Die Dokumentationsstelle Dora Koster im bücherraum f präsentiert in loser Folge Erinnerungen an und Texte zu Dora Koster (1939-2017), der Zürcher Schriftstellerin und Malerin. Ein Beitrag von Miriam Meyer.
Ein Morgen wie jeder andere. Der Stammtisch in der Destithek Neumarkt schlürft plaudernd die goldene, die dunkle, die helle Schale. Ohne Zucker. Lieber Assugrin. Sonst ist es ruhig. Die Paninis sind zubereitet, der Kühlschrank ventiliert rhythmisch vor sich hin. Der frische Saft ist gepresst. Hat er heute zu viel Karotten oder vielleicht zu viel Bitterkeit wegen mangelhaft geschälter Orangen ?
« De Himmel isch blau, d’Sunne schiint. So verloge. De blau Himmel lügt. Mir sind zmitzt im dritte Wältchrieg und alles isch schön und guet. D’Sunne lacht hüüchlerisch und debii müsstemer schreie.» Dora Koster schlurft gegen die Theke, ihre tiefe Stimme erfüllt den Raum. Sie wettert. Heute ist sie wütend. Ein Aug rund, das andere eckig umrandet, beobachtet sie die Welt auf ihre Weise und schreckt nicht davor zurück, ihre Meinung lauthals mitzuteilen, Neumärtler:innen zu brüskieren. Provozieren kann sie.
« Häsch mer en Liter Milch und e Orange ? Ich bruuch chli Vitamin, susch ghei i no zäme.» Der Milchkaffee steht bereits vor ihr. Wenn sie konnte, zahlte sie. Wenn nicht, erzählte sie Geschichten, verbrachte Zeit, war präsent. «Danke, bisch en Schatz. Weisch, die Nacht hani wieder en Krimi gschriebe. Han nüm ufghört. Isch e geili Gschicht, das wird en Erfolg. Ich mach alles mündlich. Ich verzell d’Gschicht und nimm sie glichzitig uuf. Und spöter schriibt sie öpper für mich. Jetzt hani scho 22 Krimis. Ich ha ke Sekunde gschlafe». Dora hängt nonchalant an der Theke, redet, nervt, nimmt einen mit in ihr Universum. Oder sitzt draussen an ihrem grünen Bistrotisch, breitet alle ihre Telefone vor sich aus. Lacht. Schimpft. Und irgendwann verschwindet sie wieder, Milch und Orange in den Händen.
Miriam Meyer
Erinnerungen an Dora Koster. Als Teilzeitangestellte in der Destithek Neumarkt (2010 – 2014) war mir ihr Besuch jedes Mal eine Erfrischung, ein Literaturspiel, un bousculement poétique. Danke, oiseau bleu !