bücherraum f

ein raum - zwei bibliotheken - viele debatten

Jungstrasse 9, 8050 Zürich

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Sonntag, 16. Juni 2019, 14 Uhr

Vierter Zürcher Büchner-Tag
Ein Rundgang

Georg Büchner in Oerlikon: Dazu gibt es Neues zu sagen. Wo der Schriftsteller und Flüchtling bei der Einreise nach Zürich 1836 wirklich die Pferde wechselte. Ob sich sein Friede, den er den Hütten wünschte, im Regina-Kägi-Hof niedergelassen hat. Was Max Bill und Max Frisch weiterhin von Büchner hielten. Ob sich die Rüstungsindustrie in Oerlikon angreifen lässt. Und was es mit den Grafitti am Gewerkschaftshaus auf sich hat.

Büchners in Zürich
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Die Luise-Büchner-Gesellschaft kam rechtzeitig zum Frauenstreik 2019 nach Zürich. Vor knapp zehn Jahren in Darmstadt gegründet, widmet sich die Gesellschaft Leben und Werk von Luise Büchner (1821-1877). Die jüngere Schwester von Georg Büchner war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine bekannte Bildungsreformerin und Frauenrechtlerin; verschiedene ihrer Sachbücher und belletristischen Werke sind in Neuauflagen weiterhin erhältlich. Dass die mehrtägige Reise der Gesellschaftsmitglieder den zweiten Schweizer Frauenstreik am 14. Juni einschloss, war da durchaus passend.

Unter der kundigen Leitung von Martina Kuoni setzte man sich am Freitag zuerst auf die Spuren von Frauen in Zürich, von Emilie Kempin-Spyri über Claire Goll und Ricarda Huch bis zu Caroline Farner. Im Gymnasium auf der Hohen Promenade übten die Jugendlichen gerade Debatten zu Klimanotstand und Frauenstreik. Und die Frauendemo am späteren Nachmittag beeindruckte die BesucherInnen aus Hessen aufs Schönste.

Rosa Luxemburg

Am Abend war die Gesellschaft dann im bücherraum f eingeladen. Melinda Nadj Abonji, stark bewegt vom Frauenstreik, hatte eben gerade einen Text fertig gestellt, über Rosa Luxemburg, den sie druckfrisch vortrug; seither ist er digital in der "Republik" erschienen.

Die Revolutionärin Rosa Luxemburg (1871-1919) hat neun Jahre in Zürich verbracht und hier studiert, weil im deutschsprachigen Raum nur an der Universität Zürich Frauen und Männer gleichberechtigt zugelassen waren. Ab Mai 1889 wohnte sie in Zürich Oberstrass, ab Oktober 1889 belegte sie Philosophie, Mathematik, Botanik und Zoologie. 1892 nahm sie das Studium der Rechtswissenschaft auf, 1893 schrieb sie sich zudem in Staatswissenschaften ein.

Mehrfach wechselte sie in den neun Zürcher Jahren die Unterkunft, immer in der Nähe der Universität verbleibend. Rasch fand sie Kontakt zu deutschen, polnischen und russischen EmigrantInnen. Eine Zeitlang wohnte sie beim emigrierten SPD-Politiker Carl Lübeck, dessen Sohn Gustav sie später heiratete, um den deutschen Pass zu bekommen. In einem weiten Freundes- und Gesprächskreis suchte sie emigrierte StudentInnen und Arbeitern zusammenzubringen. Im Mai 1897 wurde ihre Doktorarbeit über "Polens industrielle Entwicklung" von der Universität angenommen, womit sie als erste Frau in Zürich zur Dr. oec. promovierte; ihr Doktorvater Julius Wolf nannte sie später den "begabtesten Schüler" seiner Zürcher Zeit. Im Mai 1898 reiste sie schliesslich nach Deutschland.

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Melinda Nadj Abonji beschrieb ihre Faszination durch Luxemburg, deren Vielseitigkeit und Offenheit, in einem dichten Text. Erst spät, gegen herrschende Vorurteile, sei sie Luxemburgs Sätzen begegnet und habe in diesen einen "klaren, kräftigen Herzschlag" vernommen, so ganz anders als in andern politischen Texten. Bei Luxemburg sei jederzeit eine Sprachmelodie voll erzählerischer Eleganz und Genauigkeit zu spüren.

Mit Briefzitaten belegte Nadj Abonji Luxemburgs Verbundenheit mit der Natur, die keine bloss aufgesetzte Empathie sei, sondern ein Mitfühlen im genauen Wortsinn. Luxemburgs Existenz gehöre einem "Lebensrhythmus an durch ihre zugewandte Aufmerksamkeit und ihre Vorstellungskraft", die Details mit grösseren Zusammenhängen verbinde. Gerade daraus sei ihr radikaler Antimilitarismus ebenso wie der Antiimperialismus erwachsen, gegen alle Gewalt, die den Menschen, Tieren und Dingen weltweit angetan werde.

Doch jede Beschäftigung mit Luxemburg sehe sich schliesslich mit dem Schmerz ihrer Ermordung konfrontiert, die unter schändlicher Duldung oder gar mit Hilfe der deutschen Sozialdemokratie geschehen sei. So viel sollte mit ihr getötet werden: Aufmerksamkeit, Weiterdenken, Hoffnung, Kritik am jämmerlichen Opportunismus, revolutionäre Ungeduld. Und dennoch sei das alles nicht verstummt. "Ja, die vielsprachige Rosa Luxemburg gibt keine Ruhe, sie ruft mir beherzt zu, auf Polnisch, Russisch, Deutsch, Französisch, Jiddisch: ’Die Revolution ist grossartig, alles andere ist Quark!’"

Der Zürcher Aufenthalt hat immerhin eine kleine Spur hinterlassen, eine Gedenktafel an der Plattenstrasse 47, wo Luxemburg 1894/95 wohnte, angebracht am Haus zur Platte, der Villa Wehrli, in dem das Englische Seminar der Universität residiert.

Melinda Nadj Abonji ist das entschieden zu wenig. "Baut dieser Frau endlich ein Denkmal!", ruft sie der Stadt Zürich zu und hat auch schon zwei mögliche Vorschläge: Eine Skulptur Rücken an Rücken zu Alfred Escher auf den Bahnhofplatz gestellt, um Eschers Blick auf die Bahnhofstrasse als Ort des Geldes und des Konsums die Sicht auf den Bahnhof als Ort des migrantischen Daseins entgegenzustellen. Oder dann könnte man den Helvetiaplatz umbenennen. "’Treffen wir uns am Rosalux?’ Klingt doch gut!"

Der Vorschlag fand im bücherraum f lebhaften Zuspruch - die Luise-Büchner-Gesellschaft hat nach langem Lobbyieren letztes Jahr in Darmstadt ein Denkmal für die Frauenrechtlerin einweihen können. Mittlerweile ist in Zürich in der Sache Luxemburg bereits eine Motion im Gemeinderat eingereicht worden.

Von der Spiegelgasse nach Hottingen
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Am Samstag, den 15. Juni, machte sich die Gesellschaft unter Anleitung von Stefan Howald auf die Spuren von Georg Büchner, vom alten Universitätsgebäude an der Kappelergasse über den Fischmarkt und - natürlich! - die Spiegelgasse bis zum ehemaligen Krautgartenfriedhof beim Kunsthaus. Man endete mit einem Abstecher nach Hottingen, wo Marie Heim-Vögtlin gearbeitet und gelebt hatte, die 1875 als erste Schweizer Ärztin zu praktizieren begann. Im Haus an der Hottingerstrasse 25 war sie von Luise Büchner im gleichen Jahr besucht worden, anlässlich der Gedenkfeier für Georg Büchner, nachdem dessen Gebeine vom aufgehobenen Friedhof Krautgarten auf den Germaniahügel beim Rigiblick versetzt worden waren. Luise Büchner verfasste darüber einen Bericht; beinahe interessanter als die offizielle Gedenkfeier, die überwiegend von Männern dominiert wurde, beschreibt sie ihren weiteren Zürich-Aufenthalt. Sie benutzte nämlich die Gelegenheit, um Schweizer Bildungsreformerinnen zu besuchen, neben Heim-Vögtlin etwa auch die Italienischlehrerin Sophie Heim und die Schriftstellerin Susanna Müller, die sie ihrerseits in das Schweizer Bildungssystem einführten.

Büchner und Oerlikon

Am Sonntag, den 16. Juni, bildete der bücherraum f den Ausgangspunkt für den vierten Zürcher Büchner-Rundgang. Im bücherraum ist gegenwärtig ein Fotoessay von Florian Bachmann zu sehen, in dem Georg Büchner durchs zeitgenössische Zürich wandert.

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Erste Station des Rundgangs bildete die Eisfeldstrasse 6, wo einst Niklaus Meienberg gewohnt und ein Gedicht über eine Liebe verfasste, die an der Büchnerstrasse ihren Anfang genommen hatte. Gleich um die Ecke, an der Friesstrasse, befinden sich mehrere Apartmenthäuser der Swiss Star Apartments. "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" ist ein Motto, das Büchner aus der Französischen Revolution übernommen hat, und die zeitgenössische Wohnpolitik begleitete die Wanderung untergründig. WOZ-Redaktor Daniel Stern erläuterte das dubiose neue Geschäftsmodell, die lokale Wohnbevölkerung durch Auskernung von Wohnhäusern und Umwandlung in Apartments zu vertreiben.

Während der Büchner-Rundgang 2018 eher die Seite gegen Seebach hin erkundet hatte, ging es diesmal via den Max-Frisch-Platz und den MFO-Park Richtung Westen und Neu-Affoltern. Armin Büttner und Adrian Riklin lasen jeweils passende Originaltexte von Büchner. Etwa beim Gustav-Ammann-Park im heutigen Gelände der Rheinmetall Air Defence AG. Der Park samt so genanntem "Wohlfahrtshaus" war 1942 vom Waffenproduzenten Emil Bührle angelangt worden, um mithilfe einer zufrieden gestellten Arbeiterschaft seine Gewinne steigern zu können. Die verschiedenen Essräume liess er mit grosszügigen Wandfresken verschiedener zeitgenössischer Künstler wie Ernst Georg Rüegg, Max Truninger und Karl Hügin schmücken. Sie sind noch heute im Firmenrestaurant zu besichtigen. Ein anderer Teil der ehemaligen Waffenfabrik Oerlikon-Bührle ist durch die Genossenschaftssiedlung der ABZ, der Regina-Kägi-Hof, überbaut worden. Weiter nördlich findet sich das Gewerbehaus Noerd, das die kreativen Industrien ins de-industrialisierte Oerlikon bringt. Via den Mascha-Kaleko-Weg und den Max-Bill-Platz kehrte man zur Binzmühlestrasse zum ehemaligen SMUV-Haus mit den Wandfresken von Adolf Funk aus dem Jahr 1844 zurück, über die sich einige Recherchen aus dem Sozialarchiv mitteilen liessen.

Ein radikales Ehepaar
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Am 27. Juni erwiderte Stefan Howald den deutschen Besuch in Riedstadt-Goddelau, im bewundernswürdigen Büchnerhaus. Im Gepäck trug er einen Vortrag über Caroline und Wilhelm Schulz mit: "Aus der Geschichte der deutschen Demokratie, und der schweizerischen dazu". Wilhelm Schulz (1797-1860) und seine Frau Caroline Schulz Sartorius (1801-1847) flüchteten 1836 als oppositionelle DemokratInnen aus Hessen, lernten in Strassburg den ebenfalls exilierten Georg Büchner kennen und wohnten ab November 1836 Wand an Wand mit ihm an der Spiegelgasse 12. Caroline Schulz pflegte Georg Büchner in den letzten Wochen bis zu dessen Tod am 19. Februar 1837 und hat bewegende Notizen dazu hinterlassen.

Kurz danach zogen die Schulzens vor die Tore der Stadt Zürich, nach Hottingen, an die Gemeindestrasse 27. Die Schulzens verkehrten vor allem in der deutschen Exilszene um Adolf Ludwig Follen und Julius Fröbel, befreundeten sich mit Georg und Emma Herwegh, mit Ferdinand und Ida Freiligrath, auch mit einem jungen Gottfried Keller. 1843 veröffentlichte Schulz im Literarischen Comptoir von Julius Fröbel das Buch "Bewegung der Produktion", in dem er eine materialistische Gesellschaftsentwicklung skizzierte und das Karl Marx sehr schätzte. Zugleich war er als vielseitiger Publizist tätig.

Caroline erlag 1847 einer vermuteten Krebserkrankung. Die schriftlichen Dokumente von ihr sind spärlich, aber allen Zeugnissen nach muss sie eine eindrückliche, ebenso selbständige wie hilfsbereite Frau gewesen sein, die nicht nur Georg Büchner, sondern auch Georg Herwegh und Gottfried Keller eine anregende ältere Freundin war.

Nach den Märzstürmen in Wien und Berlin konnte Schulz 1848 erstmals wieder auf das Gebiet des deutschen Bundes zurückkehren und gehörte 1848/49 als hessischer Abgeordneter zu den gemässigten Linken im Frankfurter Parlament. Nach dessen Scheitern kehrte er nach Hottingen zurück. Hier blieb er weiterhin publizistisch tätig, insbesondere zur Militär- und Aussenpolitik, mit abnehmender Wirkung. 1860 starb er in Hottingen, weitgehend vergessen.

Der illustrierte Vortrag von Stefan Howald lässt sich hier nachlesen.

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