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Montag, 28. Januar 2019
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Monika Stocker: Zürich von unten. Geschichte und Geschichten

Zürich, die reiche schöne Stadt hat eine Unterseite: Armut, schräge Biografien, Drogen und Sucht Monika Stocker war während vieler Jahre "Mittendrin" - im gleichnamigen Buch erzählt sie Geschichte und Geschichten aus fünf Jahrzehnten Sozialarbeit.

Zwischen Aufbruch und Abbruch

Sie hat viel zu erzählen - 50 Jahre war Monika Stocker in der Sozialarbeit tätig, theoretisch, praktisch und politisch. Im bücherraum f präsentierte sie am 28. Januar vor gut gefüllten Reihen ein paar Ausschnitte aus diesem halben Jahrhundert, zum Teil frei extemporiert, zum Teil aus "Mittendrin" vorgetragen, ihrem jüngsten Buch, in einer Mischung von Anekdoten und Reflexionen, lebhaft, anschaulich, gut in den Zeitgeist eingebettet.

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Dem Aufbruch von 68 rechnet sie sich zu, als das Wünschen noch stark war und zuweilen geholfen hat. In mehreren Bewegungen war sie aktiv, in der Frauen- und Friedensbewegung, später in der ökobewegung, für sie auch in die Parteipolitik einstieg: 1987 wurde Monika Stocker Nationalrätin der Grünen, als die sie 1991 die erste Frauensession initiierte. 1994 dann der Sprung ins Exekutivamt, als Sozialvorsteherin der Stadt Zürich, sofort mit dem Drogenproblem konfrontiert. Angesichts der zunehmenden Verelendung der offenen Drogenszene waren in Zürich fortschrittliche Ansätze erprobt worden, doch blieb die Politik immer im Spannungsfeld zwischen Liberalisierung bzw. Legalisierung und Repression. Drastisch schilderte Monika Stocker, wie man am Zürcher Letten mit Baggern Müll und Dreck wegräumte, um den Abhängigen ein paar Wochen lang einen weniger schmutzigen überlebenskampf zu ermöglichen. Und der Staat sah sich in den Kampf der Drogendealer verwickelt. Nach dem Tod mehrerer Kleinhändler hatten die libanesischen Händler einen Boykott ausgerufen, mit verheerenden Folgen, und so wurde beschlossen, die Leiche eines Landsmanns vorzeitig freizugeben, damit der Boykott aufgehoben wurde. Der Versuch, pragmatisch und liberal mit der schrecklichen Realität umzugehen, wurde umgekehrt im benachbarten östlichen Ausland mit wütenden Attacken wegen des angeblich drohenden Untergangs des Abendlands beantwortet.

In anderen Bereichen war, trotz lang anhaltenden neoliberalen Drucks, um die Jahrhundertwende herum ebenfalls noch ein Rest Aufbruchstimmung vorhanden, etwa im Ausbau menschengerechter Alterspflege. Monika Stockers Sozialpolitik wurde dabei zuweilen von linker Seite bestritten, wie es eine Intervention an diesem Abend ansprach, etwa der Aufbau eines zweiten Arbeitsmarkts, dessen Löhne die normalen Mindestlöhne auszuhöhlen und die Unternehmen aus der Pflicht zur Integration behinderter Menschen zu entlassen schienen.

Auch auf ihren schwierigen Abgang 2008 kam Monika Stocker offen zu sprechen, als sensationalistisch über einzelne Betreuungsfälle berichtet wurde und sie sich nicht verteidigen wollte und konnte, weil sie es aus juristischen und ethischen Gründen ablehnte, Details einzelner Fälle offenzulegen - so wie sie auch den Namen jenes "Weltwoche"-Journalisten nicht nannte, der ihr unverhohlen angekündigt hatte, sie öffentlich fertig zu machen.

Sozialarbeit befindet sich seit längerem in der Defensive, wie es einige lebhafte Nachfragen und Interventionen aus der Praxis deutlich machten, und auch etliche Medienschelte ist, etwa bezüglich der Diskussion um die Kesb, nicht unberechtigt. Umso wichtiger sind solche Erinnerungen an zeitgenössische Alternativen.

sh

Monika Stockers "Mittendrin" und ihre anderen Bücher sind erhältlich unter Monika Stocker oder in der befreundeten Buchhandlung Nievergelt in Zürich-Oerlikon.

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