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Montag, 16. Dezember, 2019, 19 Uhr

"ausgelesen"
Peter Schneider stellt Bücher aus der Bibliothek vor

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Peter Schneider arbeitet in Zürich als Psychoanalytiker, Satiriker und Kolumnist (SRF3, Tages-Anzeiger, Bund und SonntagsZeitung). Er ist PD für klinische Psychologie an der Uni Zürich und unterrichtet an der International Psychoanalytic University (IPU) in Berlin History and Epistemology of Psychoanalysis.

Zuweilen scheint es, als ob Peter Schneider mehrere Identitäten besitzt. So umfangreich und so breit gefächert sind seine Tätigkeiten und seine öffentliche Wirkung. Neben einer psychotherapeutischen Praxis ist er Lebens- und Stilberater der etwas anderen Art beim "Tages-Anzeiger", Satiriker bei der "Sonntagszeitung" und im Radio, die Erzählerstimme für die Radiokrimis mit Philip Maloney, dazu Dozent an verschiedenen Universitäten und Instituten sowie ein begehrter Vortragender und Teilnehmer an Podiumsdiskussionen.

Alternativen zu Fakten und alternativen Fakten

Seine Kolumnen sind in mehreren Bänden gesammelt; aber in der Politisch-philosophischen Bibliothek f im bücherraum finden sich drei andere Bücher von ihm, aus den 1990er Jahren, in Alternativverlagen wie Nexus und edition Tiamat erschienen, zu einer kritischen Psychoanalyse; und einem dieser Bücher beigelegt ist eine zeitgenössische Kritik aus dem "Tages-Anzeiger", verfasst von einem nicht ganz unbekannten Journalisten, der sich, wie die Vernetzungen so gehen, unter den Zuhörenden im bücherraum f befand, als Peter Schneider Mitte Dezember sein "ausgelesen" präsentierte.

In den letzten Jahren ist Peter Schneider in einer breiteren Öffentlichkeit vor allem als Kolumnist und Satiriker präsent. Für den bücherraum hatte er allerdings nicht die Kolumnistenmütze, sondern den Wissenschaftlerhut aufgesetzt und sprach zum akuten Thema der Faktenproduktion, anhand der Geschichte der Psychoanalyse und der Wissenschaftstheorie.

Vom ersten Buch, das Schneider ausgelesen hatte, Sigmund Freuds "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" von 1905, findet sich im bücherraum die 5. unveränderte Auflage von 1922. Schneider wies darauf hin, dass Freud in den vorangegangenen Auflagen jeweils Veränderungen vorgenommen habe, und das deutete er als Zeichen für die grössere Flexibilität von dessen damaligem Denken. Der frühe Freud, etwa in der "Traumdeutung" (1899) und eben auch in den "Abhandlungen zur Sexualtheorie", habe das menschliche Triebschicksal viel offener verstanden, nicht als zwangsläufige Stufenfolge in der Entwicklung der Individuen. Eine rigidere Auffassung sei erst mit Ödipuskomplex und Kastrationsangst und Penisneid entworfen worden, mit denen sich die Freudsche Lehre dogmatisch verfestigt habe. Die frühere offenere Version sei allerdings jederzeit zu bevorzugen, nicht zuletzt sei sie anschlussfähiger an die heutige Queer-Theorie.

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Wenn Schneider, wie er erzählte, Freud schon frühreif, als Vierzehnjähriger, gelesen hatte, so kam er zu Michel Foucault als Spätzünder, 1982, als er an einer Magisterarbeit arbeitete, in der er mit Wilhelm Reich und Herbert Marcuse die Sexualität als Befreiungskraft feiern wollte. Doch Arbeiten von Wolfgang Fritz Haug zur Modellierung der Sexualität im Dienste des kapitalistischen Warenkonsums hätten diese Vorstellung in Frage gestellt, und nachdem Schneider Foucaults "Sexualität und Wahrheit" (1976-1984) gelesen hatte, war es endgültig vorbei mit der fröhlichen Lobrede auf die Sexualität.

Eine ebensolche Wirkung gegen ein eindimensionales Verständnis der gesellschaftlichen Realität billigte er auch John L. Austins Sprechakttheorie zu. Erstmals 1962, posthum, veröffentlicht, lehrte Austins "How to Do Things with Words", Sprache nicht nur als kommunikative Funktion zu sehen, sondern als performativen Akt zu begreifen. Das hat zwei Dimensionen. Erstens ist Sprechen immer auch Handeln. Zweitens wird mit Sprache nicht nur, in direkter Referenzbeziehung, ein äusserlicher Gegenstand bezeichnet, sondern als Sprechende verhalten wir uns aktiv zu diesem, verorten ihn, schaffen ihn erst eigentlich in einem bestimmten Kontext.

Man kann das als realistische Wende in der Sprachwissenschaft bezeichnen; sie hat in einem breiteren Verständnis wissenschaftsgeschichtliche Vorläufer, insbesondere Ludwik Fleck. Fleck (1896-1961), ein polnischer Mikrobiologe, Immunologe und Wissenschaftshistoriker, hat bereits 1935 die Arbeit "Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache" über die soziale Gebundenheit von Wissen und Wissenschaften veröffentlicht. Fleck überlebte Auschwitz und Buchenwald, forschte nach dem Krieg wieder in Polen und verstarb schliesslich in Israel. Seine Arbeit von 1935 entfaltete zu Lebzeiten kaum Wirkung. Doch in seinem einflussreichen Werk "Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen" (1962) erwähnte Thomas S. Kuhn die Arbeit von Fleck im Vorwort als "eine Arbeit, die viele meiner eigenen Gedanken vorwegnimmt", was Fleck eine gewisse Renaissance bescherte; nach einer Neuausgabe von 1982 kommt die Wissenschaftsgeschichte heutzutage nicht mehr um eine Referenz zu Ludwik Fleck herum.

Faktizität, so zeigte Fleck in der Analyse von Laborexperimenten und Lehrbüchern, ist nicht objektiv gegeben, sondern immer auch ein Konstrukt. Theorien wirken normativ, bezeichnen Demarkationen "richtigen Denkens", grenzen umgekehrt aus. "Fakten" sind also in Denkstilen verankert.In die gleiche Richtung arbeitet Bruno Latour. Der schreibt seit den 1980er Jahren über eine neue Wissenschaftssoziologie, ist aber erst seit etwa zehn Jahren bei uns einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Die Politisch-philosophische Bibliothek ist in ihren Beständen nicht ganz vollständig, deshalb nahm Peter Schneider von Latour das eher leichtgewichtige Werk "Elend der Kritik" (2007) als Illustration.

Latour belegt, wie Fleck und Kuhn, an verschiedenen Wissenschaftszweigen, wie Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt sich gegenseitig bedingen. Der wissenschaftliche Forschungsprozess bildet eine Referenzkette, in der sich die weitergegebenen Informationen durch vielfältige Faktoren - Menschen, Apparate, Stoffe, Räume - ständig verändern. In "zirkulierender Referenz" wird abstrahiert, konkret angereichert, dann wieder abstrahiert. Die entstehenden Denkstile, Paradigmen bestimmen ihrerseits den Erwartungshorizont für neue Erkenntnisse.

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Die sogenannte Sokal-Affäre von 1996 belegte dies in eher satirischer Form. Ein Nonsens-Text in avanciertestem postmodernem Jargon geschrieben, war damals von mehreren renommierten Fachzeitschriften abgedruckt worden. Er zeigte, dass vor allem in den Geisteswissenschaften alles verschwurbelt werden kann; gewichtiger, oder spektakulärer, ist der Kampf in den Naturwissenschaften um die Gültigkeit von Experimenten, aus denen womöglich aus ungeprüften Vorannahmen falsche Schlussfolgerungen gezogen werden.

Indem er die soziale Konstruktion von Fakten betont, wendet sich Latour auch gegen jeden Essenzialismus, der Gegenständen inhärente, ahistorische Eigenschaften zuweist. Latour hat aber auch schon Gegensteuer gegen eine jüngere anti-wissenschaftliche Tendenz gegeben. Die Erkenntnis, dass Wissenschaft sozial konstruiert werde, könne auch dazu missbraucht werden, jedes Wissen unter Generalverdacht zu stellen. Ein solcher Kulturrelativismus sei ebenfalls gefährlich. Gerade in "Elend der Kritik" zeigt er sich erschrocken darüber, wie weit Verschwörungstheorien eine rationale Diskussion abgelöst hätten. Die soziale Konstruktion von Wissen sei nicht im ideologischen Sinn alternativer Fakten zu verstehen, sondern in dem Sinn, dass sich aus unterschiedlichen Ansätzen unterschiedliche Erklärungsversuche anbieten.

In der Diskussion brachte Jakob Tanner Macht und Geld ins Spiel. Der Druck auf die Wissenschaften entstehe gegenwärtig weniger durch interne Anfechtungen, sondern komme von aussen, etwa wenn US-Präsident Trump die Umweltbehörde ausblute und damit auch deren wissenschaftliche Arbeit erschwere. Für die innerwissenschaftliche Diskussion um Forschungsstandards und Korrekturmechanismen ist Tanner zuversichtlich, aber der Druck von aussen nehme unzweideutig zu.

Wie sieht es umgekehrt mit dem politischen Engagement der Wissenschaften aus? Peter Schneider hatte angedeutet, der jüngste "March for Science" kehre mit dem Selbstbewusstsein, mit dem die wissenschaftliche Wahrheit verkündet und auf die Macht der Fakten vertraut werde, in die zwanziger Jahre zurück. Dagegen erhob sich der Einwand, oder die Frage, ob WissenschaftlerInnen gegenwärtig nicht gezwungen seien, gegen die Abwertung, ja Verächtlichmachung wissenschaftlicher Erkenntnisse diese zu vereinfachen, um überhaupt öffentliche Wirkung zu erzielen. Zur Präzisierung seiner Position führte Schneider nach Gil Eyals Buch "Crisis of Expertise" das Bild einer dreispurigen Autobahn ein: Auf dem Pannenstreifen werde Grundlagenforschung betrieben, die Überholspur sei jene Schnellbahn, in der durch die Politik rasche Entscheidungen getroffen würden, und in der mittleren Spur gehe es ums Aushandeln zwischen wissenschaftlichen und politischen Ansichten und Notwendigkeiten.

Hier allerdings war im bücherraum die Notwendigkeit gekommen, sich ein wenig zu verköstigen und stärken.

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