927) wurde die seelische Gesundheit ganz dem Ausleben der orgiastischen Potenz überantwortet. Zugleich trieb er die Politisierung der Psychoanalyse voran. 1927 war er unter dem Eindruck der Juliereignisse in Wien - als protestierende ArbeiterInnnen wegen eines Skandalurteils den Justizpalast gestürmt hatten und dabei von der sozialdemokratisch geführten Polizei 84 Menschen erschossen wurden - insgeheim der KPö beigetreten, obwohl er offiziell Mitglied der österreichischen Sozialdemokraten blieb. In einer eigenen Praxis betrieb er klinisch-therapeutische Arbeit mit Jugendlichen aus dem Arbeitermilieu und begann den Aufbau eines sexualpolitischen Netzwerks. Ursprünglich von der KPö unterstützt, wurde er im Januar 1930 aus dieser wegen "spalterischen Aktivitäten" ausgeschlossen. Er ging nach Berlin, trat der KPD bei und gründete den Deutschen Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik, kurz Sexpol. Kaum drei Jahre später wurde er auch aus der KPD ausgeschlossen. Nach der Machtübernahme der Nazis emigrierte er zuerst zurück nach Wien, dann nach Skandinavien.

Dort publizierte er im Eigenverlag die "Massenpsychologie des Faschismus". Sie rechnet mit den verkürzten Einschätzungen des Faschismus ab und legt das Gewicht auf die reaktionäre Familienideologie, der auch viele Arbeiter zum Opfer gefallen seien. In historischen und aktuellen Analysen erkennt Reich die Unterdrückung der Sexualität als wichtigstes Instrument für die Durchsetzung einer autoritären Ideologie. Individualpsychologisch setzt er eine grundlegende Sexualökonomie an, das heisst die Art und Weise, wie ein Individuum mit seiner biologischen Energie umgeht, diese eindämmt oder orgiastisch entlädt. Orgiastische Impotenz charakterisiere den gegenwärtigen Durchschnittsmenschen und verursache biopathische (krankhafte) Symptome und gesellschaftliche Neurotisierungen. Durch Eindämmung und Umleitung der Sexualität seien mystische Irrationalismen und letztlich auch der Faschismus möglich geworden. Dagegen propagierte Reich die Freisetzung der Sexualenergie, mit einer Sexualpolitik, wie er sie zuvor schon in seiner klinischen Praxis erprobt hatte.

Im bücherraum f findet sich ein dritter Raubdruck von Reich. Unter dem Pseudonym Ernst Parell hatte dieser im Jahr 1934 die Broschüre "Was ist Klassenbewusstsein?" veröffentlicht, in seinem "Verlag für Sexualpolitik" als Nummer 1 der "Politisch-Psychologischen Schriftenreihe der Sex-pol". Beabsichtigt war damit nichts weniger als ein Beitrag zur "Neuformierung der Arbeiterbewegung". Das war ein verschärfter Angriff auf die orthodox kommunistische Linie, und zwar unmittelbar auf dem Gebiet der politischen Mobilisierung. Den kommunistischen Parteien warf er vor, das Klassenbewusstsein mechanistisch zu verstehen. "Die bisherige marxistischrevolutionäre Politik setzte ein Klassenbewusstsein im Proletariat als fertig vorhanden voraus, ohne es detaillieren, konkretisieren zu können. Das Klassenbewusstsein der Masse ist nicht fertig formuliert, wie die KP-Führung glaubte, fehlt auch nicht völlig und ist auch anders strukturiert, wie die SP-Führung meinte; es ist vielmehr in konkreten Elementen vorhanden, die an sich noch nicht Klassenbewusstsein sind (etwa blosser Hunger), es aber wohl in ihrer Zusammenfassung ergeben könnten; diese Elemente sind auch nicht rein vorhanden, sondern durchsetzt, vermischt, durchwoben mit gegenteiligen psychischen Kräften und Inhalten."

Reich geht in leninistischer Tradition weiterhin von der Notwendigkeit einer Avantgardepartei und avantgardistischen Führern aus. Die müssten über ein hohes theoretisches Bewusstsein in ökonomischen wie politischen Belangen verfügen. Allerdings müsse man in der politischen Arbeit berücksichtigen, dass sich das Klassenbewusstsein der normalen Mitglieder deutlich davon unterscheide. Dieses sei "an den russisch-japanischen oder englisch-amerikanischen Gegensätzen gänzlich uninteressiert, ebenso am Fortschritt der Produktivkräfte; es orientiert sich einzig und allein an den subjektiven Spiegelungen, Verankerungen, Auswirkungen dieses objektiven Geschehens in millionenfach verschiedenen kleinsten Alltagsfragen; sein Inhalt also ist das Interesse an Nahrung, Kleidung, Mode, familiären Beziehungen, den Möglichkeiten der sexuellen Befriedigung im engsten Sinne, an den sexuellen Spielen und Vergnügungen im weiteren Sinne, wie Kino, Theater, Schaubuden, Rummelparks und Tanz, ferner an den Schwierigkeiten der Kindererziehung, an Hausschmuck, an Länge und Gestalt der Freizeit etc. Das Sein der Menschen und seine Bedingungen spiegeln, verankern, reproduzieren sich in ihrer seelischen Struktur, indem sie sie formen. Nur durch diese seelische Struktur hindurch ist der objektive Prozess für uns erreichbar, seine Hemmung wie seine Förderung und Beherrschung. Nur durch den Kopf des Menschen, durch seinen Willen zur Arbeit und sein Sehnen nach Lebensglück, kurz seine psychische Existenz schaffen wir, konsumieren wir, verändern wir die Welt."

Diese Betonung des vielfältig, auch widersprüchlich zusammengesetzten Alltagsbewusstseins, wie des Alltags überhaupt tönt wie aus den "Gefängnisheften" von Antonio Gramci. So wie ja auch das erste Kapitel der "Massenpsychologie", "Die Ideologie als materielle Gewalt", viel später ein lautes Echo bei Louis Althusser gefunden hat.

Reichs Freudo-Marxismus bereitete beiden Teilen des versuchten Bündnisses keine Freude. Parallel zum Ausschluss aus den kommunistischen Parteien wurde Reich auch aus der psychoanalytischen Bewegung vertrieben. Sigmund Freud selbst hatte sich bald von seinem ehemaligen Schüler distanziert, da dieser Freuds Todestrieb als Konzept ablehnte und den politischen Einsatz der Psychoanalyse gegen den Faschismus verlangt hatte. Im März 1933 teilte Freud Wilhelm Reich mit, das die Leitung des Internationalen Psychoanalytischen Verlags von einem mit Reich abgeschlossenen Vertrag zur Herausgabe von dessen "Charakteranalyse" zurücktrete, und zwar "mit Rücksicht auf die politischen Verhältnisse" - im Klartext: Eine Veröffentlichung des jüdischen Kommunisten Reich hätte die Stellung der IPV in Deutschland geschwächt. Im August 1934 wurde Reich auf dem XIII. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Luzern aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) ausgeschlossen, offenbar auf Antrag der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG). In der Politisch-philosophischen Bibliothek f findet sich als Nachdruck von 1978 eine Stellungnahme aus dem Jahr 1934, die vermutlich von Reich selbst stammt, in der er sich gegen die verunglimpfende Darstellung wehrt, er sei aus freien Stücken aus der DPG und damit auch aus der IPV ausgetreten. Laut späterer kritischer Lesart war Reichs Ausschluss Teil einer "Gleichschaltung" der DPG mit dem Medizinbetrieb des NSStaates, den Freud um des überlebens seiner Schule willen mittrug, ja, es scheint sogar, dass er den Ausschluss Reichs aktiv gefordert und gefördert hatte.

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In Norwegen von einer kleinen Gruppe unterstützt, aber im deutschsprachigen Raum beruflich seiner letzten Stützpunkte beraubt, flüchtete Reich 1939 in die USA und baute dort eine neue Klinik auf. 1944 überarbeitete er die "Massenpsychologie" zu einer dritten Fassung, die seither allen Neuauflagen zugrunde liegt. Dabei hält er sich immer noch an das vorgegebene politische und theoretische Gerüst. Allerdings nimmt er terminologische Veränderungen vor, die sich seines Erachtens aus soziologischen Entwicklungen ergäben, etwa wenn er "Proletarier" durch "Arbeitende" ersetzt. Und er baut die Kritik an der sowjetisch-stalinistischen Sexualpolitik aus. Zuweilen drängt auch die von Reich seither entwickelte Theorie der biologischen Verfasstheit des Menschen den ideologietheoretischen Ansatz zurück. Denn Reich vertrat mittlerweile ein Dreischichtenmodell, wie er im Vorwort von 1944 erläuterte: Unter der gesellschaftlich bedingten oberflächlichen Schicht der sozialen Charaktere und dem freudschen Unbewussten liege als dritte Schicht ein biologischer Kern, der inhärent gut und edel sei. Was auch plötzlich eine andere politische Strategie erfordert und ermöglicht: "Der internationale Faschismus wird nie durch politische Manöver besiegt werden. Er wird der internationalen natürlichen Organisation der Arbeit, der Liebe und des Wissen erliegen." Doch bleibt das Buch in weiten Strecken anregend, weil es sich auch nach der überarbeitung weitgehend auf die Mechanismen konzentriert, wie das Unbewusste in Irrationalitäten ebenso wie in bewusste Ideologien umgearbeitet wird.

Dabei war Reich in der Zwischenzeit längst in entferntere Gefilde vorangeschritten. Zwischen 1936 und 1940 hatte er die "Orgonenergie" als "kosmische Urenergie" entdeckt, die er mit naturwissenschaftlichen Spekulationen und empirischen Experimenten nachweisen zu können glaubte, ab 1943 auf einem grösseren Anwesen in Maine/USA, das er Orgonon nannte. Als praktische Behandlungstherapie sollte die atmosphärische Orgonenergie mittels eines "Orgonenergie-Akkumulators" konzentriert werden, um die gefesselten vegetativen Energien der Menschen und der Natur zu entbinden. Reich entwickelte auch eine Maschine, den "Cloudbuster", um die Wolken zu teilen und Regen zu machen, und beteiligte sich an der zeitgenössischen Suche nach der Sichtung von Ufos; ja, er behauptete, mit seinem Cloudbuster einmal ein solches Ufo neutralisiert zu haben. Die parapsychologischen Experimente weckten während des Kalten Kriegs sowohl das Interesse wie den Verdacht der US-amerikanischen Behörden; 1956 wurde Reich verhaftet und zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Nachdem er die Strafe im März 1957 angetreten hatte, verstarb er am 3. November im Gefängnis, nach offizieller Version an Herzversagen.

Helmut Dahmer hat, in fundierter, nicht unfreundlicher Auseinandersetzung gemeint: "Reichs Lebenswerk ist die konsequente Entfaltung einer naturalistischen, aus Freuds Trieblehre destillierten Anthropologie zu einer naturwissenschaftlich aufgemachten, ontologisch gefassten Lebens- und Heilslehre." Dabei hatte dieses Werk durchaus Wirkungen entfaltet. Erich Fromm, der schon 1930 fürs Frankfurter Institut für Sozialforschung eine empirische sozialpsychologische Studie über Berliner Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Faschismus durchgeführt hatte, die aber erst später veröffentlich wurde, übernahm Motive von Reichs Werk für die Analyse des autoritären Charakters, ohne Reichs Vorarbeiten angemessen zu würdigen; auch die Gestalttherapie von Frederik S. Perls bediente sich bei dessen ursprünglich ganzheitlichem Ansatz. Die 68er-Bewegung griff Reichs sexualpolitische Schriften begierig auf. "Die Funktion des Orgasmus" (1927) und "Die sexuelle Revolution" (1945) gehörten bald zur Grundausstattung jeder WG. Dabei faszinierte sowohl der politisch revolutionäre Anspruch als auch die Tatsache, dass Reich an die Stelle der selbstreflexiven Aufklärung der eigenen Genitalität deren Apotheose setzte, die es mittels allerlei Techniken zu befreien galt. Umgekehrt wollten einige Reich-JüngerInnen insbesondere in den USA sein Erbe in "unverfälschter" Form weitertragen und versuchten und versuchen bis heute, auch seine technizistischen Experimente zur Orgonenergie durch die Zeitumstände zu rechtfertigen oder gar als Verwirrspiel gegenüber den US-amerikanischen wie den sowjetischen Geheimdiensten zu erklären. Kommt hinzu, dass die erst später veröffentlichten frühen Aufzeichnungen von Reich einen kaum reflektierten Umgang mit der eigenen Sexualität dokumentieren, bereits als Jugendlicher als Sohn eines mittelgrossen Landbesitzers mit Dienstmädchen und Prostituierten, später als Analytiker mit Patientinnen, wobei ihm Liebe, Triebe und übertragung wiederholt durcheinander geraten. Wie so oft bei Pionieren ist sein Bild mittlerweile im Spiegelkabinett von Sektierereien, Beschuldigungen und Verschwörungstheorien verschwommen.

Er hat es übrigens auch in die Popkultur geschafft. Bereits 1973 spielten die SF-Rocker von Hawkwind das Stück "Orgone Acumulator" ein, ein wilder elektronischer Ritt, in der die Energetik der Musik die Frage hinfällig macht, wie ernst die textliche Bezugnahme gemeint sei; siehe. Und 1985 veröffentlichte die unvergleichliche Kate Bush ein Lied, das mit den Zeilen beginnt: "I still dream of Orgonon". Orgonon war ja die Heimatstätte und zugleich das Laboratorium von Wilhelm Reich gewesen. Der Song heisst "Cloudbusting", und er handelt von Reichs Regenmaschine. Nun ist man sich von Kate Bush Etliches gewöhnt; sie hat mal ein Lied geschrieben, in dem die häuslichen Wonnen einer Waschmaschine beschrieben werden. Aber wie ist sie bloss auf Reichs Orgonon gekommen, und was hat es mit der Regenmaschine auf sich? Sie selbst hat berichtet, dass sie kaum etwas von Wilhelm Reich wusste, als sie den Song schrieb. Angestossen wurde der vielmehr durch die Veröffentlichung "The Book of Dreams" von Peter Reich. Der Sohn von Wilhelm Reich, 1944 geboren, hatte seinen Vater nur als Heranwachsender erlebt, da Wilhelm Reich 1957 während einer politisch motivierten Gefängnisstrafe gestorben war. 1973 veröffentlichte Peter Reich eine lyrische Evokation an den verlorenen Vater, der ihm als faszinierender Schamane erscheinen wollte. Das Sujet musste Bush ansprechen, und fürs entsprechende Musikvideo gewann sie den Schauspieler Donald Sutherland, der ein paar Jahre zuvor tatsächlich mal Wilhelm Reich gelesen hatte, für eine Rolle in Bernardo Bertoluccis "Novecento" (1976). Das Video, mit Kate Bush als staunendem Buben, lässt sich heute nur noch aus ethnologischer Distanz beobachten, siehe. Aber darüber legt sich der weiterhin betörende Sound mit seinem insistierenden Rhythmus, der ein Kind, einen Sohn auf der Suche nach seinem Vater zwischen Verzweiflung und Hoffnung zeigt. Nachdem "the men in power" gekommen sind, um den Vater abzuführen, gelingt es dem Jungen, die Regenmaschine in Gang zu setzen, und als Regen niederprasselt, wird die Geschichte im Crescendo zur Emanzipationsgeschichte: "The sun’s coming out / your son’s coming out".

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In der Politisch-philosophischen Bibliothek f stehen zehn Titel von und fünf über Wilhelm Reich; zumeist eingeordnet unter Psychoanalyse/Psychologie, aber eine jüngere Ausgabe zur "Massenpsychologie des Faschismus" steht auch in der Abteilung zum Faschismus, und die pseudonym erschienene Schrift "Was ist Klassenbewusstsein?" ist unter den Dokumenten zur Geschichte der Arbeiterbewegung zu finden.


Zur Kritik der Weiblichkeit

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Eine Biene, die Honig aus einer Blüte saugt: So symbolisiert ein Ex Libris, das die anonyme Künstlerin LRz für Anni Breuer geschaffen hat, offensichtlich das Lesen. Eingeklebt hat Anni Breuer ihr Buchzeichen in den Band "Zur Kritik der Weiblichkeit " der österreichischen Frauenrechtlerin Rosa Mayreder, der sich im bücherraum f findet. Dazu liesse sich nun folgende Hypothese entwickeln. Mayreders Buch erschien erstmals 1905. Kaum zehn Jahre zuvor waren die Bahn brechenden Studien über Hysterie von Josef Breuer und Sigmund Freud erschienen. Die Wienerin Mayreder kannte den Wiener Psychiater Breuer sicherlich; tatsächlich gibt es Anknüpfungspunkte via den Komponisten Hugo Wolf, den Mayreder mäzenatisch unterstützte und der unter anderem die Kinder von Josef Breuer unterrichtete. So hätte denn ihr Buch Eingang in den Breuerschen Haushalt gefunden, wo es mit einem Ex Libris versehen worden wäre. Doch leider hiessen weder Breuers Frau noch eine der drei Töchter Anni; zudem handelt es sich nicht um die Erstausgabe, sondern um ein Exemplar des sechsten bis achten Tausend aus dem Jahr 1922, und fernerhin ist auch nicht klar, ob diese Anni Breuer überhaupt in Wien lebte.

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Jedenfalls, das Buch selbst und seine Autorin sind höchst lohnend. Rosa Mayreder (1858 - 1938), Tochter eines wohlhabenden Wiener Gastwirts, betätigte sich schon früh künstlerisch, kämpfte gegen die Diskriminierung der Frauen in der Bildung und war 1893 eine der Initiatorinnen des Allgemeinen österreichischen Frauenvereins, Später gründete sie eine Kunstschule für Frauen und Mädchen, engagierte sich während des 1. Weltkriegs zusammen mit Bertha von Suttner in der Friedensarbeit und wurde 1919 Vorsitzende der "Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit " (IFFF), deren hundertstem Jahrestag ihrer Versammlung im Mai 1919 im Zürcher Glockenhof gerade dieser Tage gedacht wird.

"Zur Kritik der Weiblichkeit " fasste bereits 1905 mehrere ihrer Vorträge und Schriften zusammen und tönt zuweilen wie von heute in den LGBTQIA+-Debatten. "Welche biologische Notwendigkeit bestünde denn auch für eine essentielle Trennung der Geschlechter? ", fragt Mayreder und antwortet, indem sie sich, zeitgemäss, auf die damaligen naturwissenschaftlichen Ansätze bezieht: Keine. "Daher können die Unterschiede, die das Geschlecht mit sich bringt, nur relative, keine absoluten sein und in die Konstitution nicht tief genug eingreifen, um die Einheit des Gattungscharakters aufzuheben. " Am Ende des Bandes tritt einem entsprechend "das Ideal einer Menschlichkeit entgegen, in der dem Geschlecht eine schönere und glücklichere Bedeutung eingeräumt ist, als es bisher besessen hat ", nämlich eine "Lebensform, in der die Möglichkeit liegt, die Bande des Geschlechtes ohne Verneinung zu überwinden ".

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Zwischen diesem Anfang und dem Ende gibt es die Kritik: Mayreder nimmt sich scharfzüngig männliche (und weibliche) Meinungen zur "Frauenfrage " vor, bösartige etwa von Cesare Lombroso oder von Nietzsche und differenziertere, etwa von Henry Havelock Ellis. Und es gibt die Pragmatik: Mayreder wendet sich als (linke) Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung gelegentlich gegen die sozialistische Frauenbewegung und deren generalisierende, vor allem ökonomische Forderungen, weil man allen Frauen individuelle, eigenständige Entscheidungen zugestehen müsse. Immer wieder zeigt sich ein erfrischend nüchterner, konkreter Blick, etwa wenn sie herkömmliche Männlichkeitsbilder historisiert. "Es ist für die asiatischen Männer ein ehrendes Zeugnis, dass sie innerhalb ihres originären Kulturkreises die Erfindung des Pulvers hauptsächlich ästhetischen Zwecken dienstbar machten und seine tödlichen Eigenschaften in Feuerwerkskünsten spielerisch zu verpuffen liebten. Waren die europäischen Männer um soviel kriegerischer, um soviel todesmutiger, als sie die furchtbarste Mordwaffe daraus schufen? Oder waren sie nur von allen guten Instinkten der primitiven Männlichkeit schon zu sehr verlassen? " Da werden die Kriterien von Kultur und essenzialistischen Zuschreibungen ironisch neu angeordnet: höchst modern.

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Rosa Mayreders "Zur Kritik der Weiblichkeit " findet sich in der Bibliothek schema f im bücherraum f unter dem Sigel L 54a. Letztmals ausgeliehen worden ist das Buch am 3. Februar 1991; Zeit also für eine Neubesichtigung.


"gesunder menschenverstand und internationaler horizont"

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Jetzt ist die "neutralität" beinahe vollständig. Aus dem Nachlass eines befreundeten Ehepaars besass der bücherraum f bislang ein Set, in dem etwelche Nummern fehlten, quer durch die Jahrgänge hindurch. Nun haben wir verdankenswerterweise ein umfangreicheres Set aus "Gretlers Panoptikum zur Sozialgeschichte" bekommen. Die Bestände aus dem unvergleichlichen Panoptikum suchen ja gegenwärtig einen neuen Platz in verschiedenen Bibliotheken und Archiven. Im bücherraum f beginnt die "neutralität" jetzt also mit der Nummer 1 aus dem Juli 1963, und alle Hefte sind in schönen Schubern untergebracht, handgefertigt von der Familie Gretler. Nur, mäkelt eine Kollegin, die beim Einordnen hilft und aus einem Druckereibetrieb stammt, die Zeitschrift selbst ist unregelmässig beschnitten, zuweilen einen Millimeter höher, und das mindert gelegentlich den optischen Eindruck, wenn man die Hefte vor sich ausbreitet. Lässliche Sünde.

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Die "neutralität" wurde 1963 vom damals 24-jährigen Paul Ignaz Vogel als "kritische schweizer zeitschrift für kultur und politik" gegründet. Gegen die verhockte Lage im Kalten Krieg und die fraglose Einordnung der Schweiz ins antikommunistische Lager bringt Vogel vier Stichworte in Anschlag: "gesunder menschenverstand", "toleranz", "demokratie und neutralität" sowie "internationaler Horizont". In der ersten Nummer heisst ein Beitrag etwa: "kann man mit den russen sprechen?", geschrieben von Erich Müller-Gangloff, Leiter der evangelischen Akademie in Berlin - die Titel der Zeitschrift setzt Vogel jeweils in konsequenter Kleinschreibung, während die Artikel in normaler Orthografie daherkommen. Daneben wird ein Bericht über Probleme beim Aufbau des jungen algerischen Staats abgedruckt oder einer über "das negerproblem in den usa". Die Neutralität der "neutralität" ist zuweilen noch unsicher. Ein Beitrag eines indischen Politologen über "die zukunftsaussichten des kommunismus in südasien" analysiert scharfsinnig die "Stalinisierung" der chinesischen Kommunisten, die nationales und soziales Interesse kurzschlössen, beklagt aber, kurz vor der US-Intervention in Vietnam, die Neutralität des USA und fordert, wohl aus indischer Sicht, ein schärferes Vorgehen gegen China. Vogel druckt auch Beispiele bildender Kunst ab und installiert einen "Jazzcorner", in dem Musiker wie John Coltrane, Sonny Rollins und Pierre Favre auf ihre innovative Kraft abgehorcht werden.

Bereits in Nummer 2 kommt Arnold Künzli zu Wort, der bald regelmässiger Mitarbeiter wird. In Nummer 3 gibt es ein Interview mit dem "Chefideologen" der Schweizer Kommunisten, Konrad Farner, insbesondere zu China. Und einen "brief an einen freund jenseits der grenze" von Heinrich Böll. Den zweiten Jahrgang Mitte 1964 nimmt man immer noch in beengten finanziellen Verhältnissen aber doch guten Mutes in Angriff, denn es geht aufwärts, und schon bald kann die "neutralität" auf die wichtigsten Autoren aus der Schweiz zählen.

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Die "neutralität" wird zu einem Organ des Nonkonformismus. Diese lose Bewegung ist von Fredi Lerch in seinem Buch "Muellers Weg ins Paradies. Nonkonformismus im Bern der sechziger Jahre" (Rotpunktverlag 2001) umfassend aufgearbeitet worden; auch es steht im bücherraum f. Neben jüngeren Autoren äussern sich auch Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt; in einem Heft von 1966 finden sich zum Beispiel ökumenisch Karl Jaspers und Sergius Golowin nebeneinander. Die Zeitschrift geht zahlreiche Tabuthemen an: die Schweiz im Zweiten Weltkrieg, die Armee, eidgenössischer Waffenhandel, Vietnam, Fremdarbeiter, der Jurakonflikt. Im Maiheft 1968 werden 55 "freie Mitarbeiter" aufgelistet: ein Who is Who der schweizerischen (und ein wenig der deutschen) Kulturszene - allerdings ist eine einzige Frau vertreten. 1969 legt sich Vogel mit Bundesrat Ludwig von Moos an. Er wirft diesem vor, er sei in den 1930er-Jahren dem völkischen Antisemitismus nahe gestanden, und fordert seinen Rücktritt, was Vogel im politischen Establishment endgültig zur persona non grata macht, Später stellt sich heraus, dass er seit 1962 fichiert worden war.

Kurz vor und im Gefolge von 68 wird die alternative Presselandschaft vielfältiger, verfestigt sich allerdings parteipolitisch. Paul Ignaz Vogel versucht ab 1970 eine Zusammenarbeit mit der SP, zugleich mit der 1968 gegründeten Literaturzeitschrift "drehpunkt". Das Experiment mit der SP scheitert bald; der "drehpunkt" setzt sich seinerseits ab, während die "neutralität" ins finanzielle Trudeln gerät und im November 1974 eingestellt wird.

Für das geistige und politische Klima der sechziger Jahre bleibt sie ein unverzichtbares Dokument. In die kleinen, handlichen Hefte kann man sich jetzt im bücherraum f vertiefen. In beinahe alle. Es fehlen weiterhin zehn Nummern, je eine aus dem ersten und dem sechsten Jahrgang, und ein paar gegen Schluss, als die "neutralität" ihre Dringlichkeit verlor. In einem im Internet zum Kauf angebotenen Konvolut fehlen jene beiden Nummern aus den früheren Jahren ebenfalls. Diese Spurensuche geht also weiter.

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Die "neutralität" befindet sich im bücherraum f im mittleren Raum im Buchgestell rechts unter dem Sigel Z (Zeitschriften).


Vom Schwimmen in Bibliotheken

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Wer wäre nicht schon dieser Leser, oder diese Leserin, gewesen, dem "die Bücherwände, die ihn jahrelang berückt hatten, immer näher rückten", und der sich fragte, wie man angesichts all dieser Bücher bestehen könne "in der hochkonzentrierten Anmassung anerkennungspflichtiger Autoritäten". In einem hübschen Prosaband hat Ernst Strebel solche Bedrückungszustände in verschiedenen imaginären Bibliotheken erkundet, und schlägt zugleich Abhilfen vor.

Eine seiner eher abschreckenden Bibliotheken zwingt die LeserInnen zu verstärkter Aufmerksamkeit, indem sie ihnen Kartonröhren über die Arme streift, so dass sie beim Umblättern der Seiten zurücktreten müssen und sich nie in den Büchern verlieren, sondern immer daran erinnert werden, dass sie diesen gegenüber in der Pflicht stehen. LeserInnen sind zumeist auch aspirierende SchreiberInnen, doch wenn sie alles in das Schreiben eines einzigen Buchs investieren, können sie beim vorbereitenden Lesen im "Lesesaal der Lebensleser" verloren gehen; so wie bei der Reise zum Buch des Lebens, das in einer fernen Bibliothek steht, die sich wie das Gesetz bei Kafka der Annäherung entzieht.

Diesen vielfach gebeutelten LeserInnen werden dann Distanzierungen angeboten, wenn mögliche andere Funktionen von Bibliotheken umkreist werden. In der "Bibliothek der Entleerung" zum Beispiel kann "der Leser alles vergessen, was sich aus Büchern je in ihn gedrängt hat", und das mag man gelegentlich seufzend durchaus ins Auge fassen, wobei die entsprechende Anlage notgedrungen ein "bedeutender Palast" ist.

Doch werden perspektivisch auch neue Standorte erprobt. Etwa Freihandbibliotheken entlang der - noch vor der Ausrufung des Klimanotstands - geschlossenen Autobahnen, wo Dreiräder bereitstehen, um den kilometerlangen Buchkolonnen entlang zu radeln. Dabei verbinden sich Lesen und Lernen mit der körperlichen Erfahrung, ein Buch aufzusuchen und unter ungewohnten Umständen zu lesen, was wiederum neue Leseformen sich entwickeln lässt, etwa der gemeinsame Austausch mit andern auf Dreirädern unterwegs befindlichen Lesern. Was zugleich die Offenheit fördert, wenn LeserInnen ihren ursprünglichen Leseplan aufgeben: "Anderntags werden sie die Einfahrt wechseln, neue Lesebahnen befahren und das gewählte Buch an einem andern Autobahnabschnitt messen."

Eine besonders anziehende Utopie ist die "dezentralisierte Bibliothek": Alle Bibliotheken sind aufgelöst und die Bücher auf Privatwohnungen aufgeteilt, wo prospektive LeserInnen sie aufsuchen, um sogleich in den sozialen Konnex vor Ort eingebunden zu werden und statt zu lesen vielleicht bei der Neuausstattung der Wohnung zu helfen. Verordnet worden ist das nach der Umwälzung vom Revolutionsrat, und so hat diese partielle Auflösung der Privatsphäre doch auch einen Geschmack von Erziehungsdiktatur und Dystopie. Man kann sich ebenfalls eine Bibliothek der Singenden vorstellen oder eine, in der die Lesenden nach Abschluss ihrer Lektüre das Gelesene bei einem gemeinsamen Fest "nach aussen kehren" sollen, in Rede, Haltung oder auch Tanz; und man kann sich ausmalen, dass jede Stadt einen "Biblioplatz" besitzt, auf dem sich die Worte eines Buchs abschreiten lassen. Das alles ist so fantasievoll ausgedacht wie in den Details ausgeklügelt beschrieben. Item, zum Schluss schreitet der Leser aus dem Lesesaal "unbehelligt zwischen den Bücherwänden hindurch in den hellen Tag" - was wir natürlich nicht als Absage ans Lesen interpretieren wollen, sondern als Plädoyer für einen gereifteren, verantwortungsvolleren, ertragreicheren etc. pp. Umgang mit Büchern.

In einem Anhang wird darauf hingewiesen, welche realen Bestände sich wohl in den einzelnen imaginären Bibliotheken finden liessen - da schreitet man dann in den hellen Tag der leibhaftigen Bücher hinein.

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Ernst Strebel: "Die imaginären Bibliotheken". Prosa. Die Reihe Nr. 44. Wolfbach Verlag. Zürich 2017. Englische Broschur. 84 Seiten.
Das Buch befindet sich im bücherraum f im mittleren Raum links unter der Rubrik W (Bibliografische Werke)


Afrikanische Heldinnen, richtig und falsch

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Eine "faszinierende Studie" über schwarze Frauen, die laut Klappentext "durch ihre Taten die Kämpfe der Menschheit unterstützt haben" präsentierte der Publizist und Afrika-Kenner Ruedi Küng kürzlich im bücherraum f. Und zwar Sylvia Serbins Buch "Reines d’Afrique et héroïnes de la diaspora noire", das 2004 auf Französisch erschien und 2006 ins Deutsche übersetzt wurde. Es enthält unerlässliche Informationen für eine andere Geschichtsschreibung Afrikas aus weiblicher Perspektive. Zugleich handelt es sich bei der deutschen übersetzung um einen veritablen Skandal. Das lässt sich jetzt im bücherraum f überprüfen.

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Die in vielem bahnbrechende Studie von Sylvia Serbin wurde auf Deutsch 2006 im renommierten Peter Hammer Verlag veröffentlicht. Der ist normalerweise eine gute Adresse für Literatur aus dem globalen Süden. Die Reaktionen in der Presse waren positiv. In der "Süddeutschen" hiess es, die Autorin bringe mit ihren gut recherchierten Porträts viel Neues zu Tage und verbinde immer wieder "vortrefflich Biografie und Zeitgeschichte". Auch im "Deutschlandfunk" meinte ein Rezensent: "Geschickt vermengt mit den biografischen Aspekten der 22 Frauen wird eine Kultur- und Zivilisationsgeschichte, eine <kleinteilige> Gesellschafts- und Kriegsgeschichte, eine Religions- und Bildungsgeschichte der afrikanischen Reiche und Staaten des Westens des Kontinents erzählt."

So weit, so erfreulich. Dumm nur, dass die Autorin bis kurz vor Drucklegung nichts von der übersetzung weiss. Als sie die via eine Rückübersetzung zu Gesicht bekommt, ist sie schockiert und protestiert gegen die ihres Erachtens damit vorgenommene Verfälschung ihres Textes. In einem Artikel auf afrikanet.info dokumentiert sie den Ablauf der übersetzungssaga. Erstens hat der französische Verlag ihr gegenüber jede Informationspflicht verletzt. Zweitens stellt sie eigenmächtige Zusätze und inhaltliche Veränderungen im deutschen Text fest. So sind zum Beispiel einzelne Bildlegenden ins Gegenteil verkehrt. Nach einer entschiedenen Intervention muss die deutschsprachige Version 2007 vom Markt genommen werden; sie ist in den online-Katalogen der schweizerischen Bibliotheken sowie beim Verlag selbst nicht mehr verzeichnet.

Dafür steht sie jetzt im bücherraum f. Ruedi Küng hat uns nicht nur ein Exemplar des Buchs geschenkt, sondern auch verschiedene Dokumente beigefügt, etwa den Protestbrief von Serbin. Und er hat dem Kapitel über Nofretete sowie demjenigen über Nandi, die Mutter von Shaka, dem Gründer des Zulureichs, mehrere Seiten aus dem französischen Original beigelegt. So lässt sich überprüfen, dass der deutsche Text tatsächlich eine sehr freizügige <Interpretation> der Vorlage ist. Da hat sich offenbar jemand als übersetzerin ausgetobt, die mehr wusste, oder zu wissen vermeinte, als die Autorin. Ganze Passagen sind hinzugefügt oder umgestellt; der Stil ist ein ganz anderer, von Fehlern im Details zu schweigen. Zuweilen werden Aussagen von Serbin angeblich aufgrund neuerer Forschungen mehr oder weniger explizit <richtiggestellt>. Das wäre als wissenschaftlich dokumentierte Auseinandersetzung womöglich aufschlussreich, doch dies als übersetzung eines Originals auszugeben ist inakzeptabel.

Das Buch und seine Beilagen dokumentieren also eine interkulturelle Verlags- und Kulturgeschichte. Eine Fussnote dazu liefert allerdings auch der Protestartikel von Sylvia Serbin auf afrikanet.info: Der ist so ins Deutsche übersetzt, dass man zuweilen den frühen Babel Fish am Werk vermutet.

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Der Band befindet sich in der Politisch-philosophischen Bibliothek im Gestell 13 unter dem Sigel DM.2 (Südliches Afrika)


Neun Laufmeter

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Neun Laufmeter mit Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln: Die Politisch-philosophische Bibliothek f besteht nicht nur aus über 8000 Büchern, sondern auch aus zahlreichen Dossiers. Sie stehen in rund achtzig Archivschachteln zur Verfügung. Die vorliegenden Dossiers sind zum grossen Teil im Zusammenhang mit der Arbeit an realisierten und geplanten Themenheften der Theoriezeitschrift "Widerspruch" der Nummern 1 bis 62 (1981 bis 2012) entstanden. Sie sind teilweise TheoretikerInnen und deren Werk zugeordnet, teilweise umfassen sie übergeordnete Themenkomplexe.

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Das gesammelte Material besteht vorwiegend aus Zeitungsartikeln, also Interviews, Porträts, Kongressberichten, Rezensionen, Essays und Zeitschriftenbeiträgen; gelegentlich sind auch Sondernummern von Zeitschriften und Broschüren eingeschlossen. Die Materialien ergänzen Buchbestände der Politisch-philosophischen Bibliothek f im bücherraum f und dokumentieren einige zeitgenössische ideologische Auseinandersetzungen in den Feuilletons und in Zeitschriften.

Die Dossiers sind breit gefächert. Schwerpunkte sind etwa der Diskurszusammenhang um 68, die kritisch-emanzipatorische Philosophie in Deutschland im 20. Jahrhundert, insbesondere die Frankfurter Schule, ferner die französische poststrukturalistische Debatte sowie konservative Denker des Liberalismus wie Friedrich August von Hajek, aber auch Themenkomplexe wie "Zeit" oder "Nationale Identität".

Wer also zum Beispiel eine Rezeptionsgeschichte zum Grossintellektuellen Jürgen Habermas schreiben will, findet im bücherraum f vielfältiges Material aus deutschen und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften linker wie bürgerlicher Provenienz. Dokumentiert sind etwa seine Stellungnahmen zur EU und zu Europa, die Auseinandersetzung mit Peter Sloterdijk und generell seine Bemühungen um eine kritische Sichtung des Erbes der Aufklärung.

Alle Dossiers sind stichwortartig in separaten Verzeichnissen innerhalb der Politisch-philosophischen Bibliothek f aufgelistet.

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Die Dossiers der Politisch-philosophischen Bibliothek f befinden sich im mittleren Raum im Doppelschrank links vom Eingang.


bücherraum f - das erste Halbjahr

20000 Bücher. So viele haben wir in der ersten Jahreshälfte von Schwamendingen beziehungsweise Aussersihl nach Oerlikon und in den bücherraum f transportiert. 12000 Stück der Frauenlesbenbibliothek schema f, einst im Zürcher Frauenzentrum an der Mattengasse untergebracht, seit 2008 in einen Keller verbannt. Dann die Politischphilosophische Bibliothek f, aus den Beständen um die Zeitschrift "Widerspruch" entstanden, mit 8000 Titeln. Alles handverlesen ein- und ausgepackt. Ein Universum, das neu zu ordnen war.
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Die Macht auf Karten

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Der Name allein ist schon beinahe den Preis von einem Shilling wert: "The Plebs Atlas" nennt sich diese dicke Broschüre ebenso schnörkellos wie trotzig. 58 Karten auf starkem gelbem Kartonpapier enthält sie. Herausgegeben 1926 in London "für Werkstudenten" von "The Plebs League", eine linke Bildungsorganisation aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Die Darstellungen, sagt der Bearbeiter, sind auf das Wesentliche reduziert. Keine unnötigen Städtenamen und andere Kinkerlitzchen: Jede Karte soll sich auf eine einzige Aussage konzentrieren.

Mit dem Wesentlichen sind die Machtbeziehungen zwischen Staaten und Nationen gemeint. Es geht um Einflussgebiete und Abhängigkeiten im imperialistischen Zeitalter. Jenes Imperialismus, der die Welt umschlingt, oder doch nicht ganz, denn es gibt ja noch die Sowjetunion. Das ist nicht orthodox kommunistisch gemeint, das Vaterland der Werktätigen als Mutterland der Friedensvölker, sondern etwas nüchterner, als Gegengewicht zu den kapitalistischen Blöcken. Noch stehen die europäischen Mächte im Vordergrund, Grossbritannien, Frankreich, auch Italien. Die USA sind nicht ganz die globale hegemoniale Macht wie heute; dafür wird China ein bemerkenswertes Gewicht eingeräumt - sowohl die innerchinesischen Herrschaftsgebiete der verschiedenen Warlords wie die Rivalität mit Japan und die strategische Konfrontation mit Grossbritannien via Singapur und Australien werden veranschaulicht.

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Der Ansatz ist vorerst klassisch materialistisch: die Wirtschaft und noch spezifischer die Schwerindustrie als Basis der Gesellschaft. Der Kampf um die ölfelder im Nahen Osten wirkt wie von heute. Eine regionale Karte zu Grossbritannien zeigt, wie die ehemalige Vorherrschaft der dicht besiedelten Gebiete in Südengland durch sechs Industriegebiete abgelöst worden ist; ein Verhältnis, das sich längst wieder verkehrt hat, und man könnte über diese Karte fast, aber nur fast, die Resultate der Brexit-Abstimmung legen, in der die de-industrialisierten Regionen ihren Protest ver-rückt ausdrückten. Doch ist nicht die eigentliche Realität in die Funktionale gerutscht, wie Bertolt Brecht wenig später in seinen Anmerkungen zum Dreigroschenprozess 1931 apropos Theater und Fotografie bemerkte? Diese Kartografie für den Plebs scheint sich dem entziehen zu wollen. Machtinteressen und -ambitionen werden durch mehr oder weniger dicke Pfeile gezeigt, Kreise und Ellipsen fassen Einflusssphären zusammen, und die subalternen Länder und Gebiete werden durch gleiche Schraffuren dem jeweiligen Zentrum unterstellt.

Natürlich ist es nicht ganz so einfach.

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Wenn in Europa Jugoslawien, die Tschechoslowakei, Rumänien und Polen der französischen Einflusssphäre zugeschlagen werden und Norwegen, Finnland sowie die baltischen Republiken der britischen, so gehen neben wirtschaftlichen implizit auch historische und kulturelle Faktoren in diese Zuordnung ein.

Im Rückblick werden Eingelöstes und Uneingelöstes sichtbar: Der privatwirtschaftliche "europäische Stahltrust" in Belgien, Nordostfrankreich, Luxemburg und Westdeutschland bildet das ab, was nach dem Zweiten Weltkrieg als staatliche Montanunion den Grundstein zur Europäischen Gemeinschaft legte. Dagegen schenkt uns der Atlas zum Schluss "A Workers United States of Europe", freilich mit einem Fragezeichen versehen. Diese ArbeiterInnen-EU basiert auf westeuropäischer Kohle und Eisen und osteuropäischen Weizen, Holz und Oel. Historisch gesehen hat sich das blutig blamiert, was die Erinnerung an eine transnationale Solidargemeinschaft nicht überflüssig macht.

Zu konsultieren ist "The Plebs Atlas" in der Bibliothek im bücherraum f.

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The Plebs Atlas befindet sich im bücherraum f im mittleren Raum im Gestell links unter dem Sigel R (Referenzwerke)


Der intellektuellen Emanzipation Raum geben.

Zur Eröffnung des bücherraum f

"Le livre est l’égalite des intelligences."
Jacques Ranciére: Le maïtre ignorant. Cinq leçons sur l’émancipation intellectuelle, Paris 1987.

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Was die Aufstockung der Bestände angehe, seien unsere Platzmöglichkeiten leider beschränkt, haben wir im Zwischenbericht Ende Juni wissen lassen. Sie sehen jetzt mit eigenen Augen, dass das nicht aus der Luft gegriffen war. Zum Glück haben wir angefügt, "gezielte Ergänzungen" seien willkommen. Denn: Ich mache von dieser Möglichkeit Gebrauch und schenke dem bücherraum f zu seiner Eröffnung ein Buch. Le maïtre ignorant. Cing leçons sur l’émancipation intellectuelle von Jacques Ranciére, auf Deutsch: Der unwissende Lehrmeister. Fünf Lektionen zur intellektuellen Emanzipation. Es ist 1987 in Frankreich erschienen, als dort weit und breit über eine Schulreform debattiert wurde. Warum schenke ich dem bücherraum f ausgerechnet dieses Buch? Zunächst aus Zufall: Ich habe es gelesen, während die Idee für diesen Raum langsam Form annahm. Bei der Lektüre drängte sich mir der Eindruck auf, was darin zum Thema intellektuelle Emanzipation stehe, sei interessant für die Frage, was der bücherraum f - jenseits des Wortwörtlichen: eines Raums voller Bücher - eigentlich sein oder werden soll. Zweitens drehen sich beide Bibliotheken des bücherraums um eine Form der Emanzipation: Um die "soziale" diejenige aus dem Umfeld der Zeitschrift "Widerspruch. Beiträge zu sozialistischer Politik" und um die "geschlechtliche" oder "sexuelle" diejenige des schema f. Ranciére selbst stammt aus der derjenigen Tradition, die ich eben "soziale Emanzipation" genannt habe, genauer aus dem Marxismus und der Arbeiterbewegung der französischen Nachkriegszeit. Von Ranciére stehen dementsprechend schon einigeuuml;cher in unseren Regalen, zum Beispiel La leçon d’Althusser von 1974, mit der er eine bissige Kritik am damaligen akademischen und parteipolitischen Marxismus formulierte. Ranciéres Kritik an der marxistischen Tradition, aus der er selbst stammt, dreht sich im Kern um die Frage, was Emanzipation heisst und wie sie zu erreichen ist. Das ist insofern interessant, als ihn diese Frage, so denke ich, in gewisser Weise mit der anderen Bibliothek des bücherraums f verbindet, die aus der Frauen- und Lesbenbewegung entstanden ist.

Und damit genug der Vorrede: Worum geht es in Le maître ignorant und worin sehe ich dessen Beitrag zur noch offenen Frage, was der bücherraum f ist und werden soll? Das Buch erzählt die Geschichte von Joseph Jacotot, der im Jahr 1818 einigermassen zufällig zur überzeugung gelangte, dass alle Menschen die gleiche intellektuelle Kapazität haben. Jacotot war damals Professor für französische Literatur an der Universität in Löwen bzw. Louvain, das zu dieser Zeit zum Königreich der Vereinigten Niederlande gehörte. Als Verfechter der Revolution war er 1815 nach Löwen geflohen, nachdem die Bourbonenmonarchie nach Frankreich zurückgekehrt war. An der Universität in Löwen sah er sich mit der Situation konfrontiert, dass viele seiner Studierenden kein Wort Französisch konnten und er selbst überhaupt kein Holländisch. In dieser Situation griff er auf eine zweisprachige Ausgabe des Buchs Die Abenteuer des Telemach des französischen Schriftstellers François Fénelon zurück, die in diesem Jahrin Brüssel erschienen war. Mit Hilfe eines übersetzers forderte er seine Studierenden auf, das Buch auf Holländisch zu lesen und sich mit Hilfe der übersetzung Französisch beizubringen. Als sie in der Mitte des ersten Bands angekommen waren, forderte Jacotot dazu auf, unaufhörlich zu wiederholen, was sie gelernt hätten und den Rest des Buchs so zu lesen, dass sie es nacherzählen könnten. Am Schluss dieses Kurses, der eigentlich nur aus Selbststudium bestanden hatte, mussten die Studierenden auf Französisch zu Papier bringen, was sie vom Gelesenen dachten. Was den Ausgang des Experiments anging, hatte Jacotot, wie Ranciére schreibt, sehr tiefe Erwartungen. Schliesslich hatte er während des Kurses keine Gelegenheit gehabt, seine Erklärungen und Interpretationshilfen anzubringen und Französisch war eine neue Sprache für die meisten seiner Kursbesucher. Zu seiner überraschung waren die Resultate der auf sich selbst Gestellten ähnlich gut, wie diejenigen, die er an einer französischen Universität erhalten hätte. Braucht es vielleicht, fragte sich Jacotot, nichts mehr als Wille, um etwas zu schaffen? Waren alle Menschen im Prinzip fähig, zu verstehen, was andere gemacht und verstanden hatten? Und was hiesse das für die Erklärungen und Lernhilfen der Lehrmeister, wie er einer war? Waren sie überflüssig? - und wenn nicht, wofür waren sie dann gut?

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Jacotots Leben und Wirken nach dieser einschneidenden Erfahrung standen im Zeichen der Annahme, dass alle Menschen im Prinzip die gleiche Intelligenz haben. Das wiederum bedeutete, dass er mit der herkömmlichen Welt der Wissenschaft und der Pädagogik brach, aus der er selbst stammte. Stattdessen gründete er eigene Schulen und Zeitschriften und schrieb Bücher über die intellektuelle Emanzipation und das, was er "enseignement universel" nannte.

Im Kern ging es Jacotot nicht darum, seinen Schülerinnen und Schülern etwas beizubringen, sondern sie intellektuell zu emanzipieren. Dafür musste man etwas, irgendetwas Erstes lernen und dann ausgehend von dieser ersten Lernerfahrung sich selbst auf den Weg machen, die Welt der Zeichen, Objekte und Phänomene zu erkunden. Wichtig dabei: Intellektuell emanzipiert sein, heisst: niemanden für dümmer als sich selbst zu halten und auch niemanden für klüger. Das war eine Kritik an der Ordnung des Erklärens und den wissenden Lehrmeistern, die ihr Wissen vermitteln und dabei immer schön Rücksicht nehmen auf die Reife der Intelligenz, mit der sie es zu tun haben, um niemanden zu überfordern. Jegliche Pädagogik, so könnte man Jacotots Position kurz zusammenfassen, wirkt abstumpfend und verdummend. Das heisst nicht, dass es der klassischen Lehrmeisterei nicht gelingen kann, jemandem etwas beizubringen. Was sie aber nebst der Materie immer mitvermittelt, ist Folgendes: Es gibt Klügere und Dümmere, Intelligenz ist ungleich verteilt. Auf der Skala von dumm bis klug sind Fortschritte möglich, aber nur unter kundiger Anleitung und abgestuft nach dem intellektuellen Potential der Schülerin oder des Schülers.

Der unwissende Lehrmeister ist demgegenüber jemand, der oder die sich nicht darauf konzentriert, jemandem etwas zu lehren, sondern darauf achtet, ob der lernende Mensch aufmerksam bei der Sache ist, die sie oder er sich beibringen will. Eine unwissende Lehrmeisterin unterrichtet, indem sie sicherstellt, dass die Lernenden kontinuierlich am Suchen sind. Wer sucht, die oder der findet. Vielleicht nicht das, was man ursprünglich gesucht hat, aber irgendetwas Neues. Und das wiederum kann mit den Dingen in Verbindung gebracht werden, die man schon weiss. Und so weiter und so fort.

Gut. Das kann man glauben oder nicht. Jacotot selbst hat gesagt: Ich bin überzeugt, dass alle Menschen die gleiche Intelligenz haben. Er könne es nicht im strengen Sinn beweisen. Was er aber in seiner Praxis als unwissender Lehrmeister tue, sei vorauszusetzen, dass alle Menschen gleich intelligent seien. Gleichheit, und das ist einer der vielen Punkte des Buchs, den ich faszinierend finde, ist demnach nicht ein Ziel, das es zu erreichen gilt. Gleichheit ist im Gegenteil der Ausgangspunkt - etwas, das vorausgesetzt werden muss. So gesehen kann man Gleichheit nicht verleihen und auch nicht einfordern, sondern nur praktizieren und verifizieren. Die Erfahrungen, die er dabei machte, bestärkten Jacotot in seiner überzeugung: Er blieb ihr bis zu seinem Tod im Jahr 1840 treu. "Ich glaube, dass Gott die menschliche Seele fähig geschaffen hat, sich selbst und ohne Lehrmeister zu unterrichten", kam auf seinem Grabstein auf dem Pariser Friedhof Pére Lachaise zu stehen.

Was hat das alles mit dem bücherraum f zu tun? Zunächst nur dies: Zwischen einem Buch und seiner aufmerksamen Leserin, seinem aufmerksamen Leser braucht es keine erklärende Instanz. Ein intelligenter Mensch hat das Buch geschrieben und wollte etwas sagen, ein anderer, gleichermassen intelligenter Mensch liest es und versucht, es zu verstehen. Ich denke der bücherraum f - als Raum voller Bücher - bietet Raum und Stoff, sich intellektuell zu emanzipieren. Wir sind weder eine Schule noch eine Universität: Es gibt und braucht hier keine wissenden Lehrmeisterinnen und Lehrmeister. Stattdessen stelle ich mir den bücherraum f als Ort vor, wo sich verschiedenste Menschen - als intelligente Wesen - gleichberechtigt begegnen können. Sei es in der stillen Lektüre oder in der lebhaften Diskussion.

"Das sind schöne Worte und das Buch zu diesem Jacotot klingt soweit auch ganz interessant. Aber mein Französisch..." Für den Fall, dass jemand so denkt, habe ich nebst dem französischen Original auch die deutsche übersetzung mitgebracht. Das heisst: Es ist im bücherraum f also künftig nicht nur möglich, die Geschichte und Philosophie Jacotots nachzulesen, sondern sich dabei à la Jacotot auch gleich noch Französisch im Selbststudium beizubringen.

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Jonathan Pärli, 08.09.2018


Die Ingenieurin und die Frau des Botanikers

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Vermutlich zwei Eichen im Vordergrund. Zwei Reihen anderer Bäume dahinter. Und Lilien in den vier Ecken. Nicht gerade virtuos, aber hübsch. Naturverbunden. So präsentiert sich das Ex Libris in einem Exemplar im bücherraum f. Das Buchzeichen schmückt ein eher unerwartetes Buch, 1956 von einem Mitglied des britischen Königshauses, ihre Hoheit Prinzessin Marie Louise, geschrieben. Der Ruhm dieser Enkelin von Königin Viktoria besteht vor allem darin, sechs britische Regentschaften miterlebt zu haben, von Viktoria bis Elisabeth II., und gelinde wohltätig gewesen zu sein.
Wie das Buch wohl in unsere Bibliothek gekommen ist? Wer weiss!

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Aber wir wissen, wem es einst gehört hat. Denn auf dem Ex Libris steht nicht nur der Name Caroline Haslett, sondern das Buch enthält auch eine persönliche Widmung an diese. Haslett (1895 - 1957) ist eine bekannte und imposante Persönlichkeit. Sie begann mit 18 Jahren als Kontoristin in einer Maschinenfabrik in London zu arbeiten, eignete sich im Ersten Weltkrieg Kenntnisse in der Produktion an und schloss darauf ein Studium als Elektroingenieurin ab. 1919, mit 24 Jahren, gründete sie die "Women’s Engineering Society " (was in einem Artikel auf der Website "Fembio " eher unelegant mit "Gesellschaft weiblicher Ingenieure" übersetzt wird), 1924 die "Electrical Association for Women". Da war die Konstruktion "for Women" geradezu Programm: Die Elektrizität sollte den Frauen dienen, insbesondere die Hausarbeit erleichtern - denn die "Elektrizität ermöglicht den Weg für eine höhere Gattung von Frauen - Frauen, die sich lästiger Pflichten entledigt haben, die Zeit zum Nachdenken und Selbstvertrauen haben ". Haslett gab zu diesem Zweck Zeitschriften heraus, organisierte Kongresse und sass in zahlreichen Kommissionen; von englischen Elektrizitätsarbeitern soll sie bewundern "Lady Dynamo " genannt worden sein. 1947 wurde sie von der neuen Labourregierung als einzige Frau in den Aufsichtsrat der Kommission berufen, die die staatliche Energieindustrie leiten sollte; im gleichen Jahr wurde sie als Dame Commander of the Order of the British Empire in den Adelsstand erhoben.

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Das Buch, das jetzt im bücherraum f steht, erhielt sie 1956, ein Jahr vor ihrem Tod. Das Buchzeichen allerdings ist einige Jahre älter. Datieren lässt es sich auf 1939, gezeichnet hat es Cicely Hurcomb. Zu Cicely selbst findet sich im Internet nichts, aber sie taucht doch auf, als Anhängsel, einmal ihres Vaters, einmal ihres Mannes. Die Recherche in Bibliotheken in England muss warten, deshalb hier vorerst, was sich aus dem Internet erschliessen lässt. Ihr Vater war Cyril Hurcomb (1883 - 1975), Staatssekretär im englischen Transportministerium vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Offensichtlich war er bekannt mit Caroline Haslett, die beiden sassen gemeinsam in mehreren Gremien. 1948 wurde Hurcomb erster Vorsitzender der neuen Kommission zur Verstaatlichung der britischen Bahnen (das waren noch Zeiten ...), 1950 als 1st Baron Hurcomb geadelt. Hurcomb war aber auch ein passionierter Ornithologe, ein Hobby, das nach seinem Rücktritt vom Berufsleben die meiste Zeit beanspruchte. So war er massgeblich an der Einführung eines Vogelschutzgesetzes von 1954 und dessen Verbesserung 1967 beteiligt und leitete etliche Jahre lang die Royal Society for the Protection of Birds (RSPB), die grösste Naturschutzorganisation in Europa.

Das Geburtsdatum seiner Tochter Cicely wird in den knappen biografischen Angaben zu Lord Hurcomb nicht mitgeliefert, aber wir wissen aus einem Nachruf auf ihren Ehemann, wann sie geheiratet hat, nämlich 1940. Ihr Ehemann Tony Norris aus Worcestershire war Jahrgang 1917, zur Zeit der Heirat also 23 Jahre alt, und wir können davon ausgehen, dass Cicely vielleicht ein, zwei Jahre jünger war.

Norris arbeitete in der Druckerei seines Grossvaters in Birmingham und war von Jugend an ein begeisterter Vogelschützer - so kam wohl die Verbindung mit den Hurcombs zustande. Er war früh bei der Etablierung lokaler Vogelschutzgebiete aktiv und folgte später seinem Schwiegervater als Präsident regionaler Vogelschutzorganisationen nach. Man würde wohl, wenn man in die Mikrohistorie eintauchen könnte, auf seine Frau im Hintergrund oder auch im Vordergrund treffen. In den Weiten des Internets aber taucht sie nur noch einmal auf: Tony Norris, der auch als Botaniker wirkte und sich als Züchter vor allem auf Nerine, also südafrikanische Lilien spezialisierte, hat 1985 eine Variante nach seiner bereits 1976 verstorbenen Gattin benannt: Nerine Cicely Norris. Auch davon findet sich im Internet kein Bild.

So bleibt es vorläufig bei den eigenhändig gezeichneten Lilien im bücherraum f.

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Das Buch befindet sich in der Bibliothek schema f unter dem Sigel B 604. Gleich daneben, mit dem Sigel B 603, steht eine Biografie über Dame Caroline Haslett von Rosalind Messenger.

Basler Acten

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"Acten der Basler Revolution 1789. Auf Befehl der Regierung 1889 gesammelt". Welch ein sprechender Titel. Da befiehlt also eine Regierung, wie die Geschichtsschreibung zu einer früheren Revolution zu handhaben sei. Diese Dokumentensammlung steht neu im bücherraum f, und zwar aus dem Nachlass des allzu früh verstorbenen Journalisten und Schriftstellers Daniel Suter (1949 - 2016). Suter hat unter anderem für seinen Roman "Die Unvergleichlichen" (Zürich 2015, edition 8) Materialien zur Geschichte Basels gesammelt. Etwa zu Peter Ochs, dem eminenten Schweizer Staatsmann der Helvetik, mit dem Suter mütterlicherseits weitläufig verwandt war. So findet sich neben den "Acten" eine dickleibige "Chronik der Familie Ochs, genannt His", hinter welcher familiären Namensänderung wiederum eine ganze Schweizer Geschichte steckt. Oder die dreibändige Ausgabe der umfangreichen Korrespondenz von Peter Ochs, dazu von Charles Monnard die "Geschichte der Helvetischen Revolution", in der 1849 bis 1853 bei "Orell, Füssli und Comp." erschienenen Originalausgabe. Alle diese Bücher sind uns kürzlich mit rund vierzig weiteren dankenswerterweise zur Verfügung gestellt worden. Darunter finden sich auch Raritäten des Zürcher Arztes und libertären Sozialisten Fritz Brupbacher, etwa die anmächelig betitelte "Seelenhygiene für gesunde Heiden", sowie aus der Wiener und Schweizer psychoanalytischen Szene in den 1920er und 1930er Jahren. Ab 8. September sind solche Trouvaillen im bücherraum f einzusehen.

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Die Basler Acten befinden sich in der Politisch-philosophischen Bibliothek f im Gestell 24 unter der Sigel DC.x (Helvetik).

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