Aus den Tiefen unseres bibliografischen Verstands Trouvaillen im Katalog des bücherraums f

bücherräumereien (XLVI)

Zum Jahresende ein Blick zurück. Beim Erfassen unserer Buchtitel im neuen Katalog ist manchmal Untergründiges und Unergründliches aufgestiegen.

Was zum Beispiel will uns dieser Titel sagen: Der Fisch ohne Farrad. Handelt es sich um einen arabischen oder altpersischen Namen? Oder hat das etwas mit dem Faradayschen Käfig zu tun? Die Autorin Elizabeth Dunkel des so angezeigten Romans kommt uns dunkel bekannt vor, tatsächlich hatte sie 1989 einen Bestseller geschrieben, über «Probleme postfeministischer Single-Frauen», wie ich auf Wikipedia lese, jene Institution der Schwarmintelligenz, die von Sibylle Berg in ihrem neuen Roman gerade als «Almanach des Weissen-Männer-Weltwissens» abgestempelt worden ist, was denn doch ein wenig betrübt. Eine zusätzliche Recherche, auf Wikipedia, ergibt dann, dass sich der Titel auf einen Ende der 1970er-Jahre aufgekommenen Spruch beziehen muss, wonach eine Frau ohne Mann einem Fisch ohne Fahrrad entspreche, ein gnomisches, oder gnominisches Wort, und der Titel ist von der deutschen Übersetzung 1991 ziemlich freihändig (!) über das Buch gesetzt worden, das im englischen Originaltitel weder Fische noch Fahrräder erwähnt, was unserer Version doch wieder subversiven Charme verleiht.

Apropos 1990er-Jahre: Wer erinnert sich noch an den Dritten Weg, auf den uns Sozialdemokraten wie Tony Blair und Gerhard Schröder führen wollten, bevor sie auf den Ersten Weg der hoch kapitalisierten und auch für sie persönlich profitablen Marktwirtschaft einschwenkten? Anthony Giddens war einer der Propagandisten dieses Mittelwegs, doch seine Schrift, in der er sich mit The Third Way and its Critics auseinandersetzt, war bei uns unter dem geradezu prophetischen Titel The Third Way and its Crisis verzeichnet. In unserer gegenwärtigen globalen Multikrise ist das allerdings glücklicherweise, oder leider, eine unserer kleineren Sorgen. Allerdings, wenn doch nur jenes Buch von Erhard Eppler uns etwas Hoffnung angeboten hätte, das als ein Kommentar zum Berlinger Programm der SPD angepriesen wurde, wobei dann wiederum der Name des ehemaligen Führers der KPI Enrico Berlinguer falsch geschrieben da gestanden wäre.

Psychologie! Ein Anti-Diätbuch über die Psychologie der Dickleibigkeit verspricht uns, die Ursachen von Essucht aufzuklären. Sigmund Freud hätte daran nicht gerade Freude gehabt, da doch seine Aufforderung oder Ermahnung oder leise Hoffnung, wo Es war, solle Ich werden, durch die Es-Sucht nicht eben erfolgversprechend zu werden droht. Um kurz beim Thema des Es zu bleiben, so hat uns der unorthodoxe Psychotheoretiker Georg Groddeck, dem wir Einiges zugetraut hätten, mit seinem Buch vom Eis überrascht. Zwiespältig wird es hingegen bei einem Titel wie: Schlagfertige Frauen: erfolgreich wieder die alltägliche Gewalt – was Gegengewalt zum Alltag zu machen scheint.

Die Genderdebatte ist bei uns noch nicht ganz angekommen. Manche Einträge über Herausgeber und Mitautoren stammen aus diluvialen Zeiten, und bis das korrigiert ist, wird es womöglich weitere Äonen brauchen. Andererseits können wir auch weitergehende Diskussionen anbieten, etwa wenn ein Titel die doppelbödig tiefsinnige Frage stellt: Hat die Seele eine Geschlecht? Nein, hat sie wohl nicht, politisch-philosophisch gesprochen, aber sprachlich kann das durchaus spielerisch erprobt werden, indem das Geschlecht aller Substantive dem generischen Femininum unterstellt wird. Dazu gehört auch, dass der Name der transsexuellen Autor:in seines patriarchalen Gehalts entkleidet zum bzw. zur Brönimman wird, wobei der Schritt zum Iman weltanschaulich vermutlich doch einer zu viel wäre.

Tja, die Namen. Reanto Guttuso scheint dem italienischen Maler eine neue, womöglich portugiesische Identität überstülpen zu wollen. Einst, das ist aber schnell korrigiert worden, führten wir eine Studie über Spätschäden, die angeblich im Werk von Ingeborg Machmann thematisiert wurden. Auch besassen wir die soziologischen Heidelberger Max Werber-Vorlesungen 1982. Dann reisten wir mit den Midford Schwestern im falschen eleganten Auto mit. Wenn aber die Günderode im Brief-Nachlass oder -Roman von Bettina von Arnim eines ihrer tragisch dunkel behauchten R im Namen verliert, wo wir doch alle durch Christa Wolf geschult wissen, dass sie Günderrode heisst, so hat das seine historische Richtigkeit, denn Bettina von Arnim, die sie schliesslich noch gekannt hat, hat sie so benannt.

Das ultimative Buch, wie Natur und Tiere die angebliche Zivilisation wieder übernehmen, hat Franz Hohler mit der Rückeroberung geschrieben, aber man kann das bei uns noch etwas konkreter in einer Schrift nachlesen, die Die Vertauberung der Welt zu evozieren verspricht. Allerdings tut sie das gemäss Untertitel anhand von Blockchain und die Folgen, und da sind wir dann weniger im Gebiet von Friedenstauben, als von Männern mit Kettensägen und Messias-Komplexen.

Kommunikatives bereitet uns gelegentlich auch Mühe. Zugegeben, Jürgen Habermasʼ Beschwörung der Macht der Kommunikation ist ein bisschen ausschweifend ausgefallen, und da mag unser verabreichter Titel Theorie des kommunitaven Handelns als leise Ermahnung gelten, dass zumindest die Buchtitel nicht so lang werden sollten, wozu jede gestrichene Silbe hilft. Möglich gewesen wäre zudem, einen Buchstaben im letzten Wort zu streichen, doch so selbstverkleinernd wollen wir uns das nicht andichten.

Neben subtilen Veränderungen gibt es wahre Entdeckungen zu machen. Der umtriebige Pädagoge Ivan Illich, der einst die Gesellschaft von der Schule befreien wollte, hat sich offenbar auch als Ökonom betätigt, da sich doch bei uns sein wenig bekanntes Werk Entschuldung der Gesellschaft gefunden hat. Naheliegender erkannte der iranische Publizist Bahman Nirumand im erdölreichen Mittleren Osten schon früh einen Sturm im Gold. Vom eminenten Theoretiker Wolf Lepenies war aufgeführt ein unerwartet prägnantes und konfrontatives Buch Kritik zur Anthropologie. Dazu ein Kürzestwitz. Sagt die Kritik zur Anthropologie: Schleich dii. Wobei erstere offensichtlich dem Wiener Kreis des logischen Empirismus entsprungen ist.

Strikt verwahren müssen wir uns allerdings gegen blöde Witze über Adornos Minima Moronia. Selbst wenn die neu gelesen zu werden versprechen.

sh