Die Dokumentationsstelle Dora Koster im bücherraum f präsentiert in loser Folge Erinnerungen an und Texte zu Dora Koster (1939-2017), der Zürcher Schriftstellerin und Malerin. Ein Beitrag von Erich Schmid.
ich habe ja zehn jahre unweit von dora gewohnt, am neumarkt 13 ehemals haus zum mohrenkopf, aber das ist ein anderes thema, 4. stock. in der zeit wurde das neumarkt restaurant, das die zunft hottingen auf wunsch des zunftmeisters, der das vorbild in paris angetroffen hatte, umgebaut in ein rotes puff, wie man es nannte. es blieb die ganze zeit leer, die fenster zum synagogengässlein waren abgedunkelt, niemand ging hinein. die stadt, der das haus gehört, musste die miete senken, aber nach dem umbau war die bar, die im haus des theaters entstand, häufig frequentiert von dora koster. sie rauchte. eigentlich rauchte sie die ganze zeit. wenn ich mich recht erinnere hatte sie gelbe finger, wo die zigarette steckte, und wenn sie keine hatte, schnorrte sie welche. überhaupt schnorrte sie viel und, sie schnorrte laut. dem coiffeur nebenan ging sie auf den wecker. Die beiden zankten sich, bis er sich jeweils vor ihr versteckte. und ich gebe zu, dass ich das manchmal auch tat, weil es mir jeweils peinlich war, wenn sie aus einer gerade noch möglichen rufdistanz gassauf gassab meinen namen schrie.
sie war solidarisch, als ich mit meinem ersten buch verhör und tod in winterthur (1986) probleme bekam. im theater am neumarkt, wo es eine szenische lesung dazu gab, erhob sie während der vorstellung ihre stimme gegen die behörden, und wer sie kannte, kann sich vorstellen, wie das tönte. dieses eine mal hat mir ihre lautstärke, die mich sonst eher abschreckte, gutgetan. – ist das nicht ein widerspruch?
einmal war ich bei ihr zuhause, sie hat mich richtiggehend abgeschleppt, in die froschaugasse. sie war stolz, dort im innenhof, an einem schönen ort zu wohnen, mitten in der kleinteiligen und ringhörigen altstadt, wo die menschen sich nahekommen. da wurde sie plötzlich leise und sensibel. sie male, sagte sie. – ob ich ein bild von ihr wolle? bevor ich antworten konnte, holte sie einen grünen schrecklichen ölschinken hervor und sagte, ich müsse vorsichtig sein. es sei noch nicht trocken. ich trug es dann, eingeklemmt zwischen zwei fingern, nach hause […] sie hatte eine art gassensprache. und sie spielte, wie man auf der gasse spielt. Schach. und dies sozusagen professionell in jenem cafe an der schoffelgasse, wo nachts gegenüber ihre gewerblichen konkurrentinnen standen.
spielst du schach?, fragte sie mich, als ich sie vor jahren traf. ja, sagte ich, wenn es sich ergibt, und das sei selten. komm wir machen eines! sie zog mich in jenes cafe unterhalb der bodega und stellt die figuren auf und neben dem brett eine schaltuhr. ich hatte noch nie auf zeitlimite gespielt. sie zog mit der linken hand einen bauern und hämmerte mit derrechten gleichzeitig auf ein holzkästchen, dass ich erschrak. ich war überrascht. bis ich mich wieder konzentrieren konnte, war die zeit, die mir für meinen zug zur verfügung stand, schon abgelaufen. du musst ziehen!, schimpfte sie. also bewegte ich meinen bauer irgendwie gegen die mitte. schon kam ihr nächster zug. sie hatte die uhr in diesem holzkästchen so eingestellt, dass dem gegner, also mir, überhaupt keine zeit zum überlegen blieb. ich verlor zweimal und war, als ich das lokal verliess, 40 franken leichter. das war die gasse pur.
ich kann nicht sagen, dass ich von dora koster begeistert war, manchmal, anfänglich, musste ich sie sogar tolerieren. es brauchte eine gewisse zeit, bis ich sie akzeptierte. und genau diese zeit hatte sie nicht verdient, sie lag unter ihrer würde.
Erich Schmid