Eine Pionierin des Detektivromans A. K. Green und ErmittlerInnen

Hat sie den ersten Detektivroman der angelsächsischen Literaturgeschichte in Buchform geschrieben oder nur den zweiten? Darüber gibt es einen kleinen Disput, ob wohl The Dead Letter von Seeley Regester (Metta Victor) von 1866 diese Ehre zufällt. Jedenfalls war Anne Catharine Roelfs-Green (1846-1935) eine der ersten Schriftstellerinnen in den USA, die von ihrem Schreiben leben konnte. Als Anna Katharine Green oder A.K. Green veröffentlichte sie ab 1878 knapp 40 Kriminalromane, zuerst mit einem männlichen Serienhelden, dann auch solche mit zwei unterschiedlichen Amateur-Detektivinnen, und wirkte damit stilbildend für den neuen viktorianischen Detektivroman.

Anne Catharine Green wurde als Tochter eines bekannten New Yorker Rechtsanwalts geboren; die Mutter starb, als Anne drei Jahre alt war. Nicht ganz selbstverständlich für ein Mädchen konnte sie ab 1863 an einem der wenigen US-Colleges studieren, das Frauen aufnahm, und schloss 1866 mit dem Bachelor ab. Erste Versuche als Lyrikerin blieben erfolglos; so begann sie, ermuntert von Vater und Stiefmutter, einen Roman zu schreiben. Als The Leavenworth Case 1878 in New York erschien, wurde er zum Bestseller mit über 150ʼ000 verkauften Exemplaren. Kriminalerzählungen etwa von Edgar Allan Poe hatten sich bislang auf die Kurzgeschichtenform beschränkt. Green konzipierte einen Kriminalfall in Romanlänge, beschrieb darin, auch aufgrund von Kenntnissen ihres Vaters, präzise untersuchungstechnische und gerichtliche Verfahren und entwarf einen Detektiv, der zur Serienfigur taugte und in nicht weniger als dreizehn Büchern federführend wurde.

Noch zu Lebzeiten war ihr Ruhm in Deutschland frisch. So hat kein geringerer als Walter Benjamin 1930 A.K. Green literarisch geadelt. In seinem Feuilleton Kriminalromane, auf Reisen spricht er von den «unvergesslichen Kriminalbüchern der A.K. Green», aus denen ein Porträt ihrer Verfasserin auftauche. «Die muss man sich als Dame im Kapotthütchen vorstellen, die gleich gut in den verwickelten Verwandtschaften ihrer Heldinnen wie in den riesigen, knarrenden Schränken Bescheid weiss, in deren einem, nach dem englischen Sprichwort, jede Familie ein Skelett stehen hat. Ihre kurzen Geschichten haben gerade die Länge des Gotthard-Tunnels und ihre grossen Romane Hinter verschlossenen Türen, Im Nachbarhaus blühen im violett verhüllten Coupélicht auf wie die Nachtviolen.» Benjamin hält Green offenbar irrtümlich für eine Engländerin; zu Recht benennt er allerdings, dass sich ihre Bücher atmosphärisch durchaus englisch anfühlen. An anderer Stelle zitiert er sie als Kronzeugin für den üppigen Stil der grossbürgerlichen, pseudo-orientalischen Wohnzimmer um die Jahrhundertwende, auf «deren Sofa die Tante nur ermordet werden» kann. Auch Ernst Bloch nennt Green in seiner Philosophischen Ansicht des Detektivromans von 1960, unter anderem Aspekt: Über die im Genre zunehmend geschürte und verkomplizierte Spannung bei der Aufklärung des Verbrechens steche unter den älteren AutorInnen A.K. Green hervor, «immer wieder einschachtelnd und auspackend, wie mit stetig kleiner werdenden japanischen Kästchen, und der Clou liegt im letzten».

Als Pionierin wird A.K. Green mittlerweile in vielen Standardwerken anerkannt. Waltraut Woeller meint in ihrer Illustrierten Geschichte der Kriminalliteratur (1984), Green sei es gelungen, den Kriminalfall «aus dem weitläufigen Familienkrimi herauszupräparieren. Damit wurde sie zur Verfasserin eines reinen Detektivromans.» Eine ganze Seite widmet ihr Ulrike Leonhardt in Mord ist ihr Beruf (1990), mit anderer Betonung: «Den Ruhm, die erste Detektivin auf die Spurensuche geschickt zu haben, kann Anna Katharine Green für sich beanspruchen. Sie erfand gleich zwei weibliche Spürnasen, die freundliche alte Jungfer Amelia Butterworth, klug und unerschrocken, und eine jüngere, ebenso tüchtige Dame namens Violet Strange.» Auch in Das Mordsbuch. Alles über Krimis (1997) wird Green mit ihrem Erstling als bahnbrechend erwähnt. Selbst der marxistische Krimiliebhaber Ernest Mandel widmete ihr in seinem Buch Ein schöner Mord (1987) zwei Sätze, indem er «beiläufig» erwähnt, dass der Begriff «Detektivroman» erstmals 1878 von Green verwendet worden sei: Doch das ist bei ihm wohl eher aus zweiter Hand angelesen, da Mandel ihren Autorinnennamen falsch als «Greene» angibt.

Zugegeben, heute tönt das alles ein wenig verschmockt, gemächlich geschrieben, mit vielen rhetorischen Arabesken und länglichen Erörterungen. Aber die literaturhistorische Bedeutung steht ausser Frage. Sozusagen in vorauseilender kultureller Appropriation hat Green den viktorianischen Krimi vorgebildet, der dann, in unterschiedlicher Weise, von Conan Doyle, Agatha Christie oder Dorothy Sayers perfektioniert wurde: Ausgangspunkt ist ein scheinbar perfektes Verbrechen. Angesichts zahlreicher Indizien ergibt sich ein erster Verdächtiger, eine erste Verdächtige. Durch scharfsinnige Deduktion eines zumeist privaten, und anfänglich männlichen, Ermittlers wird dieser Verdacht in Frage gestellt. Motive für eine ganze Reihe von Tatverdächtigen werden ausgebreitet. In einer grossen abschliessenden Aufklärungsszene wird der wahre Mörder oder die Mörderin entlarvt und werden minutiös die Ermittlungsschritte geschildert, die zur Auflösung des Falls geführt haben. Bei Green finden sich auch schon Elemente wie die Tat in einem scheinbar abgeschlossenen Zimmer oder der Butler als Tatverdächtiger. Ironischerweise ist dieser viktorianische Krimi dann seinerseits durch die hard-boiled-Schule aus den USA abgelöst worden.

Green weist aber von Beginn an auch spezifisch amerikanische Merkmale auf. Das beginnt mit der Hauptfigur, Inspektor Ebenezer Gryce als Mitglied der damals nicht eben angesehenen staatlichen New York Metropolitan Police Force – in englischen Krimis sind Polizeidetektive neben den sozial höher gestellten Amateur-Ermittlern ja zumeist eher etwas unbedarft. Bei Green finden sich zudem die spezifisch amerikanischen Institutionen des untersuchenden Coroners und Gerichtsszenen vor einer Jury. In diesem Sinne liesse sich sagen, dass sich die Verbrechen eher in der US-amerikanischen High Society abspielen und auch die Täter sich meist aus dieser rekrutieren, während die Aufklärung durch Mitglieder der professionellen Mittelschichten erfolgt.

In den deutschsprachigen Raum wurde A.K. Green durch den Verlag Robert Lutz in Stuttgart eingeführt, der etwa zeitgleich auch die Sherlock Holmes-Geschichten von Conan Doyle zu verlegen begann. Als erster Band erschien 1890 Das verlassene Gasthaus, übersetzt von Margarethe/Margarete Jacobi (1840-1910). Jacobi hatte zuerst als Hauslehrerin und Erzieherin gearbeitet und begann 1884, aus dem Englischen zu übersetzen. Ab 1892 übertrug sie für den Robert Lutz Verlag zahlreiche Conan-Doyle-Werke, parallel dazu auch die Green-Romane Um Millionen, Hand und Ring sowie Endlich gefunden. 1896 erschien der von Benjamin erwähnte Hinter verschlossenen Türen. Greens Erstling, The Leavenworth Case (1878), wurde mit etwas Verspätung auf deutsch ebenfalls 1896 publiziert, übersetzt vom Journalisten Max Lortzing (1839-1895), und zwar unter dem Titel Schein und Schuld. Alle diese Titel erreichten mehrere Auflagen. 1944 erschien eine neue Ausgabe unter dem Titel Der Fall Leavenworth. Soeben ist der Band bei dem auf Nachdrucke spezialisierten Verlag Hofenberg neu herausgegeben worden. Schon in den 1990er-Jahren hatte im Übrigen der Zürcher Rio Verlag mehrere Green-Romane neu aufgelegt.

Der Verlag Robert Lutz publizierte ab 1910 in der gleichen Ausstattung wie A.K. Greens «Detektiv Gryce Serie» – grüner Leineneinband, mit Illustrationen – auch eine «Sherlock Holmes-Serie».

Von heute aus gesehen bedeutsam ist die Einführung weiblicher Amateur-Detektivinnen durch Green. 1897 taucht in That Affair Next Door erstmals Amelia Butterworth auf, die dem Polizisten Ebenezer Gryce zur Hand geht. Mit dem Doppelgespann löste Green ein Problem, das sich aufgetan hatte. Sie wollte am – mittelständischen – Polizisten festhalten, doch das Publikum wollte sich an Verbrechen in sozial höheren Kreisen ergötzen, und Amelia Butterworth erlaubte erzähltechnisch den Zugang zu diesen. Mit ihrer Schrulligkeit weist sie zudem auf Miss Marple voraus. 1915 erschien dann ein Sammelband mit Geschichten um Violet Strange, die als junge Frau aus besserem Haus nebenbei Verbrechen aufklärt und so sozial gesehen genremässige eher konform erscheint.

Bereits 1989 war eine Biographie von Patricia D. Maida, Mother of Detective Fiction erschienen. Mittlerweile haben beide Frauenfiguren ein neues Interesse an A.K. Green erweckt. Die Autorin Candida Martinelli hat in den 2010er-Jahren mit The Violet Strange Mysteries die Geschichten um Violet Strange in zehn Bänden für Jugendliche umgeschrieben. Auf ihrer Website präsentiert Patricia Meredith eine umfassende Anna Katharine Green and the History of Mystery Fiction Timeline. Meredith hat zudem ein Buch geschrieben, in dem Green als Detektivin auftaucht. Und 2022 hat Sara Farmer einen langen Artikel Cozy to Cold-Blooded: The Pioneering, Bestselling Anna Katharine Green, verfasst, in dem sie insbesondere Violet Strange als «feministische Heldin für ihre Zeit» bezeichnet.

In der Bibliothek schema f im bücherraum sind folgende Werke von A.K. Green vorhanden:

– A.K. Green: Schein und Schuld. Deutsche Übersetzung von Dr. M. Lortzing. Verlag von Robert Lutz in Stuttgart. Elfte Auflage, ohne Jahr. Detektiv Gryce Serie. Herausgegeben von Dr. Adolf Gleiner. Illustriert von Richard Gutschmidt. Erster Band. (Originalausgabe 1878, deutsche Erstausgabe 1898.)

– Hand und Ring. Autorisierte Übersetzung von M. Jacobi. Zwölfte Auflage, ohne Jahr. Detektiv Gryce Serie. Herausgegeben von Dr. Adolf Gleiner. Illustriert von Richard Gutschmidt. Zweiter Band. (Originalausgabe 1883, deutsche Erstausgabe 1896.)

– Um Millionen. Autorisierte Übersetzung von M. Jacobi. Neunte Auflage, ohne Jahr. Detektiv Gryce Serie. Herausgegeben von Dr. Adolf Gleiner. Illustriert von Richard Gutschmidt. Dritter Band. (Originalausgabe 1891, deutsche Erstausgabe 1910?)

– Endlich gefunden. Autoris. Übersetzung von Margarete Jacobi. Illustriert von Georg Mühlberg Neunte Auflage. Detektiv Gryce Serie. Herausgegeben von Dr. Adolf Gleiner. Illustriert von R. Gutschmidt und G. Mühlberg. Fünfter Band. (Originalausgabe 1880, deutsche Erstausgabe 1905?)

– Einer meiner Söhne. Autorisierte Übersetzung von Georg Rummler. Illustriert von G. Mühlberg. Neunte Auflage, ohne Jahr. Detektiv Gryce Serie. Herausgegeben von Dr. Adolf Gleiner. Illustriert von R. Gutschmidt und G. Mühlberg. Sechster Band. (Originalausgabe 1901, deutsche Erstausgabe 1901.)

Anne Katharine Green: Der Filigranschmuck. Aus dem Amerikanischen von Marianne Rubach. Rio Verlag, Zürich 1993. (Originalausgabe 1903, deutsche Erstausgabe 1903?)