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Freitag, 21. Juni 2019, 19 Uhr

"in der Diskussion"
Ach, diese Religion

Die Linke tut sich schwer mit der Religion, sieht sie zumeist durchs aufgeklärte Bewusstsein überholt. Marx hatte mit dem Bonmot von der Religion als "Opium des Volkes" noch den kreativen Umgang mit sozialen Nöten im Blick. Doch eine linke Religionskritik heisst für Rolf Bossart nicht, Glauben loszuwerden, sondern sich über Herkunft und Funktion des Glaubens Rechenschaft zu geben - auch des eigenen. Bossart ist Theologe, Dozent für Religionswissenschaft und Psychologie sowie Publizist.

Die notwendige Schuld
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Doch, wir brauchen ein Konzept der Schuld. "Verantwortung" greift für Rolf Bossart zu kurz. Ethische Kategorien seien zu allgemein, man müsse dem Individuum eine ebenso emotionale wie vernunftmässige existenzielle Erschütterung zugestehen.

Das war eine der pointierten Stellungnahmen von Bossart bei seinem Besuch im bücherraum f am 21. Juni. Dass die kapitalistische Schuldenwirtschaft uns umklammere, sei ebenfalls kein Grund, die modische Abwertung, ja Verneinung des Schuldbegriffs mitmachen.

Rolf Bossart ist Theologe, Dozent für Religionswissenschaft und Psychologie sowie Publizist. Seines Erachtens braucht es eine Religionskritik auf der Höhe der Zeit. In der Linken ist es dazu nicht zum Besten bestellt. Marx hat zwar keine blosse Priestertrugtheorie vertreten, wonach die Menschen zur Religion verführt würden, sondern im religiösen Ausdruck immerhin eine bestimmte "Protestation gegen das wirkliche Elend" gesehen - doch ist darin letztlich auch ein Vorurteil gegen die Unvernunft der Religion angelegt. Das gängige Urteil, Religion sei durch die aufgeklärte Vernunft überholt, ist aber für Bossart seinerseits überholt. "Religion wird bleiben." Sie müsse als gültige Ausdrucksform menschlicher Welt- und Selbstdeutung anerkannt werden, in ihrer ambivalenten Vielfalt.

Die Menschen sind Zugriffen von aussen ausgesetzt. Entsprechend lassen sich Leiden und Schuld nicht wegkonstruieren. Dafür ein vages metaphysisches Bedürfnis zu setzen, sei eine etwas billige Ausflucht, vielmehr müsse man sich mit den konkreten religiösen Formen auseinandersetzen, die diese Beschäftigung mit dem Extraterritorialen historisch und aktuell gefunden habe.

Für eine komplexe Schulddiskussion führte Bossart auf Nachfrage das Beispiel von Pier Paolo Pasolinis Haltung zur Abtreibung an. Der Kapitalismus, dem alles käuflich gilt, kann ein Lebensrecht nicht garantieren, trifft aber in der Frage von Zeugung und Schwangerschaft auf moralische Vorbehalte. Die gesetzlich geregelte Abtreibung ist eine Lösung, die die Gesellschaft im Widerstreit zwischen libertärem Wirtschaftsprinzip und ethischen Einwänden gefunden hat. Pier Paolo Pasolini verschärfte das Dilemma. Er unterstützte politisch das Recht auf Abtreibung, hielt aber fest, dabei entstehe doch eine existenzielle Schuldhaftigkeit - bei Frau wie Mann.

Der behauptete Gegensatz von Religion und Aufklärung ist für Bossart zu einfach gedacht. Jede Religion habe ihre interne Aufklärung, auch der Islam. Die aufklärerische Freisetzung der Autonomie könne nicht verabsolutiert werden, Autonomie, Abhängigkeit und Gemeinschaftlichkeit stünden in einem unauflöslichen Verhältnis.

Die Veranstaltung hätte ein paar TeilnehmerInnen mehr vertragen; aber das illustrierte einmal mehr, wie sich die Linke schwer tut mit dem Thema. Die Anwesenden allerdings verwickelten sich in eine ebenso lebhafte wie fundierte Diskussion, mit kontrastierenden Hinweisen auf andere Religionsformen als die christliche.

Er selber ist skeptisch einem personifizierten Gottesbild gegenüber, aber in der Kinderpädagogik, antwortete Bossart auf eine entsprechende Frage, arbeite er durchaus mit handfesten Bildern eines personalisierten Gottes, die er den Kindern zur selbständigen Prüfung anbiete. Für ihn lassen sich die meisten christlichen Begriffe und Konzepte fortschrittlich füllen, wie er an einzelnen Beispielen verdeutlichte. Die Bergpredigt fordere, dass die Starken den Schwächeren verzeihen. Der barmherzige Samariter handelt nicht utilitaristisch, gegenüber äusseren Rechtfertigungen, sondern folgt seinem eigenen Impuls der Solidarität. Jesus anerkennt die gesellschaftliche Strafe für Ehebrecherinnen, aber der einzelnen Ehebrecherin kann verziehen werden. Solche historischen Beispiele seien natürlich zu aktualisieren, aber sie zeigten durchaus anknüpfungsfähige Denk- und Handlungsmuster. Die Nächstenliebe, mit der sich die Menschen gegenseitig ergänzten, stehe herrschenden Handlungsformen gegenüber, auch die Gemeinde biete als Gemeinschaft eine Gegenpraxis an.

So verstanden sei Religion ein Befreiungsangebot, als Möglichkeit der ständigen Erneuerung.

Sh

Lesehinweis:

Rolf Bossart: Zur Religionskritik von Marx, mit Marx und über Marx hinaus. In: Cédric Wermuth / Beat Ringger (Hrsg.): MarxnoMarx. 33 Linke zur Frage, wie das Werk von Marx heute wieder fruchtbar gemacht werden kann. Ein Denknetz-Buch in der edition 8. Zürich 2018, S. 211 - 218.

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