Liebe Anwesende
Erlauben Sie mir ein paar Worte für und zu jemandem, ohne den diese wunderschöne Ausstellung im Zürcher Strauhof nie zustande gekommen wäre, nämlich Bernhard Wiebel. Wir haben schon viel davon gehört, wie seine Münchhausen-Bibliothek die Grundlage für die Ausstellung darstellt. Ja, Bernhard war und ist ein unermüdlicher Sammler. Walter Benjamin hat einmal das Sammeln als «Kulturtätigkeit» beschrieben. Dem Sammler gehe es nicht um die Brauchbarkeit und Nützlichkeit der Dinge, sondern er liebe sie «als den Schauplatz, das Theater ihres Schicksals», als «magische Enzyklopädie» ihrer Herkunft und Geschichte. Tatsächlich, auch Bernhard weiss um Herkunft und Geschichte aller Bücher, Illustrationen und Gegenstände, die er gesammelt hat und von denen jetzt einige hier zu besichtigen sind.
Ich hatte das Vergnügen, mit Bernhard Wiebel an zwei Büchern zusammenzuarbeiten, zuerst an einem Originaltext, nämlich den gesammelten Abenteuer von Münchhausen, wie sie von Rudolf Erich Raspe erzählt worden sind, und dann an einem Sammelband über das Phänomen Münchhausen. Das war ein Vergnügen, wenn es auch nicht immer ganz einfach war. Denn sehr häufig brachte Bernhard während der Arbeit ein weiteres Detail und eine neue Erkenntnis vor, die unbedingt noch berücksichtigt werden sollten, und das Drama eines Artefakts, der eine Geschichte durchgemacht hat, durfte auch nicht verloren gehen. Er hat das jeweils mit einer Kompetenz und Leidenschaft vorgebracht, die mein Herz schmelzen liess.
Leider gibt es bei der Produktion eines Buches bestimmte von aussen gesetzte Kriterien, etwa der Umfang oder der Abgabetermin. Entsprechend treten zumeist zwei Prinzipien gegeneinander an, deren Bezeichnung man von einem andern Autor borgen mag: Da ist der Möglichkeitssinn, der alles ausprobieren und erwägen und vergrössern und verbessern will, und darauf antwortet der Wirklichkeitssinn, der an die harschen Realitäten erinnert. Nun, diese beiden Haltungen haben sich bei unserer Zusammenarbeit schliesslich aufs Glücklichste vereinigen können, zu einem wunderschönen Buch mit den vollständigen fantastischen Erzählungen des Barons Münchhausen, erzählt von Rudolf Erich Raspe. Leider ist das Buch beim Verlag nicht mehr erhältlich, da der Verlag, wie es in der Verlagsszene gelegentlich passiert, nicht mehr existiert, aber es gibt noch ein paar Exemplare im Strauhof zu erwerben, oder dann auch antiquarisch, und wenn Sie Glück haben, finden Sie womöglich eine limitierte Vorzugsausgabe, die uns der Baron von Münchhausen persönlich unterschrieben hat. Und wenn sie unverschämt Glück haben, dann finden Sie womöglich auch noch ein Exemplar, das vom Baron besiegelt – oder gesiegelt? – item, mit seinem Siegel versehen worden ist. Dabei ist allerdings ein Missgeschick passiert. In früheren Zeiten, aus denen der Baron ja unzweifelhaft stammt, sind die Siegel auf dickeres Papier, zum Beispiel Pergament, gedrückt worden, und obwohl wir für unsere Ausgabe dickeres als normales Papier verwendet haben, ist dieses natürlich nicht fürs Besiegeln – oder Gesiegeln? – vorgesehen, und so ist der Wachs durch einige Seiten hindurchgedrungen, und da der Baron nicht immer der geduldigste ist, hatte er schon ein paar Siegel aufgedrückt, bevor wir darauf aufmerksam geworden sind, dass damit die ersten paar Seiten sozusagen zusammengeklebt worden sind. Nun gibt es ja verschiedene Umgangsformen mit Büchern: Es soll Leute geben, denen es dabei vor allem aufs Lesen ankommt, und denen würde ein solches Buch, in dem sich ausgerechnet der Anfang kaum lesen lässt, nicht gerade gefallen; aber dann gibt es solche, die Bücher vor allem sammeln, und für die wäre ein solches Buch natürlich besonders schätzenswert, nicht nur als eine Art Fehldruck, sondern als ein Drama mit einer besonderen Geschichte.
Doch kehren wir zu Bernhard Wiebel zurück. Er ist nicht nur ein umfassender Sammler von Münchhausen, sondern auch ein Wissenschaftler und Forscher. Als Kunstwissenschaftler hat er sich stark mit der grafischen Darstellung des Münchhausen-Phänomens beschäftigt. Ja, die Grafik hat seine Liebe zu Münchhausen erst eigentlich entflammt. Und zwar geschah das durch die Illustrationen zu Münchhausen, die Martin Disteli um 1840 angefertigt hatte. Bernhard hat es dabei besonders der Ritt auf der Kanonenkugel angetan, den Disteli für den politischen Kampf seiner Zeit aktualisiert hatte. Diese Geschichte werden wir nachher noch hören, vorgetragen von Mona Petri.
Dabei spannt Bernhard über Münchhausen hinaus jederzeit ein zeitgenössisches, geistesgeschichtliches Geflecht auf. Kein Autor, keine Künstlerin, die je mit Münchhausen in Berührung kam, ist ihm entgangen und vor ihm sicher gewesen.
Besonders am Herzen liegt ihm der Verfasser der originalen Münchhausen-Geschichten, nämlich Rudolf Erich Raspe. Bernhard würde mich jetzt sogleich korrigieren, denn es ist ja eine ursprüngliche Auswahl von Münchhausen-Anekdoten gedruckt worden, deren Verfasser sich nicht ganz eindeutig eruieren lässt. Dennoch, Raspe lässt sich eindeutig als Verfasser der ersten, auch künstlerisch durchgeformten Sammlung von Münchhausen-Geschichten festmachen. Raspe ist, wie Bernhard mehrfach herausgearbeitet hat, eine faszinierende Figur und ein Universalgelehrter gewesen, Kunstwissenschaftler, Schriftsteller, Übersetzer, Münzen- und Gemmenspezialist; er war auch einmal als Geologe tätig, also hat sich Bernhard in die Geheimnisse der Erdgeschichte und der Vulkanologie eingearbeitet, sich sozusagen in vielschichtige Gesteinslagen eingegraben, und er kann jetzt alles aufzählen, was es beispielsweise zur Erzschürfung braucht – ob Raspe in Cornwall auch nach Gold geschürft hat, bleibt eine Forschungsaufgabe.
Bernhard Wiebel hat aber auch den philosophischen Implikationen von Münchhausen-Geschichten nach-gedacht. Jene Anekdote zum Beispiel, in der Münchhausen auf seinem Pferd durch eine fahrende Kutsche springt, hat er in die Debatten um Zeit, Bewegung und Raum gestellt. Ausführlich hat er sich mit jener berühmten Episode beschäftigt, in der sich Münchhausen samt Pferd am eigenen Haarzopf aus einem Sumpf zieht, in den er geraten ist. Die Geschichte stammt nicht aus der originalen Ausgabe von Raspe, sondern vom ersten deutschen Münchhausen-Übersetzer oder -Schöpfer Gottfried August Bürger, was wiederum zeigt, dass das Phänomen Münchhausen sich nicht in einer einfachen Autorenschaft erschöpft. In einer genauen linguistischen, erzähltechnischen und geistesgeschichtlichen Analyse hat Bernhard unter anderm gezeigt, wie sich die Geschichte mit dem Haarzopf auf Immanuel Kants berühmten Aufsatz «Was ist Aufklärung?» von 1784 bezieht. So wie Münchhausen sich durch die eigene Kraft aus dem Sumpf zieht, in den er durch eigenes Verschulden geraten ist, so besteht die Aufklärung darin, dass sich der Mensch durch eigene Kraft aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit befreit. Doch wird diese Befreiung ihrerseits zur Erzählung, zum Mythos vom unaufhaltsamen Fortschritt. Darin erscheint die Dialektik der Aufklärung, die sich gegen sich selbst wendet, wie es Theodor W. Adorno und Max Horkheimer im gleichnamigen Werk herausgearbeitet haben. Oder in den Worten von Bernhard: «Unausweichlich ist einerseits das Voranschreiten der Aufklärung, die «Entzauberung der Welt»; unausweichlich ist andererseits die Gefahr, dass dieser Vorgang seinerseits erneut verzaubert wird.»
Aufklärung, ihre Chancen und Gefahren, ihre Notwendigkeit und Gefährdung: Sie sehen, wir sind mit Münchhausen und mit Bernhard Wiebel bei durchaus aktuellen Fragen gelandet. Solchen Fragen lässt sich in der Ausstellung im Strauhof nachspüren. Deshalb möchte ich mit einem Dank ans Team schliessen, das sie erstellt hat: Zuerst Rémi Jaccard und Philip Sippel, die sich für die Idee sofort begeistert und die Ausstellung kuratiert haben, Lisa Steurer für tatkräftige Unterstützung und Julia Castilo für die Grafik.
Diesen Dank möchte ich im Namen von Bernhard Wiebel, Anna-Verena Fries und mir aussprechen. Aber auch Sie, als Besucherinnen und Besucher der Ausstellung, werden sich meinem Dank nach dem Besuch wohl anschliessen.
Stefan Howald
Diese hier leicht überarbeitete Rede wurde bei der Vernissage zur Eröffnung der Ausstellung «Phänomen Münchhausen» am 19. Februar im Museum Strauhof gehalten. Die Ausstellung ist bis zum 6. April geöffnet. Dazu gibt es ein Rahmenprogramm, siehe https://strauhof.ch/veranstaltungen/ausblick/. Auch der bücherraum f wird sich daran beteiligen, am 30. März spricht Stefan Howald über die Lüge im Zeitalter von Fake News.