bücherraum f

ein raum - zwei bibliotheken - viele debatten

Jungstrasse 9, 8050 Zürich

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Veranstaltungen

Der bücherraum f ist ein Begegnungszentrum. Umgeben von Büchern bietet sich darin die Möglichkeit, in intensivem Rahmen zu debattieren. Ein breit gefächertes Programm mit Lesungen, Vorträgen und Diskussionen wird sich mit historischen und aktuellen Publikationen und Fragen auseinandersetzen. Der Raum steht aber auch gegen einen Unkostenbeitrag für private Initiativen zur Verfügung. Wer etwas zur Diskussion stellen will, kann das hier in anregender Ambiance tun.


Mo, 18. Februar, 19 Uhr

"ausgelesen"
Melinda Nadj Abonji stellt Bücher aus der Bibliothek vor

Melinda Nadj Abonji schreibt Romane und Essays, performt Texte, spielt Geige und singt. Sie ist Trägerin des Deutschen und des Schweizer Buchpreises sowie weiterer Auszeichnungen. Aufgewachsen ist sie im jugoslawischen Bečej in der Vojvodina, heute lebt sie in Zürich.

Freitag, 22. Februar, 19 Uhr

Monika Wicki: Robert Grimm in Oerlikon

Gleich um die Ecke vom bücherraum f hat Robert Grimm seine Lehre abgeschlossen. Der Gewerkschafter und Landesstreikführer ist vielfältig mit der Oerlikoner Industriegeschichte verknüpft. Monika Wicki, Präsidentin der Robert-Grimm-Gesellschaft, erzählt aus einem kämpferischen Leben.

Donnerstag, 7. März, 19 Uhr

"In der Diskussion": Wohnbaugenossenschaften

Wie Wohnen in Zürich? Wohnungsnot, Ersatzneubau und Umnutzung geben heftig zu reden. Was können und sollen da die Wohnbaugenossenschaften leisten? Darüber diskutieren Alfons Sonderegger, zwanzig Jahre lang Präsident der Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ) im Friesenberg, und Christian Häberli, Mitglied der neuen Genossenschaft Grubenacker in Seebach.

Montag, 11. März, 19 Uhr

"ausgelesen"
Jeannette Fischer stellt Bücher aus der Bibliothek vor

Jeannette Fischer ist Psychoanalytikerin. Sie kuratierte Ausstellungen und machte Dokumentarfilme für das Fernsehen SRF. Letztes Jahr sind zwei Bücher von ihr erschienen: "Psychoanalytikerin trifft Marina Abramovic" und "Angst - vor ihr müssen wir uns fürchten".

Freitag, 22. März, 19 Uhr

Lesung von Dagmar Schifferli: "Wegen Wersai"

Eine gutbürgerliche Familie Mitte der sechziger Jahre in der Schweiz. Mattmark-Unglück im Wallis, Expo 64, Frankfurter Auschwitz-Prozess. Familienausflüge mit dem Auto oder Sommerferien im Tessin ebenso wie Fremdenfeindlichkeit, repressive Erziehungsmethoden und streng geschützte Familiengeheimnisse. Doch weshalb soll Versailles an allem schuld sein?
Moderation: Madeleine Marti

Montag, 8. April, 19 Uhr

"ausgelesen"
Ueli Mäder stellt Bücher aus der Bibliothek vor

1968 ist vorbei. Was bleibt? fragte Ueli Mäder in seinem letzten Buch. Und jetzt? Wie weiter? Auf der Suche nach Antworten interessieren politisch literarische und biographische Dokumente, die widerständige Ansätze reflektieren. Ueli Mäder ist Soziologe und emeritierter Professor der Universität Basel. Er arbeitet über soziale Ungleichheiten und Konflikte.

Freitag, 26. April

"In der Diskussion"

Philipp Löpfe über Trump und den Populismus

Freitag, 17. Mai

"In der Diskussion"

Franziska Schutzbach zur Rhetorik der Rechten

Mittwoch, 5. Juni

Isolde Schaad: Der hinkende Giacometti

Sonntag, 16. Juni

Vierter Zürcher Büchner-Rundgang

Freitag, 21. Juni

"In der Diskussion"

Rolf Bossart zum Umgang der Linken mit der Religion

Montag, 9. September

"ausgelesen"

Jo Lang stellt Bücher aus der Bibliothek vor.


frühere Veranstaltungen

Mo, 11. Februar, 19 Uhr
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Beat Dietschy: Die Geburt der Utopie aus dem Geist der Alpen

Der Philosoph Ernst Bloch hat gegensätzliche Erfahrungen mit der Schweiz gemacht. Im ersten Weltkrieg schlugen ihn Freunde als Kriegsgegner zum Ehrenbürger von Interlaken vor - 1934 in Zürich im Exil, wo sein Buch "Erbschaft dieser Zeit" erschien, wurde er von der Fremdenpolizei ausgewiesen. Beat Dietschy war Mitarbeiter Blochs in Tübingen und ist Mitherausgeber des "Bloch-Wörterbuchs".

Zweimal musste der Philosoph Ernst Bloch ins Schweizer Exil, 1917/18 und 1933/34. Schon zuvor hatte es Anknüpfungspunkte zur Schweiz gegeben, und subkutan lassen sich Ausläufer in seiner Philosophie feststellen. Beat Dietschy, in den siebziger Jahren letzter persönlicher Mitarbeiter Blochs in Tübingen, referierte darüber ebenso unterhaltsam wie kenntnisreich am 11. Februar im bücherraum f.

Dietschy hatte den ihm eher spielerisch vorgesetzten Titel "Die Geburt der Utopie aus dem Geist der Alpen" zum Anlass für eine weit reichende Recherche zur Beziehung von Ernst Bloch zur Schweiz sowohl in lebensgeschichtlichen Anekdoten wie in der philosophischen Auseinandersetzung mit dem "Prinzip Schweiz" genommen. Ausgebildeter Theologe und Philosoph, ist Dietschy lange Jahre in der Entwicklungszusammenarbeit und als Journalist tätig gewesen, in produktiver Verbindung von Theorie und Praxis. Acht Bücher von ihm verfasst oder mit Beiträgen von ihm finden sich im bücherraum f, seine Dissertation "Gebrochene Gegenwart" zu Bloch, Artikel im "Vorschein", den Jahrbüchern der Ernst-Bloch-Assoziation, ebenso wie das von ihm mit herausgegebene magistrale "Bloch-Wörterbuch". Auch das andere Interessens- und Arbeitsgebiet der kritischen Theologie ist vertreten: "Ist unser Gott auch euer Gott?" mit vielen Gesprächen über Kolonialismus und Befreiung und der zusammen mit Annette Dietschy herausgegebene Band "Kein Raum für Gnade? Weltwirtschaft und christlicher Glaube", der Impulse aus vier Kontinenten versammelt. Das Werk von Ernst Bloch selbst darf unter dem Stichwort Kritischer Marxismus durchaus als ein Schwerpunkt der Politisch-philosophischen Bibliothek f gelten - von ihm finden sich nicht weniger als 110 Laufzentimeter sowie 35 Zentimeter Sekundärliteratur. Stöbern lohnt sich.

Der früh selbstbewusst in sich ruhende und zugleich umfassend neugierig auf die Welt zugehende Bloch war, wie Dietschy belegte, jeweils schnell in ein vielfältiges Beziehungsgeflecht eingebunden. Ab 1917, in Bern, Thun und Interlaken ansässig, schrieb er für "Die Freie Zeitung" unter Pseudonym über hundert Artikel. Die zweimal in der Woche in Bern erscheinende Zeitung mit dem Untertitel "Unabhängiges Organ für demokratische Politik" wurde publizistisch wesentlich vom Ex-Dadaisten Hugo Ball geprägt und setzte sich gegen den preussischen Militarismus und den Weltkrieg ein - unterstützt wurde sie übrigens vom pazifistischen Schokoladefabrikanten Theodor Tobler, so dass sich in vielen Ausgaben Inserate für die 1908 patentierte Toblerone finden. Bloch selbst erhielt zuweilen Geld durch den zum Kriegsgegner gewordenen ehemaligen Krupp-Direktor Wilhelm Muehlon, was ihm erlaubte, sein erstes grosses Werk "Geist der Utopie" zu beenden. 1918 befreundete sich Bloch mit dem ihm in manchem wesenverwandten Walter Benjamin, der damals in Bern dissertierte. Freunde schlugen Bloch als Ehrenbürger von Interlaken vor, um so eine Einbürgerung zu erleichtern. Doch als in Deutschland die Novemberrevolution begann, sah er dazu keine Notwendigkeit mehr, da er hoffte, ein neues Zeitalter breche an, wenn sich andere Länder die Schweiz als Bundesgenossenschaft als ein Vorbild nähmen und so etwas wie eine Weltschweiz entstünde.

Dass ihm die Schweiz auch 1933 ein Asyl bot, hat er ihr nie vergessen, obwohl der zweite Aufenthalt bitter endete. Vorübergehend wohnte er mit seiner Frau Karola in der Nähe an der Zollikerstrasse in Tiefenbrunnen bei Hans Mühlestein, einer heftig glühenden Gestalt des Schweizer Kulturlebens, dessen "Grosser Schweizerischer Bauernkrieg" von 1942 in Einigem von Blochs "Thomas Müntzer als Theologe der Revolution" profitiert haben mag. Blochs "Erbschaft dieser Zeit" erschien 1935 in Zürich bei Hans Oprecht, als Bloch wegen seiner publizistischen Tätigkeit schon des Landes verwiesen worden und via Italien nach Wien gereist war. Im gleichen Jahr publizierte Mühlestein einen Roman "Aurora" (1935); knapp zehn Jahre später wurde unter dem Namen Aurora als Synonym für die politische Morgenröte in New York ein Exil-Verlag gegründet, in dem Bloch 1946 sein Buch "Freiheit und Ordnung" veröffentlichte.

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Sichtbar wurde, gerade aus Dietschys persönlicher Kenntnis, Blochs imposante, zuweilen widersprüchliche Persönlichkeit. Den nie anwesenden, dennoch rettenden Augenblick mit seiner messianischen Verheissung suchte er durchaus auch in seinen Beziehungen zu Frauen. Dietschy warf denn auch Seitenblicke auf Blochs Ehefrauen, die Bildhauerin Else von Stritzky und Karola Bloch, née Piotrowska. Oder auch auf die etwa im Umkreis der "Neuen Wege" tätige Publizistin Margarete Susman. Da zeigte sich, leicht ironisch gesehen, eine gewisse behäbige patriarchale Selbstverständlichkeit. Zugleich war Bloch unendlich interessiert an Spuren des Ausbruchs, der Bewegung, des Aufbruchs. Diese Neugier stellte ihn 1968 entschieden an die Seite der antiautoritären Bewegung.

Dietschy vermochte die Anwesenden eine Stunde lang in Bann zu halten, gefolgt von Fragen und Interventionen, über Blochs Beziehung zu ausserdeutscher Philosophie, über das Verhältnis zur Sowjetunion, über Aktualität und Nachwirkung. Hübsch anekdotisch erläuterte er Blochs lässlichen Umgang mit Zitatquellen - ein apokrypher "Pseudoaristoteles" hat es sogar in den Ergänzungsband der Gesamtausgabe geschafft. Die Aktualität sieht Dietschy etwa in der "Erbschaft dieser Zeit" als einer nicht ökonomistischen Faschismusstudie, mit Vorgriffen zur Analyse des Populismus in Alltag und Medien. Die Optik auf die konkrete Schweiz mag ein wenig nostalgisch gefärbt gewesen sein, aber Bloch hatte, wie Dietschy betonte, ein Gespür für das Genossenschaftliche, die Commons, das Gemeinwohl - da fand sich einiges utopisches, vorscheinendes Material in der Schweiz.

"Ernst Bloch hätte Freude gehabt an diesem Bücherraum, zumal sie neben seinen Werken auch Agatha Christie in Hülle und Fülle enthält. Nur Karl May fehlt noch ...", hat Beat Dietschy in unser Gästebuch geschrieben. Was uns natürlich freut.

sh

Mo, 28. Januar, 19 Uhr

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Monika Stocker: Zürich von unten. Geschichte und Geschichten

Zürich, die reiche schöne Stadt hat eine Unterseite: Armut, schräge Biografien, Drogen und Sucht Monika Stocker war während vieler Jahre "Mittendrin" - im gleichnamigen Buch erzählt sie Geschichte und Geschichten aus fünf Jahrzehnten Sozialarbeit.

Zwischen Aufbruch und Abbruch

Sie hat viel zu erzählen - 50 Jahre war Monika Stocker in der Sozialarbeit tätig, theoretisch, praktisch und politisch. Im bücherraum f präsentierte sie am 28. Januar vor gut gefüllten Reihen ein paar Ausschnitte aus diesem halben Jahrhundert, zum Teil frei extemporiert, zum Teil aus "Mittendrin" vorgetragen, ihrem jüngsten Buch, in einer Mischung von Anekdoten und Reflexionen, lebhaft, anschaulich, gut in den Zeitgeist eingebettet.

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Dem Aufbruch von 68 rechnet sie sich zu, als das Wünschen noch stark war und zuweilen geholfen hat. In mehreren Bewegungen war sie aktiv, in der Frauen- und Friedensbewegung, später in der ökobewegung, für sie auch in die Parteipolitik einstieg: 1987 wurde Monika Stocker Nationalrätin der Grünen, als die sie 1991 die erste Frauensession initiierte. 1994 dann der Sprung ins Exekutivamt, als Sozialvorsteherin der Stadt Zürich, sofort mit dem Drogenproblem konfrontiert. Angesichts der zunehmenden Verelendung der offenen Drogenszene waren in Zürich fortschrittliche Ansätze erprobt worden, doch blieb die Politik immer im Spannungsfeld zwischen Liberalisierung bzw. Legalisierung und Repression. Drastisch schilderte Monika Stocker, wie man am Zürcher Letten mit Baggern Müll und Dreck wegräumte, um den Abhängigen ein paar Wochen lang einen weniger schmutzigen überlebenskampf zu ermöglichen. Und der Staat sah sich in den Kampf der Drogendealer verwickelt. Nach dem Tod mehrerer Kleinhändler hatten die libanesischen Händler einen Boykott ausgerufen, mit verheerenden Folgen, und so wurde beschlossen, die Leiche eines Landsmanns vorzeitig freizugeben, damit der Boykott aufgehoben wurde. Der Versuch, pragmatisch und liberal mit der schrecklichen Realität umzugehen, wurde umgekehrt im benachbarten östlichen Ausland mit wütenden Attacken wegen des angeblich drohenden Untergangs des Abendlands beantwortet.

In anderen Bereichen war, trotz lang anhaltenden neoliberalen Drucks, um die Jahrhundertwende herum ebenfalls noch ein Rest Aufbruchstimmung vorhanden, etwa im Ausbau menschengerechter Alterspflege. Monika Stockers Sozialpolitik wurde dabei zuweilen von linker Seite bestritten, wie es eine Intervention an diesem Abend ansprach, etwa der Aufbau eines zweiten Arbeitsmarkts, dessen Löhne die normalen Mindestlöhne auszuhöhlen und die Unternehmen aus der Pflicht zur Integration behinderter Menschen zu entlassen schienen.

Auch auf ihren schwierigen Abgang 2008 kam Monika Stocker offen zu sprechen, als sensationalistisch über einzelne Betreuungsfälle berichtet wurde und sie sich nicht verteidigen wollte und konnte, weil sie es aus juristischen und ethischen Gründen ablehnte, Details einzelner Fälle offenzulegen - so wie sie auch den Namen jenes "Weltwoche"-Journalisten nicht nannte, der ihr unverhohlen angekündigt hatte, sie öffentlich fertig zu machen.

Sozialarbeit befindet sich seit längerem in der Defensive, wie es einige lebhafte Nachfragen und Interventionen aus der Praxis deutlich machten, und auch etliche Medienschelte ist, etwa bezüglich der Diskussion um die Kesb, nicht unberechtigt. Umso wichtiger sind solche Erinnerungen an zeitgenössische Alternativen.

sh

Monika Stockers "Mittendrin" und ihre anderen Bücher sind erhältlich unter Monika Stocker oder in der befreundeten Buchhandlung Nievergelt in Zürich-Oerlikon.


Dritter Zürcher Büchner-Tag

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"Georg Büchner in Oerlikon". Ein Rundgang
Sonntag, 16. Dezember 2018, 14 Uhr

Wo Büchner bei der Einreise nach Zürich 1836 die Pferde wechselte. Was Max Frisch zum Fremden und dem Fremden in der Stadt zu sagen hatte. Wie Max Bills geplantes Büchner-Monument aussah, und warum der Louis-Häfliger- Park in der Büchner’ schen Tradition steht.

Fürs ursprünglich geplante Datum, den 9. Dezember, war ein Sturm vom Paradiese her aufgezogen, so dass der dritte Zürcher Büchner-Rundgang auf Sonntag den 16. Dezember verschoben wurde, wo sich dann trotz frisch gefallenem Schnee zwei Dutzend Büchner-Fans auf den Weg machten. "Georg Büchner in Oerlikon", Fragezeichen? Ja, dazu gab es Etliches zu sagen, wie Stefan Howald zu belegen suchte, unterstützt durch die Rezitatoren Adrian Riklin und Armin Büttner und ergänzt durch lokales Wissen. Den kühlen Temperaturen trotzte man mittels einer Mischung von Originaltexten, historischen Fakten und Konjekturen, etwa bei der ehemaligen Binzmühle, wo Büchner sich womöglich vielleicht gestärkt hat, als er von Baden über die Lägern nach Zürich wanderte. Die Industrialisierung in Oerlikon wurde beim MFO-Park mit dem "Hessischen Landboten" unterlegt; zu erfahren war, was Max Frisch und Max Bill zu Büchner zu sagen hatten, und es gab Hinweise auf die Schwester des Dichters, Luise Büchner, eine bedeutende Frauenrechtlerin und Bildungsreformerin, sowie auf die Auftritte von Therese Giehse im "Woyzeck". Zu all diesen Beziehungen ist eine kleine Broschüre via den bücherraum f zu beziehen.

Bericht über den Rundgang von Stefan Howald


Geburtstagslesung

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Esther Spinner liest zu ihrem 70. Texte aus 40 Jahren
Freitag, 30. November 2018, 19 Uhr

Esther Spinner publiziert seit 1981 Romane, Kinderbücher und Anagramme. Sie ist Mitbegründerin von Femscript und der Anagramm-Agentur. Sie Arbeitet als Kursleiterin für kreatives Schreiben. Im Gespräch mit ihrer Kollegin Wanda Schmid erzählt sie von ihrem Schaffen.

Erstaunlich, wie viele Menschen in den bücherraum f hineingehen. Dreissig Minuten vor Beginn der Geburtstagslesung von Esther Spinner am 30. November waren unsere 25 Stühle ausgebucht, und eine Viertelstunde später waren auch die meisten Reserveklappstühle mit Beschlag belegt. Schliesslich hockte man auf dem Schreibtisch, einige kauerten der Autorin zu Füssen, auch die strategische Reserve der Rollhocker war längst eingesetzt, so dass der Schriftstellerin aus Schaffhausen nur noch der umgekehrte, immerhin gut gepolsterte Putzeimer angeboten werden konnte, ohne Sicht auf die Lesenden. Zusammen mit den beiden zuletzt eingetroffenen Besucherinnen, die an den Türpfosten der offen gebliebenen Tür lehnten, waren wir 64 Leute. Vierundsechzig.

Verena Stettler, die erste Verlegerin, erinnerte launig an die Anfänge der "Spinnerin" und daran, dass Esther Spinner wieder zu ihr, nämlich zur edition 8, zurückgekehrt sei. Danach folgte ein Zwiegespräch zwischen Wanda Schmid und Esther Spinner, weit reichend, alle Bücher beleuchtend, mit Anekdoten und ironischen Zwischenbemerkungen und Originaltexten durch Esther, entlang ihrer vielfältigen Produktion und ihrer Erfahrungen in verschiedenen Kulturen. Danach gab es Käse und Salsiz und Birnenbrot und Wein und Säfte und Blumen sowie ein kurzes bengalisches Feuer (die Feuerlöschdecke griffbereit); alle Frauen (und die wenigen dazwischen versprenkelten Männer) amüsierten sich ausgiebig, nach zehn Uhr verabschiedete sich die fröhliche Gesellschaft, mit dem Versprechen, gerne wieder zurückzukehren. Esther Spinner hat allen Teilnehmenden noch einen Dankesbrief geschickt.

Liebe Freundinnen, liebe Freunde
wunderbar, dass ihr alle dabei gewesen seid an meiner Geburtstagslesung. Noch bin ich überwältigt von der Menge der Zuhörenden, von den Karten und Blumen und Buchgeschenken. Mein Stubentisch überquillt: Gedichtbücher, leere Bücher zum Dreinschreiben, Karten, Blumen, Wein und Taralli, Badener Steine und Kirschstängeli, Essenseinladungen. Mein Herz ist voll.
Ganz besonders bedanken möchte ich mich bei Monika und Stefan, die den Bücherraum f für die Lesung zur Verfügung stellten, die Werbung organisierten und am Abend selbst Trittleitern und Hocker herbei zauberten, Tische unter Druckern hervorholten und am Schluss sämtliche Gläser wuschen und trockneten. Grossen Dank auch an Christine Mühlberger, deren Käse, Wurst und Früchtebrot einfach unglaublich gut schmecken, und an meinen Neffen Matthias, der den Wein ausschenkte und das Buffet betreute.
Ebenso grossen Dank an die wunderbar witzige Einführung von Verena Stettler und die wertschätzende Vorstellung meiner Bücher durch Wanda Schmid. Ihre Fragen konnte ich nicht immer beantworten, weil ich mich schlicht an vieles nicht mehr erinnere - doch da es sich ja um einen 70. Geburtstag handelte, wird man mir das nachsehen.
Euch allen danke ich ganz herzlich. Euer Dasein hat meinen Geburtstag zu etwas ganz Besonderem gemacht. Eure guten Wünsche werden mich begleiten. Auch ich wünsche euch alles Gute fürs alte und fürs neue Jahr.
Seid herzlich gegrüsst
Esther


ausgelesen

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Ruedi Küng (Publizist, InfoAfrica) stellt Bücher aus der Bibliothek vor
Montag, 19. November 2018, 19 Uhr

Der Publizist Ruedi Küng beschäftigt sich seit mehr als 35 Jahren intensiv mit Afrika. Einst Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz IKRK, war er zwölf Jahre lang Afrikakorrespondent von Radio SRF. Er hat in Uganda, Südafrika, Kenia und im Sudan gelebt und arbeitet heute mit InfoAfrica.ch selbständig als Afrikaspezialist.

Beim dritten "ausgelesen" am 19. November bot Ruedi Küng einen eloquenten, fulminanten Ritt durch die afrikanische Geschichte und die europäische Wahrnehmung Afrikas, anhand von Frauenromanen, etwa von Mariama Bâ und Ken Bugul, wobei er letztere Autorin aus persönlicher Kenntnis plastisch machen konnte und auch problematische Aspekte afrikanischer Gesellschaften wie die Polygamie thematisierte. Mit einem Buch von Louis Althusser (der so etwas wie ein Leitmotiv des bücherraums f wird) griff er tief in die eigene intellektuelle Geschichte zurück, inklusive dem Tondokument einer einstigen Radiosendung; danach skizzierte er das vielfältige Leben der Journalistin und Schriftstellerin Ruth Weiss, befürwortete anhand eines neuen Lehrkundebuchs über Afrika eine Haltung der Neugier und Unvoreingenommenheit, kam mit Elnathan John auf die aktuelle Situation in Nordnigeria zu sprechen und schwärmte schliesslich über ein nicht mehr erhältliches französischsprachiges Buch zu "Reines africaines", dessen deutsche übersetzung er als eigentlichen Skandal zu schildern verstand. Seine Ausführungen schloss er mit einem improvisierten Hinweis auf ein Buch, in dem sich Bier und Wandern aufs Schönste verknüpfen; und da er uns das Werk über die afrikanischen Königinnen überlassen hat, haben wir ihm unsererseits das Bierwanderbuch geschenkt.

Ruedi Küng hat uns zudem die Liste mit den genauen bibliografischen Angaben der zitierten sowie von weiteren nur kurz erwähnten Büchern zur Verfügung gestellt:

Mariama Bâ (1921-1981): "Une si longue lettre" (1979), deutsch "Ein so langer Brief. Roman eines Frauenschicksals" (1983)

dieselbe: "Un chant écarlate" (1981), deutsch "Der scharlachrote Gesang" (1982)

Ken Bugul (*1947): "Le Baobab fou" (1984), deutsch "Die Nacht des Baobab" (1985)

dieselbe: "Cendres et braises" (1994)

dieselbe: "Riwan ou le chemin du sable" (1999), deutsch "Riwan oder der Sandweg" (2016)

Louis Althusser (1918-1990): "Philosophie et Philosophie spontanée des savants" (1967), deutsch "über die Unterschiede und das Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft" (1974)

Kirsten Rüther (*1966): "Afrika: genauer betrachtet" (2017)

Ruth Weiss (*1924): "Wege im harten Grass" (1994, erw. 2016)
Autobiografie der brillanten und erfolgreichen Wirtschaftsjournalistin und Autorin zahlreicher Bücher. Im Zuge der Judenverfolgung durch die Nazis in Deutschland emigrierte sie als Zwölfjährige mit ihrer Mutter und Schwester nach Südafrika zum Vater, der bereits zuvor emigriert war, und geriet in die von Rassenwahn gezeichnete Welt der Apartheid.

Christine von Garnier (*1942): "Ich habe einen der letzten Kolonialherren Afrikas geheiratet" (1987), französisches Original "Namibie. Les derniers colons d'Afrique" (1987).
Autobiografie der Jahre 1967 bis 1987 der jungen Sozialwissenschaftlerin aus Neuchâtel, die der Liebe zu einem adligen Deutschen, dessen Eltern nach Südwestafrika ausgewandert waren, folgte und in eine Gesellschaft von Rassenüberheblichkeit, Apartheid und Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung geriet.

Sylvia Serbin: "Reines d'Afrique et héroïnes de la diaspora noire" (2004).
Eine faszinierende Studie über "schwarze Frauen, die durch ihre Taten die Kämpfe der Menschheit unterstützt haben" (Widmung).

Dazu die betrübliche Geschichte der deutschen Ausgabe durch den Peter Hammer Verlag (2006). Diese missachtet und verfälscht durch einzelne, nicht als solche erkenntliche Zusatztexte und Illustrationen in nicht akzeptabler Weise die Aussagen der Autorin. Das deutschsprachige Buch musste auf Intervention der Autorin vom Markt genommen werden und ist auch in den online-Katalogen der schweizerischen Bibliotheken nicht vorhanden. Ein Exemplar war antiquarisch auffindbar und wird mit der unerlässlichen Information im bücherraum f greifbar sein.

Schlusspunkt:

Monika Saxer vom bücherraum f: "Bierwandern Schweiz. Der erfrischendste Weg, die Schweiz zu entdecken" (2014)

Erwähnt, nicht besprochen und nicht im bücherraum f vorhanden:

José Eduardo Agualusa (*1960): "A Rainha Ginga" (2015). über die Königin Nzinga, die im 16./17. Jahrhundert den portugiesischen Eroberern erfolgreich die Stirn bot. Nicht auf Deutsch übersetzt.

Wilfried N'Sondé (*1968): "Un océan, deux mers, trois continents" (2018). über die mühselige Reise von Nsaku Ne Vunda als diplomatischer Gesandter Dom Antonio Manuel der Bakongo nach Rom in den Vatikan. Papst Paul V hatte um die Entsendung eines Botschafters ersucht. Die Reise fand anfangs des 17. Jahrhunderts auf einem Sklavenschiff via Brasilien statt. Nicht auf Deutsch übersetzt.

Patrice Nganang (*1970): "Mont plaisant" (2011). über König Njoya des Bamum-Königreiches in West-Kamerun, der anfangs des 20. Jahrhunderts mit seinem Volk in die Kriegswirren der Kolonialmächte Deutschland, England und Frankreich geriet. Deutsch: "Der Schatten des Sultans" (2012).

derselbe: "Saison des prunes" (2013). über die sogenannten tirailleurs sénégalais, die im Zweiten Weltkrieg von den verfeindeten Mächten rekrutierten afrikanischen Soldaten. Charles de Gaules wollte nach Kriegsende keinen von ihnen an der grossen Parade auf den Champs Élysées dabei haben. Deutsch: "Zeit der Pflaumen" (2014)


ausgelesen

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Jakob Tanner (Historiker) stellt Bücher aus der Bibliothek vor
Montag, 5. November 2018, 19 Uhr

Seit Jahrzehnten ein profilierter Autor und bis 2015 Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich, befasst sich Jakob Tanner zurzeit unter anderem mit den beiden grossen Konfliktjahren 1918 und 1968, und dies nicht nur in der Schweiz. Seine "Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert" von 2015 ist mittlerweile ein Standardwerk.

Die Veranstaltung mit Jakob Tanner füllte den bücherraum f am 5. November wiederum ansehnlich, wobei sich eine Kontinuität im Buchuniversum herstellte, weil diesmal der Verleger anwesend war, der einst jenes Buch von Elisabeth Gerter wieder aufgelegt hatte, das Elisabeth Joris im ersten "ausgelesen" erwähnt hatte.

Jakob Tanner begann mit ein paar überlegungen zum Medium Buch als beweglich-unbewegliches Objekt und zu Bibliotheken; seine Auswahl (Frans Masereel / Marxens "Grundrisse der Kritik der politischen ökonomie" / Susan Sontag: "Krebs als Metapher" / Charlotte Brontë: "Jane Eyre" / Claudia Roth: "Urban Dreams" - als Geschenk an die Bibliothek) beschäftigte sich auch mit Bildern, Gemälden ebenso wie Metaphern; wie bei ihm gewohnt konnte er spielend Reflexionen über den sozialen Alltag mit deren theoretischer Aufarbeitung verbinden, und man könnte sogar als untergründiges Motiv herausarbeiten, wie sich eine kritische Haltung gewinnen lässt. Fragen entzündeten sich interessanterweise vor allem am Stichwort des esoterischen Marxismus, die Diktatur des Proletariats schwebte kurz durch den Raum, man kam aufs Verhältnis von Wirtschaft und Politik zu sprechen, und mit dem Hinweis auf Studien zu bullshit-jobs wurde sogar die unmittelbarste Aktualität in Form des verelendeten US-Mittelstands bzw. der weissen Arbeiterklasse gestreift, die sich bei den gleichentags stattfindenden mid-term-elections zumeist teilweise wieder von Trump abwandte.


ausgelesen

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Elisabeth Joris (Historikerin) stellt Bücher aus der Biblothek vor
Montag, 22. Oktober 2018, 19 Uhr

Elisabeth Joris, Historikerin und langjährige Aktivistin der Neuen Frauenbewegung, hat die im bücherraum f integrierte Bibliothek des Frauenzentrums seit den 1970er Jahren als Leserin von feministisch geprägter Theorie und Literatur genutzt. Neben den bahnbrechenden "Frauengeschichte(n)" von 1986 finden sich in ihren Büchern immer wieder "Tiefenbohrungen" im doppelten Wortsinn.

Im vollen bücherraum f liessen sich bei der ersten Veranstaltung in der neuen Reihe "ausgelesen" mindestens drei Oerlikon-Ansässige identifizieren, umgekehrt war eine Besucherin sogar aus Luzern angereist. Elisabeth Joris stellte eine knappe Stunde lang sachkundig und mit Verve sechs Bücher aus der Bibliothek vor, literarische ebenso wie Sachbücher, von Ute Gerhards Studie zu Frauenarbeit und Rechte der Frauen im 19. Jahrhundert bis zu Maryse Condés Roman "Segou", von Elisabeth Gerter und Ursula Isler bis Bridget Anderson. Ausgehend von der ursprünglichen eigenen Lektüre verstand sie es in handgreiflicher, taktiler Präsentation, die weitergehende Bedeutung der Bücher leuchtend zu vermitteln, ebenso historisch verortet wie mit aktuellen Bezügen. Daran schloss sich ein lebhaftes Gespräch, das sich vor allem um die St. Galler Textilindustrie drehte, von persönlichen Erfahrungen bis hin zur Editionsgeschichte von Gerters Roman "Die Sticker". Die Präsentationen von Elisabeth Joris wurden vom Zürcher Lokalradio Lora aufgezeichnet und sind dort als podcast zugänglich..


Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte

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eine Lesung von Ahima Beerlage
Montag, 1. Oktober 2018, 19 Uhr

Ahima Beerlage erzählt aus ihrem bunten, facettenreichen und oft turbulenten Leben als lesbische Feministin, Moderatorin, Queer-Party-Veranstalterin und Autorin. Beerlage, 1960 im Ruhrpott geboren, studierte in Marburg und zog 1987 nach Berlin. 1998 erschien der Roman "Sterne im Bauch".

Bei der ersten Veranstaltung im bücherraum f am 1. Oktober 2018 erfüllten rund dreissig Zuhörerinnen den Raum mit Leben und Kultur. Madeleine Marti, die die Lesung im Namen des Vereins Sappho vermittelt hatte, hielt eine schöne, präzise Einleitung; in der gut einstündigen Lesung aus ihrem Buch "Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte" gab Beerlage einen kurzweiligen Querschnitt durch ihre Sozialisierung und Politisierung, vom Ruhrpott in die glitzernde Queer-Szene in Berlin, plastisch die sich langsam liberalisierenden Zeitumstände schildernd, mit scharfem Auge und trockenem Humor, aber auch mit einiger Kritik an den sich verfestigenden Fraktionen innerhalb der LGBT-Bewegung in Berlin.


Eröffnung

Samstag, 8. September 2018


IMPRESSUM: Inhalt Verein bücherraum f, Webdesign: Monika Saxer