bücherraum f

ein raum - zwei bibliotheken - viele debatten

Jungstrasse 9, 8050 Zürich

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Montag, 16. Dezember, 2019, 18 Uhr

Getauft und amen: Reimgewinn

Pflanze, jpg 33 kb

Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben, hat Robert Musil einmal gesagt und weiter erklärt, die Möglichkeiten seien die noch nicht erwachten Absichten Gottes. Man kann dieses gloriose Bild, so wie es Musil selbst zweifellos gemeint hat, auch säkular interpretieren: die noch nicht erwachten Absichten der Natur, der Menschen. Jede Fiktion zielt auf dieses noch nicht Erweckte. Die Utopie ist die am konsequentesten gedachte Möglichkeit. Doch die Utopie muss ihre Kraft, und ihre Überzeugungskraft, aus dem Boden des Alltags schöpfen.

Dabei setzt Sprachkunst generell neue Bilder und Wörter in Szene. Es gibt eine ehrwürdige Tradition von Büchern, die den vorhandenen Wörtern in geradezu lexikalischer Form eine neue Bedeutung und Existenz oder sogar neue Wörter in die Existenz setzen wollen, von Gustave Flauberts "Wörterbuch der Gemeinplätze" (posthum 1913) über "Des Teufels Wörterbuch" (1911) von Ambrose Bierce bis zu "The Meaning of Liff" (1983) von Douglas Adams und John Lloyd. René Gisler hat diese sprachschöpferische Lust in eine weitere Grössendimension vorangetrieben. In dem von ihm verantworteten "Thesaurus Rex" (2019) gibt es ein paar zehntausend Einträge zu möglichen Wörtern und ihre möglichen Bedeutungen.

Mit seinen so genannten Wortpflanzungen geht er einen Schritt weiter, und zugleich einen zurück: Die Fiktion wird ans Reale zurückgebunden. Eine Wortschöpfung bekommt eine Gestalt in Form einer schon vorhandenen Pflanze und wird damit in neuer Form existent. Das kann sich geradezu alchemistisch im Dunkeln vollziehen.

Dem bücherraum f hatte Gisler eine Auswahl möglicher Wortpflanzungen angeboten, und nach einem komplizierten Verfahren unterbreiteten wir ihm unsererseits zwei zur Auswahl. Monika Z. hatte die notwendigen Vorkehrungen getroffen, die Pflanze besorgt, eine Yucca filamentosa, die feinblättrige, hatte den Topf verankert - der Boden des Alltags - und einen goldenen Schleier für den Moment der Enthüllung vorbereitet. Den vollzog der Schöpfer, da er uns eine, seine letzte, Auswahl vorsetzte, selbst.

Jetzt steht also die "Reimgewinn" (Incrementum loqui), passend zum Unterfangen des bücherraums f, den Büchern einen Mehrgewinn abzulauschen, vor dem bücherraum an der Jungstrasse.

In der Veranstaltung am gleichen Tag wies der Psycho- und Sprachanalytiker Peter Schneider darauf hin, dass Sprache nicht einfach bezeichne, sondern ihre eigene Realität schaffe, einerseits als Sprachakt, als Handlung, andererseits indem sie den Gegenständen, auf die sie verweist, wie bei einer Taufe erst die soziale Existenz verleiht. Das Bild der Taufe lässt sich zwanglos mit dem von Louis Althusser beschriebenen Vorgang der Anrufung verknüpfen: Indem jemandem ein Name verliehen wird, mit dem man ihn anruft, wird er erst als Subjekt konstituiert. Indem die Yucca ilamentosa den Namen "Reimgewinn" bekommen hat, ist sie ein eigenständiges Subjekt geworden, die einzige Pflanze ihrer Art auf der ganzen Welt.

sh

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