Die Dokumentationsstelle Dora Koster im bücherraum f präsentiert in loser Folge Erinnerungen an und Texte zu Dora Koster (1939-2017), der Zürcher Schriftstellerin und Malerin. Hier ein Interview aus dem Jahr 1981.
Werner Bucher und ich trafen sie in der Safari-Bar, mitten im Zürcher Niederdorf. Sie, Dora Koster, deren erstes Buch, «Nichts geht mehr» am 15. November im Unionsverlag erschien. Werner und ich assen Gulasch, Spätzli. Mit dem Salat hatten wir beide Mühe, aus der Musikbox wummerte Disco-Sound, zwischen uns der Casettenrecorder. Und dann Dora Koster, mit ihrer Stimme, die mühelos die ganze Bar füllte, mit ihrem Misstrauen uns gegenüber.
Mit ihrem zweiten Buch, an dem sie bereits arbeite, wolle sie beweisen, dass es nicht in erster Linie von «einer Frau von der Gasse» geschrieben sei, sondern von einer Frau, die etwas zu sagen habe, die schreiben könne.
Als wir aus der Bar an die Sonne traten, mitten am Nachmittag, hatte ich erstmals seit langem das Gefühl, jemanden getroffen zu haben, der mit seiner Schreiberei nicht neben dem Leben steht.
Sondern drin, mitten drin.
Kannst Du uns kurz erzählen, um was es geht, in Deinem Buch?
Ja … eigentlich ist das Buch eine Anklage an die Gesellschaft und gleichzeitig eine Anklage gegen meine eigene Dummheit. Im Grunde einfach eine Biographie und eben doch viel mehr.
Dora, vor einigen Monaten hast Du mir erzählt, Dein Buch erscheine in einem deutschen Verlag, in einer Auflage von hunderttausend Exemplaren, ausserdem habest Du 25 % vom Verkaufspreis …
Dazu steh ich, das sag ich auch heute noch. Ich habe es schwarz auf weiss, kann es jederzeit beweisen. Nun wollte der deutsche Verlag das Buch erst im Frühling 81 bringen. Ich wollte aber unbedingt einen Schnellschuss. Jetzt bringts der Unionsverlag und eigentlich bin ich recht froh darüber.
Wie lange hast Du gearbeitet an Deinem Buch?
Damals, als ich Kurt Früh kennenlernte …
Was, Du hast Kurt Früh gekannt?
Sicher, das darf ich sagen, das weiss jeder. Ich hab ihn regelmässig getroffen, hier in der Safari-Bar.
Dann bist Du durch Kurt Früh zum Schreiben gekommen?
Er hat einmal zu mir gesagt: «Dora, hör uf schnurre, fang a schriibe.» Darauf habe ich meine ersten Gedichte und Kurzgeschichten gemacht. Heute finde ich die alle furchtbar. Kurt Früh hat aber immer gesagt «mach wiiter». Ihm hat das Zeug gefallen. Also habe ich weitergeschrieben. Das hat im Lauf der Zeit einen ganzen Koffer voll Manuskripte gegeben. Dann hab ich letzten Winter einen Mann kennengelernt, der mich verunsichert hat, der über meine Schreiberei gespottet hat, mich fertig machen wollte. Als er wieder einmal über meine Gedichte fluchte, habe ich aus lauter Wut alle Blätter zerrissen. Gottseidank musste der Typ dann ins Militär. In dieser Zeit habe ich meinen Roman in einem Zug geschrieben.
In einem Zug?
In einem Zug, ja. Das siehst Du auch beim Lesen. Ich glaube, es ist flüssig geschrieben. Ich hatte oft Mühe, mit der Schreibmaschine nachzukommen!
Wie schwer es heute ist, einen Verlag zu finden, wissen wir alle. Bei Dir ging alles problemlos. Hast Du nicht das Gefühl, dass Du nur vermarktet wirst, weil Du eine Dirne bist?
Das ist eine Unterstellung. Kein Schriftsteller mag mir gönnen, dass mein Buch herauskommt, alle sind neidisch. Dabei bin ich nicht angekommen, weil ich eine Dirne war, sondern weil mein Buch gut geschrieben ist. Sowieso hat es darin sehr wenig Milieu-Szenen. Ich kann nicht nur meine Beine spreizen. Ich kann auch schreiben. Das Buch ist eine kalte Dusche für alle Voyeure, die Sex-Szenen noch und noch erwarten …
Aber wenn Du nicht Dirne wärst, würde doch der «Blick» beispielsweise nichts machen jetzt. Dann kämst Du doch nicht so ins Gespräch.
Ach, erzähl doch keinen Mist! Die Autoren sind selber schuld, wenn sie von den Zeitungen übergangen werden. Ich hab eben meinen Arsch in Bewegung gesetzt, hab denen mein Zeug gezeigt. Du musst nicht nur schreiben können, als Autor. Du musst auch geschäften können. Du willst mir unterstellen, ich sei nur herausgekommen, weil ich eine Hure bin, und das stimmt einfach nicht!
Aber das unterstellt er doch nicht Dir, sondern dem Literaturmarkt!
(Als Werner sie nach einer Text-Passage fragt, die neben dem Interview erscheinen soll, wird Dora Koster sofort misstrauisch. Sie meint, wir wollen sie fertigmachen. Sie nimmt uns nicht ab, dass wir uns für ihre Arbeit interessieren.)
Ich schreib wirklich gut, nicht langweilig. Ich muss nicht hinsetzen und überlegen: was schreib ich jetzt? Bei mir läuft das, in einem Zug. Ich hab mein Buch rausgelassen, sozusagen. Habs nicht einmal korrigiert. Keine Seite hab ich zwei Mal geschrieben, keinen Satz überarbeitet. Meine Sachen haben Leben, versteht ihr? Dazu sind sie sinnvoll.
Wie meinst Du das? Was heisst sinnvoll? Was bezweckst Du mit dem Schreiben?
Die Leute aufrütteln will ich. Sie schlafen ja alle. Den ganzen Tag seh ich nur besoffene Idioten!
Aber hast Du nicht gesagt, Du wolltest aufhören mit dem Strich und ein Geschäft eröffnen?
Ich hab mein Buch nicht gemacht, um auszusteigen. Ich hatte das Bedürfnis etwas anderes zu machen. Ich tue das, wozu ich Lust habe. Ich lass mich in kein Klischee pressen. Im Prinzip möchte ich jetzt einen Stapel und eine Schreibmaschine, fertig. Und keinen Menschen sehen. Aber im Moment liegt das gar nicht drin. Jedenfalls arbeite ich an meinem zweiten Buch. Die Hälfte hab ich schon. Ich werde euch alle verblüffen, alle …
Hat Dich jemand beeinflusst beim Schreiben?
Ich hab in meinem Salon aus dem Fenster gesehen, stundenlang. Die anderen Dirnen haben heraufgerufen: «Was machst du eigentlich?» «Schreiben», hab ich zurückgerufen. So hab ich geschrieben. Ich hab aus dem Fenster gesehen und Tinte getrunken. Dann bin ich an die Maschine und hab losgelegt.
Wie hört Dein Buch auf?
Das Buch ist eigentlich das Resultat von dem, was mit mir passiert ist, in dieser Zeit. Ich habe damit nicht nur meine Biographie geschrieben, ich habe auch an mir gearbeitet. Eine Auseinandersetzung mit mir und der Gesellschaft. Ich wurde mit jeder geschriebenen Seite stärker, mit jeder. Jetzt kann ich wieder unter die Leute, kann ihnen ins Gesicht sehen. Eine runde Sache. Ich habe das Buch fertig, und mit mir bin ich auch im Reinen. Jetzt bin ich bei mir. Es war ein Krampf. Ich war am Boden, bevor ich mit dem Buch begann. Und ich sagte mir, wenn du noch einmal hochkommst, dann total. Dann ändert sich einiges.
Du hast gesagt, Dein Leben sei auch ein Kampf gegen den Mann. Verstehst Du Dich als Feministin?
Ich bin keine Feministin. Ich hab nur gemerkt, in was für einer verschissenen Situation alle Frauen sind. Im Moment ist der Mann Scheisse für mich. Der Mann hat mich kaputt gemacht.
Mit diesem Buch hab ich gewonnen, erstmals.
Erschienen in der Zeitschrift orte, Nr. 32, Februar 1981, S. 12-15.