Die Forschungsstelle Dora Koster im bücherraum f präsentiert in loser Folge Erinnerungen an und Texte zu Dora Koster (1939-2017), der Zürcher Schriftstellerin und Malerin. Den Auftakt macht Anina Ritscher.
3. März 2016
«Das sind 130 Franken Wiederbeschaffungsgebühr. Pro Buch.» Die Bibliothekarin blickte über ihren Brillenrand. Klopfte mit langen Nägeln auf den Tresen.
«Ich kann das erklären», sagte ich. «Das ist nicht meine Schuld.» Die Nägel klopften weiter. Die Bibliothekarin nahm ihre Brille ab. Legte sie auf den Tresen. Beugte sich nach vorne.
«Na?»
Ich begann zu erzählen.
14. August 2015
«Was schreibst du da?», die Frau rückte ein Stück näher an mich ran. Die Bank unter uns zitterte.
«Einen Artikel für die Zeitung», ich schaute kurz hinüber. Wandte mich dann wieder meinem Bildschirm zu.
«Pah! Journalisten.» Ich zuckte zusammen. Sie drehte sich wieder weg. Blieb aber neben mir sitzen. Ich schrieb weiter. Vor uns lag ein kleiner Platz, gesäumt von Läden. Ein italienischer Feinkostladen. Eine Bäckerei. Ein second-hand Geschäft. Ein paar Tische waren auf dem Platz verstreut. Unter Bäumen. Hinter uns ein Café. Neben uns, der Wand entlang Bänke und Tische und Menschen, die an einem Dienstag um halb zwölf Zeitung lesen konnten. Tranken alle Kaffee. Oder Limo.
«Ich hatte immer nur Ärger mit Journalisten», sie lehnte sich an die Wand des Cafés, streckte ihre Beine aus. Ging nicht ganz. Unter dem Rock waren die Beine krumm und angeschwollen. Sie blinzelte zu mir rüber. Ihre Brillengläser waren zerkratzt. Die rostroten Haare zu einem Dutt gebunden. Ich klappte meinen Laptop zu. Nahm einen Schluck Cappuccino.
«Warum?»
«Haben mich immer verrissen. Als hätte ich es nicht schwer genug gehabt. Die Welt war immer gegen mich.» Ich sagte nichts. «Ich brauche deine Hilfe», sie rückte noch etwa näher an mich ran. Ihr Atem roch nach Rauch und Kaffee. «Ich brauche Bücher aus der Bibliothek. Ganz dringend», sie zeigte auf die andere Seite vom Platz. Zur Stadtbibliothek. «Ich darf aber nichts ausleihen. Kannst du die Bücher für mich holen?» Ich blickte auf meinen halbfertigen Text auf dem Computerbildschirm. Dann in ihr faltiges Gesicht. Auf den Gehstock neben dem Tisch. Die fast leere Packung Dunhill in ihrer Hand.
«Ist gut.» Sie wich etwas zurück. Lächelte. Kramte einen Zettel aus der Tasche und schrieb in krakeliger Schrift: Dora Koster.
«Bring mir alles, was du von dieser Autorin finden kannst.»
Ich hatte vergessen, wie kalt es im Keller der Bibliothek war. Meine nackten Arme und Beine waren sofort mit Gänsehaut überzogen. Zwischen den Regalen standen Menschen rum. Blätterten in Büchern. Balancierten sie stapelweise zum Aufzug, der in den warmen Lesesaal fuhr. Nach einer dreiviertel Stunde hatte ich vier Bücher von Dora Koster gefunden. Alle in altmodischem Einband. Aus Leine. Die Titel ganz schlicht eingeprägt. Vor der Bibliothek standen Studentinnen und rauchten. Tippten auf ihren Smartphones rum.
«Vier Bücher hab ich gefunden.» Die Alte riss mir die Bücher aus der Hand. Öffnete das oberste hastig. Blätterte wild die ersten Seiten weg. Dauerte ein wenig, weil die Finger voller schwerer Ringe waren. Fing an zu lesen. Ich nahm meinen Laptop und setzte mich an einen Nebentisch unter einer Linde. Schrieb weiter. Wurde aber dauernd abgelenkt von ihr. Mal kicherte sie in sich hinein. Mal rief sie zu mir rüber: «Hör dir diese Stelle an!» und las einen Absatz vor. Mal murmelte sie vor sich hin: «Was für ein Juwel. Grandios.» Irgendwann gab ich auf. Ich konnte mich nicht konzentrieren. Setzte mich wieder zu der Frau. Bestellte noch einen Cappuccino. Und liess mir einige Passagen aus den Büchern vorlesen.
Nach einer Weile klappte die Frau die Bücher zu und zündete sich eine Zigarette an. Die letzte in der Schachtel. Die Kellnerin brachte uns nochmal zwei Cappuccini.
«Wie heisst du?»
«Anina»
«Ich bin Dora.»
Erst jetzt verstand ich. «Warum müssen Sie…»
«Du! Sag du. Ist ja lächerlich. Bin doch keine alte Spiesserin.»
«Pardon. Warum musst du die Bücher ausleihen? Hast du keine Kopien mehr?»
«Nein. Alle ausverkauft! Mein Verlag druckt nicht nach. Geiziges Pack. Die hauen mich seit Jahren übers Ohr. Hätten die mich anständig bezahlt, wäre ich heute eine reiche Frau. Und die Bibliothek, dieser verfluchte Staatsbetrieb. Die rücken ihre Kopien auch nicht raus.»
Wir saßen noch eine Weile da. Dora erzählte mir von ihrem Leben. Es war erbarmungslos vom ersten Tag an: Verdingkind, Au Pair in Paris, Sexarbeiterin in Zürich. Dann Schriftstellerin und Malerin. Und, für einen kurzen Moment in den Achtzigern: Shooting Star an der Frankfurter Buchmesse. Wegen ihres autobiografischen Buchs über das Leben im Milieu. Eine Sensation. Darauf war sie stolz. Und darauf, dass sie zu Sartres Beerdigung eingeladen war.
«Du bist also Journalistin?», sie kniff die Augen zusammen. Blies eine Rauchschwade in mein Gesicht.
«Sozusagen. Ich versuche es zumindest», ich wedelte den Rauch zur Seite.
«Ich kenne auch einen Journalisten. Hat alle meine Bücher rezensiert. Nur Schrott. Einmal, da fuhr ich zur Redaktion. Gab ein Geschenk für ihn am Empfang ab. Eine Wäschezaine mit einem Zettel drin: ‘Für deine schmutzige Wäsche, die du auf meine Kosten in der Öffentlichkeit wäschst. ’» Sie lachte. Verschluckte sich, hustete. Nahm einen Schluck Kaffee. «Heute sind wir Freunde.»
Wir saßen noch eine Weile da. Auf dem Platz waren jetzt mehr Leute. Saßen unter den Linden. Und auf den Treppen vor der Bibliothek. Wahrscheinlich Studierende. Mit so fleckigen T-Shirts. Und Hornbrillen. Und Lederrucksäcken. Assen Paninis vom italienischen Feinkostladen und lasen in Bibliotheksbüchern.
Irgendwann fragte Dora: «Begleitest du mich nachhause? Ich kann die Bücher nicht allein tragen.» Wir liefen quer über den Platz. Zwischen den Menschen mit Paninis und Bibliotheksbüchern hindurch. Sie mit Gehstock. Ich mit den Büchern. Stiegen die Treppen zu ihrer Wohnung hoch. Zu ihrem Zimmer. Es sah aus wie auf Spitzwegs Gemälde des Poeten. Tiefe Decke. Ein Federbett in der Ecke. Ein kleiner Tisch am Fenster. Unter einem Tischbein ein zusammengefaltetes Stück Karton. Auf dem Tisch ein überquellender Aschenbecher. Und Bücher und Zeitschriften überall am Boden zerstreut. An der Wand ein Foto einer jungen Frau. Neben ihr: Sartre. Sonst war nichts in dem Zimmer. Wir standen da kurz herum.
«Super Lage hier», sagte ich.
Sie nickte. «Ich wohne seit 40 Jahren im Niederdorf.» Bevor ich ging, drückte sie mir einen Stapel Zeitschriften in die Hand. «Die musst du lesen. Das Beste, was die jungen Leute machen. Gar nicht politisch. Alles neutrale Studenten.» Ich bedankte mich, sie bedankte sich. Wir tauschten Handynummern aus. Ich machte mich auf den Nachhauseweg. Sie blieb im Zimmer.
Ich sah Dora nie wieder. Wir hatten aber ein halbes Jahr nach unserem Treffen noch einmal Kontakt per SMS.
Ich:
«Hallo Dora, wie geht es dir? Du, kannst du bitte die Bücher ins Café Zähringer bringen, wenn du Zeit hast? Dann kann ich sie da abholen, wenn ich mal in der Gegend bin.»
Dora:
«Ja. Ich gebe sie ab. Die Druckerei an der Malergasse druckt nach. Liebe Grüsse oiseau bleu.»
Ich:
«Super. Das freut mich. Danke.»
Dora:
«Geht es dir gut?»
Ich:
«Ja danke. Bin immer noch am Studieren. Mein Artikel ist im Oktober erschienen. Und dir?»
Dora:
«Ich habe gerade ein Theaterstück entworfen. Könnte ein Hit werden. Schufte Tag und Nacht.
Ich:
«Klingt super! Ich drück die Daumen!»
Einige Wochen Funkstille.
Ich:
«Liebe Dora, die Bücher wurden noch immer nicht zurückgebracht. Hast du sie ins Zähringer gebracht?»
Ich:
«Hallo Dora. Habe heute bei dir geklingelt, aber niemand hat aufgemacht. Du musst die Bücher unbedingt zurückbringen. Habe schon die dritte Mahnung bekommen.»
Ich:
«Liebe Dora, wenn du die Bücher nicht zurückbringst muss ich 130 Franken bezahlen. Pro Buch.»
3. März 2016
«Dora Koster?» Die Bibliothekarin fixierte mich.
«Ja, ja genau.», stammelte ich.
Sie rollte mit den Augen. Drehte sich zu ihrer Kollegin um, die hinten an einem Schreibtisch sass. „Die Koster hat schon wieder Bücher geklaut.“
Anina Ritscher